Globalisierung als hegemoniales Projekt? Antonio Gramsci und die Internationale Politische Ökonomie

Die neokoloniale Ausbeutung der Menschen und Ressourcen des globalen Südens oder die Verschärfung des Klimawandels durch den Anstieg exportbedingter Produktion sind neben der Internationalisierung wirtschaftspolitischer Beziehungen zentrale Aspekte der Globalisierung. In dieser Veranstaltungen soll untersucht werden, wie die neogramscianisch inspirierte Internationale Politische Ökonomie (IPÖ) diese Prozesse erklärt. Antonio Gramsci berücksichtigte in seinen Überlegungen zur gesellschaftlichen Hegemonie die Dialektik zwischen Staat und Wirtschaft und verbindet darin Analyse, Kritik und Emanzipationsperspektiven. Seine Konzeptionen wurden von VertreterInnen der IPÖ aufgegriffen, um u.a. die Dichotomie eines ‘entfesselten Marktes’ gegenüber dadurch handlungsunfähig werdender Nationalstaaten zu dekonstruieren, da sonst die dahinter stehenden sozialen Gefüge ignoriert werden, obwohl sie ein zentraler Strukturierungsfaktor sind.

von Dalilah Reuben-Shemia

Ist es intellektuell verantwortbar beim heutigen Kenntnisstand über die Komplexität der Welt, die klassenspezifische Machtverteilung innerhalb einer Gesellschaft auf zwischenstaatlicher Ebene auszublenden? Wie beeinflussen wirtschaftliche Strukturen Armut auf globaler Ebene und was hat das mit politischen Prozessen zu tun? Kann man Wirtschaft, Politik und Gesellschaft wirklich unabhängig voneinander analysieren oder ist die Disziplinierung der Wissenschaft nicht viel mehr eine politisch gewollte Isolierung stark miteinander interagierender Bereiche? All diesen und vielen weiteren Fragen widmet sich die sozialwissenschaftliche Disziplin der Globalen oder Internationalen Politische Ökonomie (GPE/IPÖ). Sie verbindet die Analyse internationaler Beziehungen mit Politischer Ökonomie und versucht sowohl Politikwissenschaften, Wirtschaftstheorien, als auch Soziologie und Cultural Studies miteinander zu vereinen. Während in den Internationalen Beziehungen verzweifelt nach einer Supermacht unter den Staaten gesucht wird, die Soziologie durch die Zersplitterung verschiedenster Kategorisierungen der Gesellschaft den Überblick verliert und in den Politikwissenschaften die aus der Gesellschaft hervorgegangenen Institutionen und Strukturen unabhängig von dieser betrachtet werden, versucht die GPE das alles zusammenzudenken. Auch internationale Wirtschafts- und Politikstrukturen sind eng mit Klassenverhältnissen und verbunden.

Die neokoloniale Ausbeutung der Menschen und Ressourcen des globalen Südens oder die Verschärfung des Klimawandels durch den Anstieg exportbedingter Produktion sind neben der Internationalisierung wirtschaftspolitischer Beziehungen zentrale Aspekte der Globalisierung. In dieser Veranstaltungen soll untersucht werden, wie die neogramscianisch inspiriert IPÖ diese Prozesse erklärt. Antonio Gramsci berücksichtigte in seinen Überlegungen zur gesellschaftlichen Hegemonie die Dialektik zwischen Staat und Wirtschaft und verbindet darin Analyse, Kritik und Emanzipationsperspektiven. Hegemonie ist für Gramsci die Fähigkeit einer gesellschaftlichen Gruppe oder eines Bündnisses, die Gesellschaft zum eigenen Vorteil zu verändern und für dieses Projekt von der Mehreit der Bevölkerung sogar moralische sowie praktische Unterstützung zu erfahren. Der hierfür notwendige gesellschaftliche Konsens wird zum einen in sozialen Auseinanderstzungen in öffentlichen Diskursen gestiftet, zum anderen jedoch auch durch materielle Einbindung (Lohnerhöhung, Konsummöglichkeiten) als Teil einer ‘passiven Revolution’. Diese ‘Revolution ohne Revolution’ transformiert die Gesellschaft nicht plötzlich, wie es bei aktiven, subversiven Revolten der Fall ist, sondern durch allmähliche, subtile Prozesse und Strukturwandel. Auch der globalisierte Kapitalismus ermöglicht dem Nordwesten enorme Konsummöglichkeiten und einen hohen Lebensstandard. Durch die Erschließung neuer regionaler Märkte, das wachsende Angebot neuer Produkte und die Reduktion der Kosten aufgrund biller Arbeitskräfte wird die Wirtschaft am Laufen gehalten. Dies geschieht jedoch nicht nur zu Lasten der Menschen im globalen Süden, sondern – aufgrund des dafür notwendigen wachsenden Bedarfs an Ressourcen – auch auf Kosten der Natur. Seine Konzeptionen wurden von VertreterInnen der IPÖ auch aufgegriffen, um die Dichotomie eines ‘entfesselten Marktes’ gegenüber dadurch handlungsunfähig werdender Nationalstaaten zu dekonstruieren, da sonst die dahinter stehenden sozialen Gefüge, ignoriert werden, obwohl sie ein zentraler Strukturierungsfaktor sind. Denn die Liberalisierung der Märkte und die Möglichkeiten der Privatisierung vormals öffentlicher Güter sind politische Entscheidungen. Die Freihandelsbewegung ist ein politisches Projekt, das auch durch Staaten vorangetrieben wurde.

Ablauf der Veranstaltung

Nach einer Einführung in die Internationale Politische Ökonomie, ihrer Forschungsgegenstände und wissenschaftlichen, gesellschaftlichen sowie politischen Bedeutung, können die TeilnehmerInnen Teile von Antonio Gramscis Konzeptionen kennenlernen, um ihre Verwendung für die Erklärung von Globalisierungsprozessen nachvollziehen zu können. Anhand konkreter Beispiele sollen die wichtigsten Erkenntnisse des Neogramscianismus, aber auch seine Grenzen und Schwierigkeiten vorgestellt werden. In der daran anschließenden Diskussionen soll auch herausgearbeitet werden, inwiefern Gramscis Konzepte eine gegenhegemoniale Perspektive ‘von unten’ ermöglichen könnten. Denn ein Hauptkritikpunkt an der neogramscianischen IPÖ ist die Überbetonung der Handlungs- und gesellschaftlichen Gestaltungsfähigkeit wirtschaftlicher Eliten. Es gibt jedoch nur wenig Ansätze einer emanzipatorischen IPÖ. Wie das aussehen könnte und ob das möglich und sinnvoll ist, soll daher auch gemeinsam diskutiert werden.

(I.) Input: (45 Minuten)
Einführung in die Internationale Politische Ökonomie – Schwerpunkte und Bedeutung
Antonio Gramsci – Kurzbiographie und zentrale Konzepte
Neogramscianismus – Erklärung von Globalisierungsprozessen

(II.) Moderierte Diskussion (45 Minuten)
z.T. vorbereitete Fragen, teils Fragen der TeilnehmerInnen – Gegen-Hegemonie in der Globalisierung/ Emanzipative IPÖ/Sozialwissenschaften

Dalilah Reuben-Shemia, hat Sozialwissenschaften an der HU studiert und ihre BA-Arbeit zur Internationalen Politischen Ökonomie geschrieben. Sie war lange beim globalisierungskritischen Netzwerk Attac aktiv und wird nun den Master Global Political Economy in Kassel beginnen.

Dieser Beitrag wurde eingereicht von Dalilah Reuben-Shemia.

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23 Kommentare bis “Globalisierung als hegemoniales Projekt? Antonio Gramsci und die Internationale Politische Ökonomie”

  1. Georg Krajewsky sagt:

    Der Workshop hat begonnen. Daliah hat in der HU in Berlin studiert und wird bald nach Kassel wechseln, um Global Political Economy zu studieren. Heute leitet sie einen Workshop zu Globalisierung als hegemoniales Projekt. Ich bin Georg und werde live aus dem A111 berichten.

  2. Georg Krajewsky sagt:

    Der Ablauf wird abgesteckt Zunächst wird geklärt, was globale politische Ökonomie ist. Kurz IPÖ. Anschließend werden wir uns mit Antonio Gramsci befassen, der Frage nachgehen, was Neogramscianismus ist. Danach ist eine Kleingruppendiskussion vorgesehen.

  3. Georg Krajewsky sagt:

    Was ist Hegemonie? Hegemonie ist nicht Herrschaft, sondern entspricht eher einem Prozess, der Zustimmung für eine bestimmte Ideologie und Lebenspraxis herstellt. In der Zivilgesellschaft wird um Deutungshoheit gekämpft.

    Staat = Zivilgesellschaft + Zwang
    Zu Staat meint Gramsci: “Hegemonie gepanzert mit Zwang”

  4. Georg Krajewsky sagt:

    Erste spannende Frage: Ist die Arbeiterklasse für Gramsci das Subalterne? Das ist wohl nicht ganz eindeutig.

    Soll Hegemonie abgeschafft werden oder läuft eine Revolution auf die Hegemonie der Subalternen hinaus. Der Hegemonie der Arbeiterklasse? Es gibt wohl keine hegemoniefreie Räume. Es gibt allerdings eine Anmerkung zur Gegenhegemonie. Dabei geht es nicht um eine Umkehrung sondern um eine ganz neue Hegemonie soll gestaltet werden.

  5. Georg sagt:

    Der Workshop geht in die Kleingruppenphase. Dazu werden erste Fragen vorgestellt. Wer sind die “organischen Intellektuellen”? Wer sind die “Subalternen”? Wer sind die Eliten heute?

  6. Georg sagt:

    Außerdem soll diskutiert werden, ob es möglich ist “emanzipatorische Sozialwissenschaften” zu betreiben? Darf man das? Kann man das überhaupt? Liebe Kongressteilnehmende aufgehorcht!

  7. Georg sagt:

    Gruppeneinteilung mit Durchzählen. Der Sportunterricht lässt grüßen. Sport frei, liebe Diskutant_innen!

  8. Georg sagt:

    Die Kleingruppen stellen nun ihr Ergebnisse vor. Die erste Gruppe hat sich mit den Akteur_innen bei Gramsci befasst.
    Wer zur Hölle sind die organischen Intellektuellen? Sprachrohre verschiedener Gruppierungen bzw. Klassen im “gesellschaftlichen” Kampf. Aus dem Milieu. Für das Milieu. Die Subalternen. Nicht-Eliten, Ziel der Überzeugungsarbeit?

  9. Georg sagt:

    Gramscis Begriffe auf globaler Ebene. Erster Schritt zur Beantwortung der Frage, ob die Globalisierung ein hegemoniales Projekt ist.

    Ist Bono ein organischer Intellektueller im Gramscis Sinne? Wohl eher nicht, da er nicht aus dem Milieu kommt für das er vorgibt sich einzusetzen.
    Eine Frage an alle.
    Wo sind die (organischen) Intellektuellen hin? Hat jemand ein Beispiel. Habermaß ging nicht durch.

  10. Georg sagt:

    Gruppe 2. Ist die Globalisierung ein hegemoniales Projekt?

    Ja, im Sinne einer neoliberalistischen Globalisierung. Ja, da nicht nur der “weiche” Diskursteil der Hegemonie wirkt, sondern auch direkter Zwang (Strukturanpassungsmaßnahmen) durch internationale Organisationen.

    Das es so ist scheint klar. Wie es dazu gekommen ist, erscheint kontroverser.

    Könnte es nicht eine logische Konsequenz der kapitalistischen Entwicklungstendenzen sein? Das würde gegen ein Hegemonieprojekt im Sinne Gramscis sprechen.

    Die Globalisierung als hegemoniales “Projekt” erscheint fraglich. Das es irgendwie hegemonial ist, d’accord, aber ein planvolles Projekt ist es nicht.

  11. Georg sagt:

    Emanzipatorische Sozialwissenschaften. D.h. für die Gruppe Selbstreflexion und Veränderung.

    Was könnten die Voraussetzungen sein. Autonome Subjekte, kein instrumenteller Zwang (Geld), Transparenz des eigenen Standpunkts, privilegierter Standpunkt.

    Wie könnte das aussehen?
    Ideologiekritik. Das Ziel ist ein “es könnte anders sein”. Dekonstruktionsmöglichkeiten und Histrorizität. Die Dinge in ihren geworden sein begreifen. Geschichte nicht als Fortschrittsgeschichte verstehen. Walther Benjamin lässt grüßen. Eine Lanze gegen Expert_innenwissen, Spezialist_innentum und Fachidiotismus. Kurz: Weltverständnis. Es geht ums Ganze.


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