Zuspitzung und Überfluss – zur Aktualität der allgemeinen Ökonomie Georges Batailles

Gezeigt werden soll, dass vom globalen Mangel her zu denken heißt, sich der Möglichkeit zu berauben, dem partikularen Mangel die globale unproduktive Verausgabung entgegenzusetzen. Denn das Individuelle, das Reichtümer akkumulieren möchte, verkennt, dass das Kollektive immer schon allzu reich ist. Sichtbar wird dies bei der massenhaften Vernichtung von Lebensmitteln, bei Kriegen oder bei der Ausrufung von Konjunkturprogrammen. Hier soll nun zur Disposition gestellt werden, inwieweit solche und andere aktuelle Phänomene kapitalistisch produktionsorientierter Gesellschaften heute sinnvoll mit dem Konzept der allgemeinen Ökonomie von George Bataille analysiert werden können.

von Marc Drobot

Der Zugang der klassischen Nationalökonomen zu den Ökonomien der Welt ist oft ein utilitaristischer, das heißt ein vom Nutzen her entwickeltes Verständnis von Ökonomie. Erwerb, Effizienz und Produktion sind dabei ihre zentralen Begriffe. Diese Orientierung schränkt den Blick der Wissenschaft der Wirtschaftsprozesse derart ein, dass soziales Handeln, welches dem ökonomischen Standard einer Kosten-Nutzen-Betrachtung nicht entspricht, nicht als dem Gegenstandsbereich der Ökonomik zugehörig betrachtet wird. Georges Bataille setzt daher, anders als die Nationalökonomen, welche mit ihren Analysen immer nur unter der Bedingung von Ressourcenknappheit operieren, den Überfluss und die unproduktive Verausgabung an den Ausgangspunkt einer allgemeinen Ökonomie. Für ihn sind die Kategorien der Produktion und des Erwerbes immer nur zweitrangig der Verausgabung untergeordnet. Eine allgemeine Ökonomie entwickeln heißt: soziale, ökologische und geografische Dimensionen gleichwertig mit ins Zentrum der Beschreibung setzten, denn wer seinem Denken zu früh Beschränkungen auferlegt, findet auch nur beschränkte Lösungen. Allgemein zu denken, heißt bei Bataille letztlich soziologisch zu denken. So begreift er das Leben an sich schon als Überschuss, denn es ist mehr als notwendig gewesen wäre, da es überhaupt erst durch ein sich selbst Verbrauchen der Sonne entstehen konnte und erhalten wird. Ohne damit existierenden Mangel negieren zu wollen, ist der Mangel bei Bataille immer individuell, also ein Mangel partikularer Gruppen. Die Allgemeinheit dagegen ist immer von Reichtum und Überschüssen gekennzeichnet. Überschüsse, deren Verwendung über die pure Erhaltung des nackten Lebens hinausgehen und die damit verwendet werden können für individuelles oder kollektives Wachstum. Allerdings gibt es dafür auch immer eine Grenze, denn ein System kann nicht endlos wachsen und somit können die Überschüsse nicht endlos durch Wachstum absorbiert werden. Dies führt in der Konsequenz dazu, dass Energie unproduktiv verausgabt werden muss. Gemeint ist damit ein Verwenden von Überschüssen außerhalb einer Kosten-Nutzen Logik und nicht zur Fortsetzung produktiver Tätigkeiten. Dieser Ansatz Batailles kann in vielen Punkten an sozialökonomische Autoren wie Marx, Sombart oder Bourdieu angeknüpft werden. Das Entscheidende ist jedoch, dass all diese Autoren von der Produktion und nicht von der Verschwendung her denken, ein Umstand der Batailles Konzeption weder für kommunistische noch kapitalistische Vorstellungen einer Ökonomie sinnvoll erscheinen ließ. Seine allgemeine Ökonomie beschreibt den Kapitalismus wie folgt: Er ist hauptsächlich auf eine produktive Verausgabung der Überschüsse ausgerichtet, er lässt investieren um weiteren, noch größeren Überschuss zu erzeugen. Dies geschieht so lange, bis die Entwicklung, also das Wachstum, wiederum an eine Grenze stößt und es zu Überakkumulationskrisen kommt. Können die überschüssigen Ressourcen aber nicht umgesetzt werden, so kann es zu katastrophalen Verausgabungen kommen. Um diese Möglichkeit unwahrscheinlicher zu machen, braucht jede Ökonomie einen Spielraum für nicht Profit bringende Bereiche. Dies können Finanzkrisen sein, die Unglaubliches an fiktivem und realem Kapital unproduktiv verzehren oder auch Kriege, die Überschüsse in Form von Menschen, Infrastruktur und Kapital vernichten. Somit ist eine systemimmanente Notwendigkeit zu Verausgabungen festgestellt, die die andere vielleicht die aktive Seite der ebenso als systemimmanent beschriebenen Krisen des Kapitalismus darstellt. Dies ist es, was auf nationalstaatlicher Ebene als unproduktiver Staatskonsum bezeichnet wird. Eine unproduktive Verausgabung muss also nicht notwendig ein katastrophales Ausmaß annehmen. Die andere folgenreiche Seite des Produktivitätsparadigmas ist die Nützlichkeitsfiktion. Sie führt zu einer vielfachen Einschränkung der Möglichkeiten der Subjekte, und genau hier liegt nach Bataille das Tragische in der verbreiteten Unkenntnis über die allgemeine Ökonomie.
Gezeigt werden soll daher, dass vom globalen Mangel her zu denken heißt, sich der Möglichkeit zu berauben, dem partikularen Mangel die globale unproduktive Verausgabung entgegenzusetzen. Denn das Individuelle, das Reichtümer akkumulieren möchte, verkennt, dass das Kollektive immer schon allzu reich ist. Die massenhafte Vernichtung von Lebensmitteln, die Analyse der Kulturindustrie als Sektor des unproduktiven und nicht akkumulierbaren Konsums, selbst die letzte Grenze, die ökologische Krise sind nach Bataille nun Themen, die öffentlich verhandelt werden. Inwieweit aktuelle Phänomene kapitalistisch produktionsorientierter Gesellschaften heute sinnvoll mit dem Konzept der allgemeinen Ökonomie analysiert werden können, soll hier zur Disposition gestellt werden

Marc Drobot, absolvierte zunächst ein ingenieurswissenschaftliches Studium und studiert seit 2009 Soziologie an der TU Dresden. Als momentane Anziehungspunkte für seine Aufmerksamkeit könnte man die französischen Soziologien sowie ökonomische Theorien nennen.

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2 Kommentare bis “Zuspitzung und Überfluss – zur Aktualität der allgemeinen Ökonomie Georges Batailles”

  1. [...] Gesetzen, die für alle gleichermaßen verbindlich wären, wie etwa die Zehn Gebote der Christen.Nach hinduistischer Anschauung sind sowohl das Universum im Großen wie auch die Gesellschaft im Kle…el/was-ist-das-kastenwesen.html" title="Was ist das Kastensystem?">Kastensystems. Dharma (Sanskrit, [...]

  2. Ann-Kathrin sagt:

    Marc Drobot scheint in seinem Vortrag die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen: Statt Knappheit ist Überfluss Ausgangspunkt der Ökonomie, behauptet er mit George Bataille, und regt an, darüber nachzudenken, welches Potenzial diese Umkehrung für eine (linke) Politik hat. Denn Wirtschaft, so Marc, kommt eigentlich nicht von „Wirtschaften“, sondern soll ein Fest sein, ein Schmaus! Noch im 19. Jahrhundert war die Wirtschaft der Ort, an dem alle ausgeschenkt bekamen. Dass sich hingegen heute von der Unternehmerin bis zum NGO-Vertreter scheinbar alle über Verschwendung aufregen, ist einer spezifischen Diskursformation geschuldet, die – sei es als Ressourcenknappheit, Nachhaltigkeit oder Effizienz – doch nur unterschiedliche Erscheinungsformen des Axioms vom kollektiven Mangel bietet. Für Bataille hingegen ist Mangel kein kollektives Problem, sondern höchstens das einzelner, oder einzelner Gruppen.
    Was wäre denn, wenn die Verausgabung in Wirklichkeit das zentrale Element unseres Wirtschaftssystems wäre? Wenn Produktion und Erwerb lediglich nachrangige Posten einnähmen, und das Wirtschaftssystem diese Verausgabung, ja Verschwendung gar bräuchte, um krisenfest zu sein?
    Dann wäre es nicht mehr moralisch und gerecht, umzuverteilen, sondern ein Gebot der Stabilität und Vernunft, die notwendige Verschwendung kontrolliert zu betreiben. Warum? Weil sich das System so oder so verausgabt, nur eben unkontrollierter, in Krisen und Kriegen. Marc fordert, den Überschuss zu verteilen, in einem guten Sinne, und dabei nicht auf angebliche Ressourcenknappheit zu achten. Politisch mündet das in Kampagnen zum Grundeinkommen, oder der Initiative „the giving pledge“ (http://givingpledge.org/) , die Millionäre dazu auffordert, einen Großteil ihres Geldes zu verschenken. Initiativen wie attac hingegen, die sich lediglich dem kleinmütigen Denken der Verteilung von Knappheit widmen und fragen, wie das kollektive Leid des Mangels auf möglichst viele verteilt werden kann, stellen Marc zufolge hingegen die falsche Frage für einen vernünftigen, rationalen Verteilungsdialog.
    Spätestens ab hier regt sich Kritik an der bislang erfrischenden Idee, die Inspiration für lebensfrohe Aphorismen bietet, wie: „das Leben zeichnet sich aus durch ein Mehr an Energie“ (und nicht dessen Verlust und Erschöpfung, wie Karl Marx sie predigt).
    Ein Panelteilnehmer wirft Marcs Idee staatstragenden Charakter vor, denn mal angenommen, die Verschwendung hat heutzutage eine Funktion, dann macht dessen gezielte Nutzung den Kapitalismus doch einfach stabiler. Verdreht, affirmativ, reformistisch sei es, das Distributionsproblem lösen zu wollen, aber die Produktionsweise dabei nicht zu verändern. So soll es nicht sein, entgegnet Marc, und führt an, was die linken Befürwortenden eines Grundeinkommens klassisch hervorheben: ist erstmal alle Kohle verteilt und der Mangel kein Thema mehr, sind Menschen überhaupt frei genug, nachzudenken – autonome Subjekte entstehen, Überwindung des Systems wird möglich.
    Leonard, selbst Teil des Podiums fragt, ob Bataille nicht etwa den gleichen logischen Fehler mache, wie die klassische Ökonomie, und dabei einfach Überfluss durch Knappheit ersetze. Eine Idee wäre, in der Geschichte nach Möglichkeiten jenseits dieser Gegensatzpaare zu suchen, um das Problem zu überwinden. Marc verteidigt Bataille, der durchaus historische Analysen zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen über die Grundlagen von „Wirtschaft“ gemacht habe.

    Oliver, der im Vorfeld zusammen mit Sarah über den Zusammenhang zwischen der Veränderung von Finanz-, Realwirtschafts- und Arbeitswelt gesprochen hat, fragt im Anschluss an diese Kritik, ob Mangel oder Überfluss als Axiom überhaupt die entscheidenden Fragen sind, wenn mensch das Grundeinkommen debattiert. Oder ob nicht vielmehr „tief verankerte moralische Prämissen“ von Leistung und Gegenleistung der Grund dafür sind, dass Menschen sich schwer tun mit der Idee, zu geben, ohne zu fordern. Auch die Sozialhilfe beruhe demnach auf Gegenleistungen, sei es im Hinblick auf Anforderungen an Selbstkontrolle oder Offenlegung der persönlichen Finanzen. Marc stimmt dem Exkurs zu, versucht aber erneut, die Diskussion auf die Frage umzulenken, ob Verschwendung nicht doch eine systemische Notwendigkeit ist.
    Offen ist auch die Frage, ob Marcs propagierte „Umverteilung, die keine Gerechtigkeitstheorie“ braucht, wirklich ohne diese auskommt. In den Momenten, in denen er sich von seinem Skript löst und mit den Zuhörenden ins Gespräch kommt, merkt mensch, dass mit seiner Idee der vernünftigen Verschwendung durchaus die Idee verbunden ist, dass etwas daran besser ist, in Frieden und Stabilität zu verausgaben, als in Kriegen und Krisen Geld verpuffen zu lassen. Angemessenheit des Handelns, Gerechtigkeit, Ethik, sind in diesem Ansatz verbastelt, aber implizit.
    Ich für meinen Teil, werde das Gefühl nicht los, dass Marc in seinem Vortrag lediglich ein anderes Axiom setzt und somit zwar am Diskurs rüttelt, aber an sich lediglich den Glaubensgrundsatz verändert. Ob er das gewollt hat? Die Idee ist jedenfalls gut.


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