Komplexe alte neue Bildungswelt – Ergebnisse einer empirischen Untersuchung zu Bildung und Studium in den Sozialwissenschaften

Es sollen hier die empirischen Ergebnisse einer kritischen Studie zur studentischen Lebensweltforschung aus dem Jahr 2009/2010 vorgestellt werden. Der Vortrag zielt auf die sich im Wandel befindende Bildungskultur und soll die Transformationen innerhalb des Hochschulwesens aus zeitdiagnostischer Perspektive und auf empirischer Grundlage diskutieren.

von Jennifer Ch. Müller

Dabei weist die Situation der Studierenden eine gesellschaftliche Signifikanz auf, da das Studium eine Lebensphase darstellt, welche durch sehr hohe Kontingenz und äußerst große Folgenreichheit sowie nur eingeschränkte Selbstorganisationsmöglichkeit gekennzeichnet ist. Es werden in dieser Lebensphase Entscheidungen notwendig, die systematisch immer zu früh sind, ähnlich wie dies im mehrgliedrigen Schulsystem nach der Grundschule der Fall ist. Gerade seit der Umstrukturierung und der geplanten Vereinheitlichung des europäischen Hochschulraums im Zuge des Bologna-Prozesses müssen die Angehörigen der Hochschulen zudem mit Entgrenzung und sachlicher, sowie räumlicher Rekonfiguration ihres Lebens-, Bildungs- und Arbeitsraumes umgehen. (vgl. Sorbonne-Declaration1998, Bologna-Deklaration 1999, Prag-Kommunikee 2001, Göteborg-Deklaration 2001, Berlin-Kommunikee 2003, Bergen-Kommunikee 2005, London-Kommunikee 2005, Leuven-Kommunikee 2009, Budapest-Wien-Erklärung 2010) Die Ausgestaltung solcherlei Prozesse und deren Folgen für soziales Handeln in sich neu konstituierenden Raumbezügen wurde durch eine qualitative empirische Erhebung zur Situation der Studierenden alter und neuer Studienordnung erfasst. Die Vorstellungen der Studierenden von Bildung wurden im sozialwissenschaftlichen Feld untersucht und vor der heuristischen Kontrastfolie der historisch-theoretischen Entwürfe (vgl. Kant 1992, Kant in Vorländer 2004, Humboldt 1964, Humboldt in Müller 1990, Fichte 1919, Schleiermacher 1998, Hegel in Müller 1990, Assmann 1993, Adorno 1982, Adorno 2006, Horkheimer 1985) zur Spezifikation der studentischen Einstellungen und Auffassungen, betrachtet. Zur Ermittlung und Sichtbarmachung von Verständigungsprozessen über Bildung und daraus resultierenden Vorstellungen von einem guten Studium und angemessenen Studienstrategien wird in dem Vortrag die angewandte Methode des Gruppendiskussionsverfahrens kurz vorgestellt und die Ergebnisse der Untersuchung dargelegt. Da die sozialwissenschaftlich-studentische Bildungskultur schließlich mehr als die bloße Agglomeration der Vorstellungen von Fakultätsmitgliedern darstellt und die Einzelbefragung in diesem Themenbereich keine umfassende Erkenntnis bieten kann, musste hier auf das Gruppendiskussionsverfahren zurückgegriffen werden. Gerade in Zeiten von Bologna muss die Transformation von Bildungsprozessen als „Symptom eines umfassenden Strukturwandels der Gesellschaft“ (Oelze 2010: 179) gesehen werden und damit ist schließlich nicht zuletzt eine neue Herausforderung an die kritische soziologische Reflexion von Bruchzonen des gesellschaftlichen Wandels gesetzt.

LITERATUR
Adorno, Theodor W. (2006): Theorie der Halbbildung. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Adorno, Theodor W. (1982): Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959 – 1969. 8.Aufl. Frankfurt: Suhrkamp.
Assmann, Aleida (1993): Arbeit am nationalen Gedächtnis. Eine kurze Geschichte der deutschen Bildungsidee. Frankfurt, New York: Campus Verlag.
Bergen-Kommunikee (2005): http://www.bmbf.de/pub/bergen_kommunique_dt.pdf (31.03.2010)
Berlin-Kommunikee (2003): http://www.bmbf.de/pub/berlin_communique.pdf (31.03.2010)
Bologna-Deklaration (1999): http://www.bmbf.de/pub/bologna_deu.pdf (31.03.2010)
Budapest-Wien-Deklaration (2010): http://www.bmbf.de/pub/erklaerung_budapest_wien. pdf (31.03.2010)
Fichte, Johann Gottlieb (1919): Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höhern Lehranstalt, in: Spranger, Eduard (Hg.): Über das Wesen der Universität. Neue Ausgabe. Leipzig: Verlag von Felix Meiner. S. 1-104.
Göteborg-Deklaration (2001): http://www.esib.org/index.php/issues/Mobility/396-student-goeteborg-declaration?format=pdf (31.03.2010)
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1990): Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin, in: Müller, Ernst (Hg.): Gelegentliche Gedanken über Universitäten. 1. Aufl. Leipzig: Reclam. S. 284-290.
Horkheimer, Max (1985): Begriff der Bildung. Soziologisches, Universität und Studium, in ders.: Gesammelte Schriften, Vorträge und Aufzeichnungen. Frankfurt am Main: Fischer. S. 409-419.
Humboldt, Wilhelm von (1964): Bildung des Menschen in Schule und Universität. Heidelberg: Quelle & Meyer.
Humboldt, Wilhelm von (1990): Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin, in: Müller, Ernst (Hg.): Gelegentliche Gedanken über Universitäten. 1. Aufl. Leipzig: Reclam. S. 273-283.
Kant, Immanuel (1992): Der Streit der Fakultäten. 2., veränd. Aufl. Leipzig: Reclam.
Kant, Immanuel (2004): Was ist Aufklärung?, in Vorländer, Karl (2004): Immanuel Kant. Der Mann und das Werk. Sonderausg. nach der 3. erw. Ausg. von 1992. Wiesbaden: Marix-Verl. S. 326-328.
Leuven-Kommunikee (2009): http://www.bmbf.de/pub/leuvener_communique.pdf (31.03.2010)
London-Kommunikee (2007): http://www.bmbf.de/pub/Londoner_Kommunique_Bologna_d.pdf (31.03.2010)
Prag-Kommunikee (2001): http://www.bmbf.de/pub/prager_kommunique.pdf (31.03.2010)
Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst (1998): Universitätsschriften. Herakleitos. Kurze Darstellung des theologischen Studiums.
Sorbonne-Declaration (1998): http://www.bologna-berlin2003.de/pdf/Sorbonne_declaration.pdf (31.03.2010)
Oelze, Berthold (2010): Für eine kritische Soziologie des Bologna-Prozesses. Soziologie. Forum der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Jg. 39, Heft 2. S. 179-185.
Leopold
Ringel,
Georg
Reischauer,
Eva
Wimmer,
Daniela
Suchy 
(Universität
Wien)


Jennifer Ch. Müller,

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28 Kommentare bis “Komplexe alte neue Bildungswelt – Ergebnisse einer empirischen Untersuchung zu Bildung und Studium in den Sozialwissenschaften”

  1. Jennifer Ch. Müller promoviert in Gießen und stellt hier eine Studie zu einer empirischen Untersuchung zum Thema Bildung und Studium im Bereich der Sozialwissenschaften

  2. Ausgangspunkt für ihre Arbeit waren die Studentenproteste der letzten Jahre (Bildungsstreiks 2009).

    Frage: “Wie stellen sich die Studierenden/Protestierenden gute Bildung eigentlich vor?”

  3. Erhoben wurden neben den Vorstellungen der Befragten auch deren Studienstrategien. Thematische Eingrenzung: Studierende der Sozialwissenschaften.

  4. Hypothesen am Anfang der Forschung:

    Studierende unterscheiden zwischen “Bildung” und “Ausbildung.

    Modularisierung (BA/MA) hat sich auf den Bildungsbegriff und die Studienstrategien der Befragten ausgewirkt.

    Der Bildungsbegriff und die Studienstrategien sind abhängig von der sozialen Herkunft / Milieuzugehörigkeit.

  5. Datenerhebung erfolgte im Rahmen von Gruppendiskussionen mit Szenariotechnik.

  6. “Erfolgreiches Studium” ist ein auszudeutender und zu diskutierender Begriff. Was denkt ihr? Gehört die Selbstfinanzierung des Studiums zum erfolgreichen Studieren dazu?

  7. Nun zu den Ergebnissen der Studie:

    Zwei Gruppen:

    1. Gruppe: Alles junge Studierende (20-25) nach neuer Studienordnung
    2. Gruppe: Ältere Studierende (23-30) nach alten Studienordnungen (verschiedene Fachkombinationen)

  8. Auch die Gruppe 1 scheint Interesse an einer interdisziplinären Ausbildung zu haben. Auch praktische Erfahrungen werden in dieser Gruppe als wichtig wahrgenommen.

  9. Arbeitsmarktorientierung scheint aber auch eine Rolle in der Gruppe der BA-Studierenden zu spielen. Arbeitskraftunternehmer-Verhalten ist erkennbar: Optimierung des eigenen Input-Output-Verhältnisses im Studium.

  10. Was ist wichtiger: Arbeitsmarkt-Nutzen oder Selbstentfaltung?

  11. So. Nun zu Gruppe 2 (den Magister- und Diplom-Studierenden):

    Vielfältigkeit in der Ausbildung wird als wichtig eingeordnet. Dauer des Studiums wird nicht als geeignetes Beurteilungskriterium angesehen.

  12. Bildung wichtiger als Abschluss.

  13. Bildung ist ein Prozess, der den Menschen verändert.

  14. So. Und nun die Zusammenfassung:

    Beide Gruppen:
    - bewerten Aufwand höher als Ergebnis (im Sinne von benoteten Leistungen etc.)
    - sehen einen Widerspruch zwischen wirtschaftlicher Verwertbarkeit / Ergebnisorientierung vs. umfassender Bildung

    Es wurden als Ergebnis der Gruppendiskussion keine wesentlichen Unterschiede in Bezug auf den Bildungsbegriff zwischen BA/MA und Dipl/Magister-Studierenden gefunden werden.

  15. Jaydee sagt:

    With all these silly websites, such a great page keeps my inetnert hope alive.


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