Deprofessionalisierung der Wissenschaft durch Evaluationen?

“Wissenschaft [steht] unter Beobachtung” (Matthies/Simon 2007) und leidet mittlerweile möglicherweise sogar an “Evaluitis” (Frey 2007), denn innerhalb der letzten Jahre sind Wissenschaftsevaluationen wie Pilze aus dem Boden geschossen. Fast jede deutsche Wissenschaftseinrichtung führt inzwischen eigene Evaluationen durch, der Bund verteilt via Evaluation in der Exzellenzinitiative Geld an die Hochschulen, Universitätsrankings sind zur Normalität geworden, in Großbritannien hängt gar die Grundfinanzierung der Universitäten von einem solchen Ranking-Platz ab, Ratings sind eine durch den Wissenschaftsrat derzeit erprobte Alternative, und auch die Zukunft von NachwuchsgruppenleiterInnen oder JuniorprofessorInnen hängt von Evaluationen ab. Wissenschaft scheint also Teil der “Audit Society” (Power 1997) geworden zu sein.

von Sandra Matthäus

Aufgrund dieser neuen Steuerungsinstrumente werden mehrheitlich die tief greifenden Veränderungen betont, die Evaluationen in der Wissenschaft auslösen. Es komme zu einer Einschränkung der Autonomie der Wissenschaft, da wissenschaftsfremde, ökonomische und/oder bürokratische Handlungslogiken in das wissenschaftliche Feld eindrängen und dort unkritische und opportunistische Mainstreamforschung sowie eine stärkere Gewichtung von Quantität statt Qualität beförderten. Letztlich drohe also eine Ökonomisierung und damit eine Deprofessionalisierung der Wissenschaft (Münch 2007, Espeland/Sauder 2009, Oevermann 2005, Schimank 2005, Gläser 2003, Frey 2006 & 2007).

Die bisherige Forschung zu diesem Thema ist jedoch durch eine gewisse Empirie- und Theorielosigkeit geprägt. Selten wird sich auf empirische Daten bezüglich der Effekte von Evaluationen gestützt. Wird dies doch getan, dann handelt es sich entweder um die statistische Messung einzelner Variablen deren Veränderungen auf Evaluationen zurückgeführt wird. Oftmals handelt es sich um Untersuchungen auf der Mesoebene der wissenschaftlichen Organisationen, womit also nicht das Handeln und die Orientierungen von WissenschaftlerInnen sondern lediglich von AdministratorInnen erfasst werden. Typisch ist außerdem, dass der Mehrheit dieser Studien kein trennscharfes Konzept professionell-wissenschaftlichen Handelns zugrunde liegt, so dass nur schwer tatsächlich deprofessionalisierende Tendenzen in der Wissenschaft festgestellt werden können.

Wir wissen also wenig über die eigentlichen Effekte von Evaluationen auf der Ebene des wissenschaftlichen Handelns, der eigentlichen wissenschaftlichen Arbeit. Wie nehmen Wissenschaftler Evaluationen wahr? Welche handlungsleitenden Signale senden Evaluationen eigentlich? Und vor allem, verändern ‘betroffene’ Wissenschaftler ihr Handeln aufgrund bevorstehender oder bereits durchgeführter Evaluationen? Wenn ja, was genau verändern sie? Ihre Themen, die Publikationsorte, ihre Zeiteinteilung, ihre grundsätzliche Einstellung zur Wissenschaft? Schließlich, inwiefern kann dies als deprofessionalisiert bezeichnet werden? Wie also gestaltet sich die Beziehung zwischen Evaluationen und professionellem wissenschaftlichen Handeln?

Diese Fragen sollen anhand empirischen Materials beantwortet werden. Grundlage sind dabei Ergebnisse einer explorativen Studie zu JuniorprofessorInnen in Bezug auf deren Zwischenevaluationsverfahren, welches über den Verbleib in diesem Amt entscheidet, also einschneidende Konsequenzen nach sich ziehen kann. Zum einen wurde dabei eine Analyse der offiziellen Verfahrensdokumente durchgeführt, um feststellen zu können, inwiefern wissenschaftsfremde Kriterien und Handlungslogiken bereits im Verfahren angelegt sind. Zum anderen wurden qualitative Interviews mit JuniorprofessorInnen aus Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften, vor und nach ihrer Evaluation durchgeführt. Thema dabei war ihre allgemeine Wissenschaftsorientierung, sowie ihre Erfahrungen mit dieser Evaluation. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage inwiefern diese Evaluation ihre wissenschaftliche Orientierung und/oder ihr wissenschaftliches Handeln beeinflusst hat.

Sandra Matthäus,

Dieser Beitrag wurde eingereicht von sandra.matthaeus.

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10 Kommentare bis “Deprofessionalisierung der Wissenschaft durch Evaluationen?”

  1. Im Vortrag geht’s um Forschungsevaluationsverfahren (bspw. Exzellenzinitiative in Deutschland) und deren Rückwirkung auf die Wissenschaft.

  2. In vielen Studien werden negative Rückwirkungen beschrieben – im Sinne von der Änderung der Handlungslogiken weg von wissenschaftlichen Maßstäben hin zu einer Optimierung im Sinne der Evaluationskriterien.

  3. Theoretischer Rahmen: Professionalisierungstheorie von Oevermann: Einheit von Forschung und Lehre. Entwicklung eines wissenschaftlichen Selbstverständnisses (wissenschaftliche Arbeit als Community work)

  4. Es sieht so aus, als sei im Fall der Zwischenevaluation von JuniorprofessorInnen, die auf Basis eines von ihnen selbst geschriebenen Berichts geschieht, tatsächlich noch auf einer sehr fachlichen Ebene evaluiert wird. Die Gutachter sind in diesem Fall im Wesentlichen Vertreter der Fachdisziplin und beurteilen nach fachspezifischen Maßstäben.

  5. Jetzt geht’s in die einzelnen Fälle:

    Fall 1:
    Veränderung durch die Evaluation weniger in Bezug auf die konkrete fachliche Forschungsarbeit / Ausrichtung sondern hauptsächlich in Bezug auf eine stärkere Kooperations- und Kommunikationsorientierung innerhalb des eigenen Instituts: “Nicht nur im eigenen Saft schmoren”.

  6. In diesem ersten untersuchten Fall handelte es sich um einen Charakter, der seine komplette Biographie an der Entfaltung seines Forschungsinteresses orientiert hat. Vom Befragten wurden Drittmittel und Publikationen als nicht besonders relevant für die eigene Evaluation bewertet. Allerdings hat dieser Befragte auch selbst ein recht hohes Drittmittelbudget in seine Junior-Professur eingebracht.

  7. Hier gibt es einen Unterschied zum zweiten befragten Fall (geisteswissenschaftlicher Hintergrund): Hier ist durchaus Besorgnis vorhanden, dass ein zu geringes Einwerben von Drittmitteln sich negativ auf die Evaluation auswirken könnte. Die Evaluation ist in diesem Fall schon ein wichtiger Orientierungspunkt für das Handeln der Befragten.

  8. Fazit: Es lassen sich sowohl professionalisierende als auch deprofessionalisierende Tendenzen finden. Allerdings können die Ergebnisse nicht generalisiert werden. Es wurde nur ein einziges spezifisches Evaluationsverfahren untersucht. Andere Evaluationsverfahren können sich in anderen Kontexten anders auswirken.

  9. Hängt der Umgang bzw. die Einstellung gegenüber Evaluation mit dem eigenen Standing zusammen? Unter welchem Druck stehen die evaluierten auf Grund ihrer Position im akademischen Feld?

  10. Publikumsfrage: Wie steht es mit der Anonymität der Evaluation?

    Antwort: Schwierig. Bei Junior-Professuren kann mal wohl kaum anonym evaluieren.

    Also wirken sich doch wieder die persönlichen Netzwerke als ein zentraler Faktor aus.


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