Neoliberalismus als hegemoniale Diskursformation? Eine Untersuchung anhand der Entwicklung des Einflusses der Mont Pèlerin Society.

Was ist „Neoliberalismus“? Eine Ideologie, eine wirtschaftswissenschaftliche Schule, eine Regierungspraxis, eine Gesellschaftsphilosophie oder alles in einem? In der soziologischen Fachdisziplin gibt es viele Kontroversen über die theoretisch angemessene Definition von Neoliberalismus und dessen praktischen Einfluss. Aber kann man diesen Einfluss mittlerweile als „hegemonial“ bezeichnen? Nach der Definition Antonio Gramscis, kann die Durchsetzung eines sozialen Paradigmas oder einer sozialen Gruppe nur in einem fragilen Verhältnis von Konsens und Zwang bestehen. Da sich Neoliberalismus als Diskursmacht in den „normalen Menschenverstand“ einschleicht, sprich, dazu imstande ist, allgemeinverbindliche Ziele unter Integration von Widersprüchen zu formulieren, führt kein Weg daran vorbei die Sprachstrukturen neoliberaler Institutionen und Denkfabriken zu untersuchen. Allen voran wird deren bedeutsamste Gesellschaft, die Mont Pèlerin Society, unter die Lupe genommen.

von Jennifer Hagen

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung über Für und Wider einer möglichen neoliberalen Hegemonie wird hauptsächlich durch Kritiker des Neoliberalismus geführt, dabei ist die Anzahl der soziologischen Begriffsver(w)irrungen kaum noch zu überblicken. Je nachdem, welche Definition man verwendet, wird Neoliberalismus von den einen als „Ideologie der herrschenden Klasse“ (Harvey), als „Form der Irrationalität und Gefährdung des Projekts der Moderne“ (Schui) oder als schädliche „Religion“ (Bourdieu) bezeichnet. Einigkeit herrscht jedoch weitgehend in der Ansicht, dass Neoliberalismus auch als Diskursmacht verstanden werden muss, die sich „in den normalen Menschenverstand“ einschleicht (Harvey). Im Fokus der Aufmerksamkeit stehen hierbei insbesondere die hoch verflochtenen personellen, wie institutionellen Intellektuellennetzwerke neoliberaler Wissenschaftler, deren beispielhafte Schaltzentrale die Mont Pèlerin Society (MPS) darstellt. Diese wurde 1947 auf Anregung Friedrich August von Hayek’s mit dem Ziel gegründet, wirtschaftsliberales Gedankengut weltweit zu verbreiten. Hayek und andere Wissenschaftler hielten sich dabei geschickt die Wirkmächtigkeit der damals dominanten Ideen des Sozialismus und Keynesianismus vor Augen und arbeiteten an einer stärkeren ideologischen Ausrichtung des neuen Liberalismus („What we lack is a liberal utopia.“, Hayek: 1949). Bis heute bündelt die Gesellschaft in einem globalen Netzwerk neoliberale Interessen durch eine Vielzahl an Instituten und Denkfabriken. Der Gesellschaft gehören Intellektuelle unterschiedlicher liberaler Provenienz an, wobei sich im Laufe der Zeit marktradikale Ansichten gegenüber sozial- und ordoliberalen Strömungen behauptet haben. Die Mitglieder der MPS setzen sich nicht nur in der akademischen Lehre und Forschung, sondern auch in wissenschaftlichen Beiräten, Regierungsämtern, sowie überregionalen Zeitungen für neoliberale Denkweisen ein und sind somit zu einem nicht unerheblichen Anteil an der Produktion und Stabilisierung relevanter gesellschaftspolitischer Diskurse beteiligt. Die Sunday Times betitelte die MPS einst als: „…most influential, but little-known think tank of the second half of the 20th century“. Dabei agieren sie weitgehend im Hintergrund als Dachverband verschiedenster Denkfabriken, in Deutschland wirken sie in direkter Beziehung unter anderem durch diverse Einrichtungen wie der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft, der Friedrich-August-von-Hayek-Gesellschaft, dem Walter Eucken Institut oder der Friedrich-Naumann-Stiftung.
Durch netzwerktheoretische Fallstudien und Untersuchungen von Sekundärdaten zur Mont Pèlerin Society (Mirowski, Plehwe, Walpen), sowie poststrukturalistische Diskursanalysen zur Gouvernementalität der neoliberalen Positionen (in Anlehnung an Michel Foucault), soll versucht werden, sich der Frage zu nähern, ob Neoliberalismus als hegemoniale Diskursformation bezeichnet werden kann oder nicht. Auch soll ein wenig Licht ins Dunkel der komplexen, unübersichtlichen und häufig polemischen Neoliberalismus-Forschung gebracht werden.

Jennifer Hagen, ist Studentin der Soziologie und Psychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Ihre Studienschwerpunkte sind Soziologische Theorie, Wirtschafts- und Arbeitsmarktsoziologie, Politische Soziologie, Kritische Neoliberalismusforschung.

Dieser Beitrag wurde eingereicht von Jennifer Hagen.

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8 Kommentare bis “Neoliberalismus als hegemoniale Diskursformation? Eine Untersuchung anhand der Entwicklung des Einflusses der Mont Pèlerin Society.”

  1. der “neoliberale diskurs” müsste tatsächlich eher (zumindest aber: auch) als pop-diskurs analysiert werden, der aus den sprachbausteinen vor allem der berater, der finanzindustrie-akteure und des begleitenden pr-journalismus besteht. der hat sicher querverbindungen zu den think-tanks, ist aber eigentlich ein verselbständigtes evidenz-erzeugendes system. man müsste mal das Schröder-Blair-Papier daraufhin analysieren und fragen, wo diese sprechfiguren herkamen.

    • Jennifer Hagen sagt:

      Neoliberalismus als Pop-Diskurs zu analysieren mittels der sprachlichen Untersuchung der Berater, Journalisten und Finanzindustrieakteure ist eine der Möglichkeiten sich dem Phänomen zu nähern. In der Tat wird das bereits praktiziert, vornehmlich in den sogenannten Gouvernementalitäts-Studien (GS). Vor allem seit Bröcklings/Krasmanns und Lemkes Buch “Gouvernementalität der Gegenwart: Studien zur Ökonomisierung des Sozialen” widmen sich eine ganze Horde Foucault Schüler auf das ausgiebigste dieser Problematik. Die Sichtweise der GS wird in meinem Vortrag auch zur Sprache kommen, allerdings nur als eine von vielen. Kritiker der GS werden in letzter Zeit immer lauter, vor allem aus den ideologiekritischen Reihen. Der Vorwurf lautet, Neoliberalismus auf der sprachlichen Agency-Ebene zu untersuchen, führe im schlimmsten Fall zu einer bloßen Nacherzählung und unkritischen Replizierung genau jener Sprechfiguren der neoliberalen Programme. Ohne sprachliche und methodologische Distanz würden jedoch die Pfadabhänigkeiten und Interessen hinter diesem allgemeinverbindlichen “Pop-Diskurs” nicht sichtbar. Geht man genauer in die Literatur und verfolgt die historisch-ideengeschichtliche Entwicklung des Neoliberalismus hin zu einem starken öffentlichen Diskurs, so fällt auf, dass dieser keineswegs ein sich selbst erzeugendes System ist. Vielmehr gibt es viele Filter, welche der neoliberale Diskurs durchlaufen musste, von den akademischen Zentren hin zu den Praktikern des öffentlichen Raumes (second hand dealers, wie Hayek sie so treffend bezeichnet). Zu diesen Praktikern zählen vor allem Politiker, Journalisten, Unternehmer und medienwirksame Repräsentanten starker sozialer Bewegungen wie Gewerkschaftler oder Pfarrer. Bei der (sprachlichen) Vermittlung zwischen Theoretikern und Praktikern spielen allerdings genau diese Think Tanks eine große Rolle. Wenn man sich bspw. das Schröder-Blair-Papier anschaut, dann fällt auf, dass es eine konzeptionelle Nähe zu den Schriften des Institute of Economic Affairs (IEA) oder dem Centre for Policy Studies (CPS), den wichtigsten neoliberalen Denkfabriken in Großbritannien, oder zum Institut für Neue Soziale Marktwirtschaft in Deutschland gibt. Nicht wenige Mitarbeiter von solchen Think Tanks arbeiten als politische Berater der Regierung oder als Journalisten großer Tageszeitungen (in Deutschland allen voran die FAZ). Die Mont Pèlerin Society (MPS) als deren internationaler Dachverband vereinigt dabei die vielen unterschiedlichen Interessen, ist im Gegensatz zu den nationalen Think Tanks aber eher akademisch geprägt und verfolgt eine eher indirekte politische Strategie, wie sie selbst immer betont. Macht man sich die Mühe, die Thementreffen und Seminare der MPS zu studieren, so kann man mitunter interessante Rückschlüsse auf heutige tagespolitische Diskurse ziehen. Die Netzwerkuntersuchen, die ich vorstellen möchte, sollen mit dem Mythos des unsichtbaren Gespenstes des Neoliberalismus schluss machen, indem sie klare personelle und institutionelle Verweise für neoliberale Interessen liefern. Sofern die Zeit reicht, wird auch etwas klarer, woher bestimmte Sprechfiguren kommen.

      Ich freue mich im übrigen sehr über Kommentare und konstruktive Kritik und werde versuchen, sie so weit wie möglich mit in die Präsentation zu integrieren. Vielen Dank schon einmal für diese Anregung.

    • Darrance sagt:

      I have been so bewidlered in the past but now it all makes sense!

    • wybpel sagt:

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