Soziologie des modernen Börsenhandels

Soziologie des modernen Börsenhandels Die Börse? Das ist kein Themenbereich für die Soziologie!?! Trotz des allgemein großen Interesses für das Finanzwesen ist die Finanzsoziologie weithin unbekannt. Vielmehr besteht bei Finanzthemen ein Monopol der Wirtschaftswissenschaften. Mit dieser Deutungshoheit prägen diese seit Jahrzehnten das öffentliche Verständnis von Börsen und den Handlungsmotiven von Akteuren. Gerade aber wenn Ökonomen nur noch die Irrationalität als Erklärung für kontraproduktive Börsenentwicklungen bleibt, sollten sich Fragen nach der sozialen Einbettung oder der Eigenwirkung von Erklärungen ergeben. Im Zuge dieses Vortrags werden aus einer mikrosoziologischen Perspektive Alternativen zur impliziten Ethik und impliziten Anthropologie der Wirtschaftswissenschaften dargestellt. Dabei wird auf die konkrete Praxis des Börsenhandels eingegangen und die sog. “technische Analyse” als Arbeitsweise von Börsenhändlern u.a. genauer untersucht.

von Leonard Jakob Janke

Finanzmärkte haben in den vergangenen Jahren zunehmend an Einfluss und öffentlicher Aufmerksamkeit gewonnen und sind in zahlreiche Lebensbereiche vorgedrungen. Die immer stärkere Dominanz des Finanzwesens über die Realwirtschaft hat im „Finanzmarktkapitalismus“ (Windolf:2005) ihren Kulminationspunkt gefunden. Ziel meines angedachten Vortrags ist es, diese makrosoziologische Theorie durch die Betrachtung der Arbeitsweise von Börsenhändlern im Sinne der social studies on finance (Knorr-Cetina/Preda:2005) mikrosoziologisch zu eruieren und damit nachhaltig die Notwendigkeit der Soziologie in der Finanzwissenschaft zu betonen. Im Mittelpunkt steht hierbei die prägenden Arbeitsweise von Börsenhändlern – die sog. technische Analyse von Börsenkursen. Das Ziel dieser Arbeitsweise ist es, zukünftige Börsenkurse durch historische Börsenkurse zu antizipieren. Wie der Protestantismus jeden Gläubigen bei Durkheim „zum Schöpfer seines eigenen Glaubens“ erhebt (Durkheim 1973:169), so erhebt die technische Analyse jeden Händler im Handumdrehen zum Vorhersager zukünftiger Entwicklungen. Obwohl die technische Analyse in der Praxis die Entwicklung von Börsenkursen massiv prägt, wird sie jedoch in den Wirtschaftswissenschaften nur geringfügig beachtet und als selbsterfüllende Prophezeiung marginalisiert. Diese Ablehnung begründet sich durch einen fatalen Widerspruch. Die technischen Analyse ist nicht mit der Vorstellung von effizienten Märkten (Famas:1970) vereinbar. Interessanterweise bietet jedoch die Soziologie mit dem Performativitätsbegriff von Michel Callon (Callon:1998) eine Möglichkeit, um die Funktionsweise der technischen Analyse besser zu verstehen. Wie für den Homo Oeconomicus im Großen so gilt für den technischen Handel im Kleinen: Das Bewusstsein schafft das Sein. Als Ergebnis stellt sich dabei heraus, dass Börsen in soziale Dimensionen eingebettet sind (Clark/Thrift:2005) und immanent ein Themengebiet der Soziologie darstellen. Im Rahmen der Präsentation soll die Arbeitsweise der technischen Analyse konkret anhand von Warenterminkursen von Agrarrohstoffen vorgestellt und erklärt werden, um damit das Verständnis für die „Black-Box“ Börse zu verbessern. Grundlegend sind dabei vor allem Fragen nach den Motiven (Langenohl/Schmidt-Beck:2007), einer damit verbundenen Zeit-Präferenz (Rosa:2005, Sennet:1998) und der rationalen Methodik des Vergleichens (Brodbeck:2007). Als Option ist angedacht, dass parallel zur Präsentation ein simulierter Handel mit Echtzeitkursen stattfindet, um die beschriebene Thematik praktisch zu untermauern.

Literaturangaben: (nicht in Bezug auf den Vortag)
Brodbeck, Karl-Heinz (2007): Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie. Eine philosophische Kritik der modernen Wirtschaftswissenschaften, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Callon, Michel (1998): The Laws of the Markets. Oxford: Blackwell.
Clark, Gordon/Thrift, Nigel (2005): The Return of Bureaucracy: Managing Dispersed Knowledge in Global Finance. In: Knorr Cetina, Karin/Preda, Alex : The Sociology of Financial Markets, Oxford/New York: Oxford University Press, S. 229-249.
Durkheim, Émile (1973): Der Selbstmord. Frankfurt am Main. Suhrkamp.
Famas, Eugene (1970): Efficient Capital Markets: A Review of Theory and Empirical Work. In: The Journal of Finance, Volume 25, Issue 2, S. 383-417.
Knorr-Cetina, Karin/Preda, Alex (2005): The sociology of financial markets. Oxford/New York: Oxford University Press.
Langenohl, Andreas/Schmidt-Beck, Kerstin (2007): Die Markt-Zeit der Finanzwirtschaft: soziale, kulturelle und ökonomische Dimensionen. Marburg: Metropolis, S. 149-185.
Rosa, Hartmut (2005): Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Sennett; Richard (1998): Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin: Berlin-Verlag.
Windolf, Paul (2005): Was ist Finanzmarktkapitalismus? In: Finanzmarkt-Kapitalismus. Sonderheft 45 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Wiesbaden: VS Verlag.

Leonard Jakob Janke,studiert Soziologie und Betriebswirtschaftslehre (BA) an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg und ist gelernter Bankkaufmann. Er beschäftigt sich mit der Finanzsoziologie, buddhistischem Wirtschaftsverständnis und dem Rohstoffhandel an Börsen.

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Ein Kommentar bis “Soziologie des modernen Börsenhandels”

  1. Ann-Kathrin sagt:

    Leonard zeigt überzeugend, warum die Börse Thema der Soziologie sein sollte. Gleichzeitig meint er, sein forscherisches Steckenpferd erfordere eine gewisse Hartnäckigkeit, denn die Börse wird von der Soziologie gerne vernachlässigt. So steigt er in den Vortrag mit einem Überblick über die Dimensionen des Forschungsfeldes ein, und zeigt, wie die Soziologie bisher versucht, vor allem als Mikrosoziologie und in der Techniksoziologie Nischen gegenüber den Wirtschaftswissenschaften zu besetzen.
    Am Beispiel der Forschung von Donald Mackenzie über die Geschichte des Black-Scholes Modell zeigt Leonard, wie gerade die Wirtschaftswissenschaften zur Legitimation von Herrschaft beitragen. Black Scholes, ein mathematisches Modell zur Schöpfung von Gewinnen aus sg. „Optionen“, machte aus simpler Spekulation eine Wissenschaft – und seine Erfinder zu steinreichen Nobelpreisträgern. Die These Leonards: nicht nur, dass die Wirtschaftswissenschaft stärker der Praxis verhaftet ist, als sie selbst zugibt, sondern auch, dass sie stärker von ihr abhängt: ihrer affirmativen Funktion beraubt, verlöre sie sicherlich an Bedeutung.
    Im Anschluss daran fordert Leonard recht provokativ: auch die Soziologie müsse, ohne dabei jedoch ihren kritischen Anspruch zu verraten, praxisbezogener werden. Dies – auf Nachfrage eines irritierten Panelteilnehmenden – allerdings nicht im Sinne einer stärkeren Abhängigkeit von der Praxis, sondern vielmehr als Versuch, sich den Praktiker_innen an der Börse als Forschungsobjekte stärker zu nähern.
    Gerade an der Börse spielt soziales Handeln eine wesentlich größere Rolle, als Finanzanalytiker sich eingestehen könnten. Es herrsche eine regelrechte „Börsenesoterik“, denn obwohl gerade die technische Analyse im Grunde genommen eine „self-fulfilling prophecy“ darstellt, gibt es keinen Börsenanalytiker, der sich nicht mit ihr auseinandersetzt. Technische Analyse als soziale Norm also, als Glaube in die Kontrollierbarkeit der Finanzmärkte? Schade, dass die Diskussion an dieser Stelle endete.


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