Sozialen Wandel konstatieren oder konstruieren? Möglichkeiten der Reflektion des Sozialen unter den Bedingungen der „neuen Welt“

Der Vortrag möchte einen Einblick in das Verhältnis von Praxisphilosophie und Wissenschaft im Kontext der modernen Gesellschaft liefern.
Dies anhand der diesbezüglich von Georg Lukács formulierten Überlegungen, wie sie in der Aufsatzsammlung “Geschichte und Klassenbewusstsein” veröffentlicht wurden. In der Auseinandersetzung mit der empirischen Soziologie Max Webers entwirft Lukács hier ein Konzept, das die marxsche Kapitalismusanalyse durch die hegelsche Brille als Ideologiekritik re-interpretiert, um so eine Möglichkeit aufzuzeigen, wie die Kritik des technischen Bewusstseins (wie es in Ökonomie und Wissenschaft herrscht) in eine Umwälzung der gesellschaftlichen Grundlagen münden kann. Die Möglichkeiten der Reflektion des Sozialen verweisen dabei auf die (beiden alternativen) ‘Erkenntnisformen’, die sich im Kontext der kapitalistischen Moderne prinzipiell ergeben (können). Dem Vortrag zugrunde liegt dabei eine Magisterarbeit, die sich mit der Bedeutung der Arbeiten Webers für den Begriff der Verdinglichung befasst.

Der Vortrag nimmt die klassische Differenz Moderne/Vormoderne als Grundlage zur Bestimmung der ‚neuen komplexen Welt’. Dies um: Erstens grundlegende Eigenschaften dieser Gesellschaft zu konstatieren, denen sich auch jede ‚aktuelle Zeitdiagnose’ zu stellen hat; insbesondere um die von dieser gegebenenfalls festgestellten Umbrüche kritisch auf ihre tatsächliche Tragweite hin abschätzen zu können – Zweitens um an dieser Differenz Komplexität zu bestimmen; konkret indem die ‚typischen’ Formen, vor allem aber die prinzipiellen Bedingungen und Konsequenzen ‚moderner Komplexität’ aufgezeigt werden – Drittens um die Möglichkeiten, die sich der Reflektion des Sozialen in diesem Kontext eröffnen zu erörtern; u.z. (was als Fortsetzung des letztjährigen Kongress betrachtet werden darf) hinsichtlich der Alternative zwischen einer Form der Reflektion bei der dieselbe in einer praktischen Veränderung dieses Sozialen selbst münden muss (in diesem Sinn etwa eine (noch) neue(re) Welt in der Flucht aus der ‚falschen’, ‚entfremdeten’ Komplexität ihres ‚alten’ Zustandes ‚praktisch’ konstruiert wird) und einer Form der Reflektion, die in Relation auf die bestehende Komplexität, als deren Konsequenz bestimmt wird (in diesem Sinn Soziologie als Wissenschaft von der Gesellschaft betrachtet wird, die sich einerseits im Zuge der Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Teilbereiche erst mit Entstehung eben dieser Moderne ausbildet, die sich andererseits dem Vorwurf ausgesetzt sehen muss, sich durch den Umkreis bestimmen zu lassen, der dieser Moderne als legitim gilt und so latent praktisch zur Aufrechterhaltung der bestehenden Formen von Vergesellschaftung beizutragen bzw. alternative Formen zu desavouieren).

Dieses Themenspektrum behandelt der Vortrag am vielleicht bedeutendsten Werk für die Frankfurter Schule: Geschichte und Klassenbewusstsein von Georg Lukács. Konkret an der diesem Werk zugrundeliegenden Auseinandersetzung mit Max Webers Theorie der Rationalisierung, die zu überwinden unternehmend Lukács eine praxisphilosophische Marxinterpretation hervorbringt, in deren Mittelpunkt der Begriff der Verdinglichung steht. Dieser Begriff (so eine These) lässt sich dementsprechend erst aus dieser Auseinandersetzung verständlich machen. Dem Vortrag zugrunde liegt dabei eine Magisterarbeit, die sich mit der Bedeutung der Arbeiten Webers für den Begriff der Verdinglichung befasst. Im Mittelpunkt steht dabei eben die Frage nach den Möglichkeiten der Reflektion des Sozialen unter den Bedingungen der Moderne. Setzt das technisch Mach- und Konstatierbare, also das was in den Bannkreis der Wissenschaften fällt die Grenzen des Legitimen und weist damit die Antwort auf die Frage nach dem ‚Was soll ich tun?’ in die Schranken? Oder ergibt sich die Rolle von Wissenschaft und Technik erst auf der Grundlage von sozialen Widersprüchen, deren Reflektion, als praktische Konstruktion des Sozialen, gleichzeitig deren Überwindung bedeutet? Und welche Formen der Erkenntnis müssen diesen beiden Seiten dabei beigelegt werden (Theorie der Praxis vs. Praxis-Philosophie)? Diesen Fragen möchte sich der Vortrag überblicksartig und orientiert am Verhältnis von sinnverstehender Soziologie und praxisphilosophischem Marxismus widmen.

Der Bezug zum Titel der Veranstaltung soll dabei auf dem oben angedeuteten Weg eingeholt werden. Insbesondere in der Konkretisierung dessen, was man (gegebenenfalls) unter der typischen Form moderner Komplexität verstehen kann. Neue komplexe Welt als zu ertragendes Schicksal oder als entfremdeter Zustand, der in seinem Kern auf eine Überwindung der ‚falschen’ und damit auf eine neue Form von Komplexität weist?

Matthias Bösinger, hat Soziologie, Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Berlin und in Potsdam studiert. Schwerpunkt seines Studiums bildete die Beschäftigung mit der Philosophie und Theorie von Weltbezügen, denen das Erfassen der Kultur-Welt über einzelne Schwerpunkte fernliegt und darüber hinaus als der Kritik würdig erscheint.

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