Im spätkapitalistischen Theater

Im spätkapitalistischen Theater Wo herrscht überall Kapitalismus? Was hat unsere alltägliche Kommunikation mit „dem System“ zu tun? Herbert Marcuse liefert mit seinen Konzepten von Eindimensionalität und Zweiter Natur eine Anthropologie des Menschen im (spät)kapitalistischen Machtapparat. Andere Autoren wie Erving Goffman wiederum beschreiben das soziale Handeln auf zwischenmenschlicher Ebene. Ansätze, die erst einmal wenig gemeinsam zu haben scheinen. Vergleicht man sie näher, tun sich aber interessante Parallelen auf. Goffmans alltägliches Theater wird plötzlich ziemlich kapitalistisch. Wir wollen unter dem anderem die Huhn-Ei-Frage klären. War zuerst kapitalistische Interaktion oder die kapitalistische Gesellschaftsstruktur da? Bedeutet kapitalistisches Handeln auf der Mikroebene vielleicht, dass diese Handlungsmuster natürlich in uns angelegt sind? Braucht gesellschaftliches Zu-sammenleben gar kapitalistische Strukturen?

von Johannes Uhl

Schon Guy Debord, Vordenker der französischen Situationisten, hatte seinerzeit erkannt, dass das Theater, das Spektakel charakteristisch für kapitalistische Gesellschaften ist. Die Machtmechanismen des Kapitalismus basieren gemäß seiner Auffassung auf stetigem Spielen, Aufstellen zweiter Wahrheiten – letztlich reiner Show. Auf der Suche nach den Ursprüngen dieser Verhältnisse habe ich mich auf die atomare Ebene der Gesellschaft begeben, auf die Ebene der mikrosozialen Interaktion. Als Kronzeuge diente mir dabei der zentrale Denker auf diesem Gebiet, Erving Goffman. Um die Machtverhältnisse und Handlungsmuster im Kapitalismus genauer zu erfassen, habe ich Herbert Marcuse herangezogen, der in seinen Untersuchungen mit den Konzepten von Zweiter Natur und Eindimensionalität ein Gutteil an Anthropologie des von ihm so genannten Spätkapitalismus liefert. Ich wollte herausfinden, was die beiden Autoren eint. Das heißt, ob schon unser alltäglichstes Interagieren von kapitalistischen Mustern gekennzeichnet ist. Da wäre zunächst die Frage nach der Natur des Menschen selbst. Marcuse stellt fest, dass im (spät)kapitalistischen System eine zweite Natur des Menschen erzeugt wird. Das Bedürfnis nach Konsum, nach immer neuen Waren wird als natürlich und lebensnotwendig vermittelt. Damit entfernt sich der Mensch von seiner biologischen Natur. Das Unnatürliche wird natürlich und normal. Ähnlich in unserer alltäglichen Interaktion: Wie Goffman feststellt, spielt jeder im alltäglichen Leben Theater. Bewusst versucht jeder, einen möglichst guten Eindruck bei anderen zu hinterlassen. Positive Eigenschaften werden verstärkt, negative verdeckt. Hier wird also auch eine zweite Natur erschaffen. Anders ausgedrückt: Der Darsteller der alltäglichen Interaktion versucht, sich möglichst gut zu verkaufen. Ein Handeln, das Marktgesetzen und damit der kapitalistischen Ordnung folgt. Warum das alles? Beide Autoren sind sich einig, dass es die Rationalität ist, die uns jeweils so handeln lässt. Der „Goffmensch“ möchte loyal zu seinen Mitmenschen sein, um Schwierigkeiten zu vermeiden. Das spätkapitalistische Individuum folgt in allem der technologischen Rationalität, die ihm von der Marktlogik des kapitalistischen Systems vorgegeben wird. Die Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes erschließen sich dann leicht: Im kapitalistischen Wirtschaften und Handeln zählt Konformismus. Ebenso in unserer alltäglichen Interaktion: Performanceteams entwickeln sich, um ein möglichst gleichförmiges und angepasstes Handeln zu ermöglichen. Damit wird jegliche Veränderung der gesellschaftlichen Struktur immer schwieriger. Mit den Worten Marcuses: Die Gesellschaft wird eindimensional. Gleichzeitig entwickelt sich ein Machtgefüge. Wer in der Interaktion die Situation am besten zu interpretieren weiß, wer eine Führungsposition im performance team ausgebildet hat, der hat Macht. Diese Akteure können die Situation jeweils in ihrem Sinn beeinflussen. Weiterhin impliziert jede performance, dass gleichzeitig Darsteller und Publikum vorhanden sind. Die Darsteller sind eo ipso, da sie den Verlauf der Aufführung bestimmen, in einer Machtposition. Ähnliches finden wir auf der Makroebene: Eine herrschende Klasse beeinflusst die gesamte Gesellschaft entsprechend der eigenen Ziele. Da eine Veränderung der Gesellschaftsstruktur wie gesagt kaum möglich ist, ist diese dichotome Struktur zwischen Herrschern und Beherrschten sehr stabil. Sowohl bei Goffman als auch bei Marcuse finden wir also letztlich eine Klassengesellschaft. Bleibt schließlich die Interpretation der beschriebenen Zustände, die die (normative) Spannung zwischen beiden Sphären deutlich werden lässt. Das Spiel und die Segregation zwischen Darsteller und Publikum auf der Mikroebene sind schlechterdings notwendig, damit sich der Mensch in der Komplexität des sozialen Gefüges zurechtfinden kann. Auf der Makroebene allerdings führen uns die beschriebenen Zustände sehr schnell zu Ausbeutung, Klassenkonflikt und anderem. Folgen wir Marcuse sind dies also Zustände die überwunden werden müssen, von denen sich der Mensch befreien muss. Beim Kongress wollen wir die beschriebenen Befunde diskutieren. Decken sich die Beschreibungen mit unseren Erfahrungen? Was war zuerst da: kapitalistische Interaktion oder kapitalistische Makrostruktur? Bedeutet die Omnipräsenz kapitalistischen Handelns auf der Mikroebene vielleicht sogar, dass uns diese Handlungsform natürlich angelegt ist? Braucht gesellschaftliches Zusammenleben gar kapitalistische Strukturen? Und: Muss die Mikrosoziologie kritischer werden?

Johannes Uhl, 22, studiert Politikwissenschaft und Physik an der Freien Universität Berlin. Seine Studienschwerpunkte sind Politische Theorie und Vergleichende Politikwissenschaft. Er ist Redakteur bei 360°, dem studentischen Journal für Politik und Gesellschaft.

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