Amok und Gesellschaft. Skizze einer operativen Erweiterung Michel Foucaults Diskurstheorie

Der Autor unternimmt in diesem Vortrag eine Synthese zwischen der Diskurstheorie nach Michel Foucault und der Systemtheorie nach Niklas Luhmann, um schließlich zur skizzierten Form einer operativen
Diskursanalyse zu gelangen. Dieses Projekt versteht sich auf zwei Ebenen: Theoretisch soll die Einführung eines operativen Praxis-Begriffs als diskursanalytischem Grundbegriff bewerkstelligt werden. Darüber hinaus wird die systemtheoretische Unterscheidung Organisation – Gesellschaft diskursanalytisch ge- und verwendet. Empirisch soll die Anwendbarkeit des Ansatzes am Beispiel des Amoklaufs von 2009 in Winnenden gezeigt werden. Zum einen untersucht diese empirische Studie soziale Effekte in einem von dem Amoklauf nicht betroffenen, oberbayerischen Gymnasium sowie die daraus resultierenden und praktisch zu lösenden Probleme auf der Ebene der Organisation. Zum anderen wird der mediale Diskurs in ›Süddeutsche Zeitung‹
und auf ›sueddeutsche.de‹ dahingehend analysiert, inwiefern die Thematisierung des Amoklaufs als Krise einer Gesellschaft normalisierende Wirkungen hat, d. h. inwiefern sie Sinnressourcen bereitstellt und damit den Amoklauf als kommunikatives Ereignis erzeugt.

von Benjamin Lipp

Amokläufe erschüttern Gesellschaften, in denen sie stattfinden. Sie werden gewissermaßen von ihrer eigenen Gewaltpotenz überrascht. Ein solches Gewaltereignis wird dementsprechend als Gewalt in Gesellschaft, als Krise der Gesellschaft thematisiert.
So auch im Falle des Amoklaufs von Winnenden am 11. März 2009. Es ist dabei interessant, zu sehen, dass sich der Diskurs nach einem solchen Ereignis gerade nicht (nur) auf den Täter konzentriert. Bei der Erklärung des Amoklaufs, bzw. des Amokläufers werden vielmehr einige Milieus (die Familie, die Schule), Personen (Eltern, Lehrer, Experten), Dokumente (kriminologische Veröffentlichungen, Sicherheits- und Bebauungspläne für Schulen, Zeitungsartikel) und Praxen (Ausgrenzung und Beobachtung von Schülern, Vernachlässigung des Sohnes, Waffenbesitz usw.) sichtbar, die jene singuläre Tat als gesellschaftliches Ereignis und Thema erzeugen. Gerade jenes komplexe Netz aus diskursiven Bildern, Verweisen, Subjekten, Zitaten und Praxen gilt es soziologisch zu durchdringen und zu erforschen.
Dieser Beitrag befragt seinen Gegenstand in zweierlei Hinsicht: Wie vollzieht sich eine Thematisierung des Amoklaufs in Winnenden und welche Effekte produziert das Sprechen, Schreiben über ihn in Gesellschaft? Konkret interessiert hier, wie jenes krisenhafte Ereignis kommunikativ und praktisch bewältigt wird. Diese Frage wird auf zwei Ebenen bearbeitet: Zum einen untersucht diese empirische Studie soziale Effekte in einem von dem Amoklauf nicht betroffenen, oberbayerischen Gymnasium sowie die daraus resultierenden und praktisch zu lösenden Probleme auf der Ebene der Organisation. Zum anderen wird der mediale Diskurs in ›Süddeutsche Zeitung‹ und auf ›sueddeutsche.de‹ dahingehend analysiert, inwiefern die Thematisierung des Amoklaufs als Krise einer Gesellschaft normalisierende Wirkungen hat, d. h. inwiefern sie Sinnressourcen bereitstellt und damit den Amoklauf als kommunikatives Ereignis erzeugt. Die beiden Ebenen ›Organisation Schule‹ und ›medialer Diskurs‹ sollen dabei in ihrer Gleichzeitigkeit erfasst werden, d. h. zum einen die Schule als Gegenstand des medialen Diskurses und zum anderen der Amoklauf als gesellschaftliches Krisen-Thema, auf das in Schulen reagiert wird. Solche empirische Fragen sind theoretisch hoch voraussetzungsvoll und verlangen nach der Explikation eines spezifischen soziologischen Blickes, der sich sowohl der ordnenden Funktion von Erwartungs-, Sagbarkeits,- und Wissbarkeitsstrukturen bewusst ist, andererseits aber mitberücksichtigt, dass sich solche Strukturen stets in Ereignissen bewähren müssen. Ein solcher Blick formuliert das Problem soziale Ordnung als ein praktisch zu lösendes und empirisch zu untersuchendes. Um das zirkuläre Verhältnis von Struktur und Ereignis theoretisch fassbar und empirisch beobachtbar zu machen soll in dieser Arbeit die Diskurstheorie nach Michel Foucault mit der operativen Systemtheorie nach Niklas Luhmann erweitert werden. In jüngster Zeit ist bezüglich der wechselseitigen Synthesefähigkeit von Foucaults Diskurs- und Luhmanns Systemtheorie ein gesteigertes Interesse zu beobachten. Abgesehen von einzelnen, theoretischen Vergleichen und begrifflicher Gegenüberstellungen (z. B. Macht – Kommunikation, Semantik -Sozialstruktur, System – Diskurs) sowie allgemeiner Divergenzen und Konvergenzen beider Theorien (Kneer 1997: 51-55; Link 2003; Parr 2003) befindet sich die Evaluation wechselseitiger, empirischer Anschlussfähigkeit der beiden Ansätze erst am Anfang. Dieser Beitrag will einerseits die Menge gelegter Fährten und aufgezeigter Möglichkeiten obiger Überlegungen als Anstoß verstehen. Andererseits jedoch ein bisher noch nicht bearbeitetes Thema zum Gegenstand haben: die Skizzierung einer systemtheoretisch inspirierten, operativen Erweiterung von Foucaults Diskurstheorie.
Die (historiographische) Konzeption einer ›Archäologie des Wissens‹ befragt diskursive Ereignisse vor allem nach ihren strukturellen »Existenzbedingungen in einer gegebenen diskursiven Verteilung« (Foucault 2007: 58). »Die Elemente des Diskurses werden somit durch (vorausliegende) Strukturen definiert« (Kneer 1997: 55). Bei Foucault bleibt also die Frage unterbelichtet, wie sich ein Diskurs konkret fortsetzt, d. h. inwiefern jene diskursiven Strukturen von ihrer eigenen Aktualisierung abhängig sind. Vor dem Hintergrund dieses Defizits, fällt bei der Integration der Diskursanalyse in die Mitte soziologischer Theoriedebatten auf, dass sich solche Anschlüsse an Foucault vor allem um ein soziologisches Sichtbarmachen von Diskursen bemühen: so zum Beispiel bei Reiner Keller in Gestalt eines DiskursAkteurs als einem »Repräsentanten diskursiver Kreuzungen« (2006: 136) oder bei Siegfried Jäger in Form einer Erweiterung mit Leontjews Tätigkeitstheorie (2006: 97). Statt sich jedoch auf ein handelndes oder tätiges Subjekt als diskursanalytischem Letztbegriff zu kaprizieren, wird hier in Anschluss an Luhmanns operative Systemtheorie der Begriff der Praxis ins Feld geführt.

Einerseits besteht die theoretische Arbeit dieses Beitrags darin, zu zeigen, dass wesentliche Elemente einer Idee von Operativität (und von Praxis) bereits im Umschalten Foucaults von einer Archäologie zu einer Genealogie als diskursanalytischer Methode angelegt ist. Andererseits soll diese mit analytischen und konzeptionellen Werkzeugen aus der Systemtheorie sinnvoll erweitert und zur skizzierten Form einer operativen Diskursanalyse fortentwickelt werden. Eine so erweiterte Diskurstheorie leistet einen entscheidenden Beitrag zur soziologischen Diskussion sozialen Wandels und sozialer Ordnung. Denn ein solcher theoretischer wie empirischer Blick kann zugleich Fragen sozialen Wandels und sozialer Ordnung bearbeiten. Es wird der in der Soziologie prominente Antagonismus von Wandel und Ordnung zugunsten einer Explikation der verschiedenen Wechselbedingungen zwischen diesen Extremformen sozialer Prozesse aufgegeben. Hierbei wird argumentiert, dass sich soziale Prozesse auf unterschiedlichen (analytischen) Ebenen des Sozialen unterschiedlich fortsetzen (vgl. Nassehi 2006: 404). Dies impliziert einerseits, dass soziologische Beschreibungen komplexer werden, da der Fokus ständig neu justiert werden muss und kann – je nachdem auf welcher (analytischen) Ebene man sich ›befindet‹. Andererseits ermöglicht es ein solcher Blick, lokale Momente von Wandel und Ordnung ausfindig zu machen, welche sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern erst bedingen.

Neben der Darstellung und Erörterung theoretischer Fragen wird es insbesondere ein Anliegen dieses Vortrags sein, die empirische Anwendbarkeit dieses Ansatzes zu verdeutlichen und am Beispiel des Amoklauf-Diskurses nach Winnenden zu veranschaulichen

Benjamin Lipp, 23, studiert Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und an der Sorbonne in Paris. Seine Interessensgebiete umfassen Diskurs- und Systemtheorie, Kriminologie, Organisationssoziologie und Umweltsoziologie

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