„Als hätten wir Angst, das Andere in der Zeit unseres eigenen Denkens zu denken“ – Möglichkeiten einer Gedächtnissoziologie nach Michel Foucault

Ausgehend von zentralen Begriffen Michel Foucaults wird gefragt, inwiefern einige seiner Ideen eine mögliche Grundlage für die Neukonzeption einer Theorie des sozialen Gedächtnisses darstellen können. Es soll eine Analyseperspektive erarbeitet werden, die den Vergangenheitsbezug von Gesellschaften im Hier und Jetzt verorten kann, ohne dabei den „Geist“ einer Epoche zu beleuchten. Vielmehr muss es darum gehen die Konstruktion der Kohärenz des sozialen Gedächtnisses zu entlarven und dabei Diskontinuitäten auszuhalten. Hierfür bietet Foucault einige Anknüpfungspunkte, die Thema des Vortrages sein werden

von Katharina Hoppe

Auch Gesellschaftsdiagnosen der Gegenwart kommen ohne Vergangenheitsbezug nicht aus. Nietzsche zur Folge ist Sozialität ohne die menschliche Fähigkeit des Erinnerns sogar völlig undenkbar: Denn nur wenn wir versprechen gibt es das Soziale. Und da wir uns an das Versprochene erinnern müssen, ist die Erinnerung Bedingung der Möglichkeit von Sozialität überhaupt. Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass eine gedächtnissoziologische Perspektive als Analyseinstrument bisweilen fehlt. Sie kann, so meine These, aber aus bereits vorliegenden Theorien herausgearbeitet werden.

In den vergangenen Jahren hat die Thematik (kollektiver) Erinnerung in den Kultur- und Geisteswissenschaften einen hohen Stellenwert eingenommen. Ein berühmter Erklärungsansatz führt gedächtnistheoretische Hochkonjunktur auf Brucherfahrungen zurück. So wird die Entwicklung seit den 1990er Jahren besonders im Zusammenhang der fortschreitenden Historisierung des Holocausts gesehen, die durch das Aussterben der Zeitzeugen unterstrichen wird. Jan Assmann spricht in diesem Zusammenhang von einer „Epochenschwelle in der kollektiven Erinnerung“ (1992: 11). In der soziologischen Theoriediskussion fehlt gleichwohl ein Analyseansatz, der sich dem Verhältnis von Gesellschaft und Gedächtnis widmet. Wenngleich vielen soziologischen Theorien, wie z.B. der Gesellschaftstheorie Niklas Luhmanns die Gedächtnisthematik innewohnt, gibt es in den neueren Konzeptionen erstaunlicherweise keine genuin erinnerungs- oder gedächtnisorientierten Ansätze (vgl. etwa Heinlein/Dimbath 2010: 276). Im Sinne Michel Foucaults fehlt es der Soziologie derzeit an einer Perspektive, die versucht „das Andere in der Zeit unseres eigenen Denkens zu denken“ (Foucault 1969: 23), dieses „Andere“ – dasjenige, das wenn auch in der Vergangenheit liegend, formend wirkt – in Bezug auf einen Gesellschaftszustand im Hier und Jetzt zu verorten. Eine solche Perspektive ist meines Erachtens aber unbedingt notwendig: Gesellschaften können ohne Vergangenheitsbezug nicht existieren und nur über diesen wird ihre jeweils gegenwärtige Verfasstheit verständlich. Mein Vortrag soll zeigen, dass Foucaults Arbeiten, eine mögliche Grundlage für die Neukonzeption einer Theorie des sozialen Gedächtnisses bilden können. Foucaults Ideen wurden bisher vorwiegend von der Wissenssoziologie aufgegriffen und für Diskursanalysen angewandt, die sich – wie man heute sagen kann – als sozialwissenschaftliches Instrument etabliert haben. Ich möchte im Gegensatz dazu, Foucault im Hinblick darauf befragen, welche Rolle ein irgendwie geartetes Gedächtnis für seine Arbeit spielt. In der „Archäologie des Wissens“ (1969) hat er seine Methode der Archäologie am pointiertesten formuliert. Eine gedächtnissoziologische Dimension wurde im Zusammenhang mit dieser theoretisch-methodischen Reflexion jedoch noch nicht herausgearbeitet. Der Ansatz in meinem Vortrag, den ich momentan auch in meiner entstehenden Bachelorarbeit verfolge, besteht darin, die „Archäologie“ mit der Frage nach der Bedeutung des (sozialen) Gedächtnisses neu zu lesen. Hierbei ist es für mich von besonderem Interesse, dass Foucault die Idee eines kollektiven Gedächtnisses im Hinblick auf seinen Geschichtsbegriff gerade verwirft.

„Man muß die Geschichte von dem Bild […] eines tausendjährigen kollektiven Gedächtnisses [lösen], das sich auf materielle Dokumente stützte, um die Frische seiner Erinnerungen wiederzufinden“ (Foucault 1969: 14f.)

Auf Grundlage der zentralen Begriffe des „Archivs“ und des „Historischen Apriori“ werde ich Foucaults immanente Kritik an Konzepten des kollektiven Gedächtnisses herausarbeiten. Wie begründet Foucault sein Unbehagen? Von welchen Konzepten grenzt er sich ab? Was tritt bei ihm an die Stelle dessen, was Maurice Halbwachs als dasjenige bezeichnet hat, „was die Gesellschaft in jeder Epoche mit ihren gegenwärtigen Bezugsrahmen rekonstruieren kann“ (1925: 389)? Die herauskristallisierte Kritik wird zeigen, dass einige Ideen Foucaults Ansatzpunkte für eine mögliche Gedächtnissoziologie darstellen. Eine Skizze der sich daraus ergebenden Perspektiven, „das Andere in der Zeit unseres eigenen Denkens zu denken“ (Foucault 1969: 23) wird den Vortrag abrunden. Auf diese Weise wird es möglich, Foucault soziologisch einmal anders einzuordnen und eine gedächtnissoziologische Analyseperspektive zu erarbeiten, die nicht dazu neigt „den Geist“ einer Epoche zu beleuchten, sondern es ermöglicht, gesellschaftliche Phänomene des Hier und Jetzt in ihren Kontinuitäten und Diskontinuitäten zu erfassen.

Literatur
Assmann, Jan (1992): Das kulturelle Gedächtnis – Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München, C.H. Beck, 2007.
Esposito, Elena (2002): Soziales Vergessen – Formen und Medien des Gedächtnisses der Gesellschaft, Frankfurt am Main, Suhrkamp.
Foucault, Michel (1969): Archäologie des Wissens, Frankfurt am Main, Suhrkamp 2008.
Halbwachs, Maurice (1925): Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1985. 3
Heinlein, Michael/Dimbath, Oliver (2010): Soziologie, in: Gudehus, Christian et al. (Hg.), Gedächtnis und Erinnerung – ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart, Metzler, S. 276-287.
Holl, Mirjam-Kerstin (2003): Semantik und soziales Gedächtnis – Die Systemtheorie Niklas Luhmanns und die Gedächtnistheorie von Aleida und Jan Assmann, Würzburg, Königshausen & Neumann.
König, Helmut (2008): Politik und Gedächtnis, Weilerswist, Velbrück

Katharina Hoppe, hat von 2008 bis Oktober 2011 an der RWTH Aachen ein Kombinationsbachelorstudium der Soziologie, Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftsgeschichte absolviert. Zum Wintersemester nimmt sie ein Masterstudium der Soziologie auf. Schwerpunkte: Gesellschaftstheorie, Gedächtnistheorien, Kultur- sowie Wissenssoziologie.

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5 Kommentare bis “„Als hätten wir Angst, das Andere in der Zeit unseres eigenen Denkens zu denken“ – Möglichkeiten einer Gedächtnissoziologie nach Michel Foucault”

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  3. [...] haben wir zum einen den Vortrag von Katharina Hoppe (Abstract). Nachdem sie zunächst sehr entschieden und überzeugend die Begriffe des kulturellen und [...]


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