Wirtschafts- und Arbeitswelt im Wandel

Die steigende Bedeutung des Finanzmarktes, welcher seine wachsenden Gewinnerversprechen gegenüber den Investoren als Gewinnerwartungen an die Unternehmensseite weitergibt und somit deren Konkurrenzdruck der internationalisierten Weltmärkten zusätzlich verschärft, setzt die Managementabteilungen unter erheblichen Handlungszwang. Die daraus resultierende „neue Unternehmenspolitik“ muss versuchen die Anforderung zur Innovations- Reaktions- und Profitsteigerung – trotz gestiegener Unsicherheiten – zu erbringen. Dies neuen Anforderungskonstellationen werden u.a. in Form neuer Personalführungsstrategien sozusagen „nach unten“ an die Mitarbeiter weitergeben, was nicht nur deren Arbeits- sondern auch Lebensbedingungen erheblich verändert und erschwert.

von Oliver Benz und Sarah Glück

Auch wenn sich die Weltwirtschaft vom Finanzcrash 2008/2009 erholt zu haben scheint, so ist der öffentliche Diskurs weiterhin von der Krisenanfälligkeit unseres kapitalistischen Wirtschaftssystems bestimmt und sogar ausgewiesene marktliberale Ökonomen, wie der Leiter des ifo Institutes Hans Werner Sinn, sehen die Politik in der Pflicht die Wirtschaft und besonders den Finanzsektor zu zügeln. Da die Kritik am Kapitalismus nun sogar von seinen Befürwortern selbst formuliert wird, kann das als Indikator für dessen neue Qualität, bzw. für einen Wandlungsprozess unseres kapitalistischen Systems gewertet werden. So warnen Kritiker vor den Gefahr von Deregulierung und Risikoaffinität eines „Kasino-Kapitalismus“, der den gesellschaftlichen Wohlstand langfristig schaden könnte.
Klassischerweise beschäftigt sich die Soziologie mit dem Zusammenhang der Konstitution des Wirtschaftssystems, der Sozialstruktur und den Lebensverhältnissen der Menschen innerhalb einer Gesellschaft. Mit Hilfe der Fachkompetenz der Soziologen kann somit eine wissenschaftliche Neueinordnung der Frage stattfinden: Befindet sich unser kapitalistisches Wirtschaftssystem in einem Wandel und wenn ja, wie durchdringt und verändert es andere Bereiche der Gesellschaft? Hier erscheint uns von besonderem Interesse welche Konsequenzen sich für die Arbeits- und Lebenswelten der Menschen ergeben?
Innerhalb des wissenschaftlichen wie gesellschaftlichen Diskurses erscheint die Deutungshoheit über wirtschaftliche Prozesse klar von Seiten der Wirtschaftswissenschaften auszugehen. Doch diese und die meisten andern Fachbereiche fokussieren sich in ihren Erklärungsansätze meist auf partikulare Aspekte eines Problems, welches weit komplexer und vernetzt zu sein scheint. Dem wollen wir einen soziologischen Ansatz entgegenstellen, indem wir anhand einer gesamtgesellschaftlichen Analyse den Wandel des kapitalistischen Wirtschaftssysteme im Spannungsverhältnis zum Strukturwandel von Arbeitsgesellschaften und Lebensformen untersuchen. Also verstärkt die Makro-Ebene bzw. die Verbindungselemente, Wirkungsketten und Interdependenzen unterschiedlicher Aspekte beobachten.
Für unseren gesamtgesellschaftlichen Ansatz nutzen wir zur methodischen Analyse des kapitalistischen Wirtschaftssystems ein Drei-Ebenen Modell, womit das kapitalistische Wirtschaftssystem in einem weiteren Sinne verstanden wird und sich aus Finanzwirtschaft Realwirtschaft und Arbeitswelt zusammensetzt. Indem wir gesellschaftliche Prozesse stark abstrahieren und die zentrale Indikatoren – Flexibilität, Beschleunigung und Unsicherheit isolieren, können wir deren Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichen Ebenen unseres Modells besser analysieren. Wobei auf der obersten Ebene unseres Modells also der Finanzmarkt steht, auf der zweiten die Realwirtschaft, also die Unternehmen, und auf der letzten Ebene die Arbeitnehmerschaft, also die Vertreter der Arbeitswelt.
Der Finanzmarkt erhält unsere Aufmerksamkeit, da er die Rolle der wirkmächtigsten Regulierungsinstanz der Realwirtschaft einnimmt. Im Detail widmen wir uns hier den Strukturen, Funktionsweisen und einzelnen Institutionen, sowie den Wirkungsweisen eines „Produktionsregimes“, das vom neuen „Finanzmarkt-Kapitalismus“ auf die restliche Wirtschaft ausstrahlt.
Auf der „Unternehmens-Ebene“, also in der Realwirtschaft, werden als Konsequenz die eigenen Organisationsformen an die Anforderungen des Finanzmarkts angepasst. So verändern Unternehmen ihre Strategie von einer langfristigen risikoaversen zu einer kurzfristigen am Markt orientierten und reorganisieren ihre interne Organisation, im Sinne eines „schlanken Managements“, wie auch den Umgang mit ihren Angestellten.
Auf der letzten, der „Mitarbeiter-Ebene“ wollen wir genauer zeigen, wie sich das gewandelte Verhältnis von Unternehmen und Mitarbeitern in neuen Erwerbsformen, Arbeitsbedingungen, Arbeitsbelastungen und Lebenssituationen für die Beschäftigten äußert.
Im Laufe unserer Recherchearbeit haben wir zwei Thesen aufgestellt, die sich aus den oben dargestellten Annahmen ergeben haben und die wir mit Hilfe des oben skizzierten Modells theoretisch ausführen und überprüfen wollen:

These 1: These der „ebenenspezifischen Homogenität“: Auf allen drei System-Ebenen finden wir, in unterschiedlicher phänotypischer Ausprägung, Prozesse und Zustände wieder, die im Kern mit den Begriffen Flexibilität, Beschleunigung und Unsicherheit beschrieben werden können. Unter diesen, von uns definierten Begriffen lassen sich die zentralen Charakteristika des heutigen kapitalistischen Wirtschaftssystems und seine Ausstrahlungs- und Wirkungskraft auf weitere strukturell gekoppelte Bereiche der Gesellschaft subsumieren.
These 2: Die These vom „Durchsickern“: Wir wollen weitergehend zeigen, dass Flexibilität, Beschleunigung und Unsicherheit durch das Wirtschaftssystem über die Ebenen-Grenzen hinweg von oben nach unten weitergegeben werden und somit von der Finanzmarkt- zu der Unternehmens-Ebene und von dort wiederum weiter zu der Mitarbeiter-Ebene durchsickern. Wir gehen davon aus, dass die veränderten Rahmenbedingungen des kapitalistischen Wirtschaftssystems sich, von den Finanzmärkten ausgelöst, über die Unternehmenspolitik und im Speziellen über die Personalpolitik auf die Arbeitsbedingungen der Arbeitnehmer auswirken.

Oliver Benz und Sarah Glück, studieren an der Technischen Universität Darmstadt Soziologie auf Diplom. Im Rahmen eines Seminars zu „Krise und Gesellschaft“ haben wir in einem halbjährigen Diskussions- und Ausarbeitungsprozess den oben beschrieben Ansatz gemeinsam entwickelt und ausgearbeitet. Schwerpunktmäßig beschäftigen wir uns im Studium u.a. mit Fragen der Arbeitssoziologie und Sozialer Unsicherheit und Sozialstaatsforschung.

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Ein Kommentar bis “Wirtschafts- und Arbeitswelt im Wandel”

  1. Ann-Kathrin sagt:

    Oliver und Sarah haben sich heute viel vorgenommen. Zwar haben sie in den vergangenen Semestern viele Detailfragen zum Themenbereich Wirtschaft, Finanzmarkt und Arbeitswelt geklärt – was ihnen dabei stets fehlte, ist jedoch der Gesamtblick und eine Antwort auf die Frage, ob die im Einzelnen erforschten Veränderungsmechanismen irgendwie zusammenhängen, einer inneren Logik folgen.
    Was dann folgt, ist ein positivistisches Forschungsdesign, wie es im Buche steht: drei Ebenen, drei Indikatoren. Oliver und Sarah behaupten, was mediale Finanzmarktanalysen längst entdeckt zu haben glauben: Flexibilität, Unsicherheit und Beschleunigung spielen auf dem Finanzmarkt, in der Realwirtschaft und im alltäglichen Erwerbsleben eine zunehmende Rolle. Oben drauf setzen sie die These, dass diese Veränderung top-down erzeugt wird, durch einen zunehmenden Bedeutungszuwachs der Finanzmarktebene. Dieses stark abstrahierte Modell exerzieren beide nun durch, beschreiben, wie der Druck der Ratingagenturen und Investmentfonds als Gewinnerwartung an Unternehmen und ihr Management weitergegeben wird, von wo es in Form von „Personalpolitik“, „Fokussierung aufs Kerngeschäft“ und anderer Jargonschleifen an Arbeitnehmende weitergegeben wird, wo Unsicherheit und steigende Flexibiliätsanforderungen zu enormen psychischen Belastungen und Stress führen. So weit, so bekannt.
    Und das ist auch das Problem der durchaus mit Eloquenz gerüsteten Teilnehmenden an diesem Tage. Denn das Publikum kritisiert vor allem, dass der Vortrag an der theoretischen Herleitung der schlanken Thesen gespart hat und es versäumt hat, zu belegen, dass überhaupt ein Strukturwandel stattfindet. Gerade im Hinblick auf den Indikator „Unsicherheit“ ist die Frage, ob die tatsächlich zugenommen hat, oder ob nicht – wie ein Panelteilnehmer zugespitzt bemerkte – es früher nicht noch schlimmer war, denn da gab es zum Beispiel das Wetter als zentralen und zugleich unberechenbaren wirtschaftlichen Unsicherheitsfaktor.
    Dass der Finanzmarkt aufgewertet und in der Hierarchie gestiegen ist, geht Oliver zufolge auf die Arbeiten des Soziologen Windolf zurück, der konstantiert, dass Unternehmen früher ihr Geld bei Banken geliehen haben, während sie es heute durch den Aktienverkauf aquirieren. Dass der Trend weggeht von der Geldanleihe bei der Hausbank, wertet die Finanzmärkte stark auf und führt zur ihrer „trickle-down“-Funktion. Die These des Durchsickerns scheint ihre theoretischen Anleihen bei der liberalen Wirtschaftstheorie zu nehmen, während – so betont Oliver zu Anfang – das Design selbst strukturalistisch motiviert ist.
    Eine Teilnehmerin hätte sich gewünscht, dass die theoretisch angelegte „synthetische Skizze“ im Rahmen einer empirischen Arbeit erforscht worden wäre.
    Nicht ganz geklärt werden konnte die Frage, worauf die Idee einer Wirkungskette nach unten fußt. Wie kommt es, dass die Finanzmarktakteure ursächlich für einen solchen Strukturwandel sein Folgen hat können? Und was folgt daraus?


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