Sorry, we’re closed: Endlich wächst zusammen, was auseinander gehören will!

Im aktuellen soziologischen Globalisierungsdiskurs ist es ein Gemeinplatz das Verschwinden des Nationalstaates zugunsten einer Öffnung der Gesellschaft zu attestieren. Diese Diagnose ist im Lichte neuer Kommunikationsformen, sowie wirtschaftlicher und politischer Integration sicher nicht unangemessen und stellt nicht nur die Akteure, sondern auch die Soziologie vor neue Aufgaben.

von Dominik Döllinger

Die Agonie der geschlossenen Räume tritt allgemein dort in den Vordergrund, wo sich Fragen der Identifikation und Sicherheit von Gemeinschaften stellen. Den Bedrohungen für das Selbstverständnis einer Gemeinschaft wird dementsprechend häufig mit Tendenzen zur Raumschließung begegnet, wie sie sich im neuen europäischen Nationalismus oder auch religiösem Fundamentalismus äußern. Es scheint daher angebracht dem Öffnungsmechanismus der Globalisierung einen Schließungsmechanismus verschiedener Vergemeinschaftungen dialektisch gegenüber zu stellen.

Für ein solches Unterfangen bietet sich die Einnahme einer raumsoziologischen Perspektive an. Mit Georg Simmel wissen wir, dass sich Gemeinschaften in den Raum einschreiben und dieser wiederum auf die Gemeinschaft zurückwirkt. Einer der wichtigsten soziologischen Tatbestände ist in diesem Zusammenhang die Grenze, die gleichsam dasjenige Phänomen ist, dem im Zuge der Globalisierung immer weniger Bedeutung beigemessen wird. Dies geschieht, obwohl die Möglichkeiten der Abgrenzung nach außen, sowie der Homogenisierung nach innen explizit auf einer Grenzziehung durch die jeweiligen Gemeinschaften beruhen. Dementsprechend ist die Suche nach dem geschlossenen Raum nicht zuletzt aucheine Suche nach Identifikation. Raum und Grenze sollten somit heute mehr denn je im Fokus soziologischer Untersuchungen stehen.

Bemüht man nun zunächst die von Simmel genannten Raumqualitäten um die Notwendigkeiten des geschlossenen Raumes soziologisch zu erfassen, drängt sich sodann eine strukturalistische Lesart dieser Ideen auf, die einige Verbindungsmöglichkeiten zu den Foucaultschen Begriffen der Heterotopie und Utopie anbieten. In meinem Vortrag werde ich versuchen zu zeigen, dass die Verknüpfung von Simmel und Foucault auf dem Gebiet der Raumsoziologie einen differenzierten Blick auf das Spannungsfeld zwischen offenen und geschlossenen Räumen in der globalisierten Welt ermöglicht.

Es wird zu zeigen sein wie sich die Verwendung raumsoziologischer Perspektiven für das Verständnis der Globalisierungsdynamiken und deren Folgen fruchtbar machen lässt und wie die Suche nach Identität einer Gemeinschaft zur Suche nach einem geschlossenen Raum umgedeutet werden kann. Mittels verschiedener Illustrationen aus der sozialen Wirklichkeit (deren Auswahl sich an den zum Zeitpunkt des Vortrages aktuellen Brennpunkten orientieren wird) kann dann diskutiert werden, ob gesellschaftlicher Wandel jemals vom Raum losgelöst begriffen werden kann und ob nicht die Grenze gerade jetzt, wo sie als Modell der territorialen Abgrenzung obsolet zu werden scheint, als Beispiel soziologischer Wechselwirkungen besonderer Aufmerksamkeit bedarf.

Dominik Döllinger, ist 25 Jahre alt, studiert Soziologie im Hauptfach (Diplom) und Psychologie und Philosophie im Nebenfach an der Otto-Friedrich Universität Bamberg. Dazu ist er am Lehrstuhl von Professor Richard Münch angestellt (Hiwi und Tutor) und arbeitet dort an einigen Projekten mit.
Seine soziologische Orientierung ist eher theoretisch und dabei stark geprägt vom französischen (Post-)Strukturalismus und dessen Vorläufern (Mauss, Halbwachs, Durkheim), der Lebensphilosophie von Nietzsche und Bergson, und soziologischen Klassikern wie Simmel und Weber. An seinen Nebenfächern dürfte auch noch deutlich werden, dass er großes Interesse an Subjekttheorien hat, von der Psychoanalyse (Freud, Jung, Fromm, Lacan, Zizek) bis Mead, sowie verschiedenen kognitivistischen Ansätzen der Psychologie. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt liegt für ihn noch auf dem Bereich der Kunstsoziologie (v.a. Film). Das Thema Raum hat wurde vor allem im Rahmen verschiedener Arbeiten an seinem Lehrstuhl inspiriert und begann als Arbeit um das Verschwinden des Nationalstaates. Mittlerweile hat er seine Ideen weiter abstrahiert und versucht die Raumsoziologie sowohl von Seiten der Makro- als auch der Mikroebene zu denken.

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30 Kommentare bis “Sorry, we’re closed: Endlich wächst zusammen, was auseinander gehören will!”

  1. Alex sagt:

    Dominik möchte der Soziologie das Attribut der Begleitung sozialer Prozesse hinzuzufügen und nicht nur das Zu-Spät-Sein, damit sie sich auch mal im gesellschaftlichen Diskurs etablieren kann und nicht immer nur politiker in der Talkshow sitzen. Ich bin Alex und blogge live vom Vortrag.

  2. Alex sagt:

    Zusammen produzieren die Menschen eine gemeinsame Welt.
    Subjekte, in die sich die Gesellschaft eingeschrieben hat.
    Soziale Identität ist ein Mikro- und Makrophänomen.

  3. Alex sagt:

    Gesellschaft existierte schon lange vor uns. Wir alle sind Teil einer Kultur. Diese Ansicht teilen wir mit anderen. Wir teilen die soziale Identität, welche eine chronologische und eine morphologische Dimension besitzt.

  4. Alex sagt:

    Gesellschaft existierte schon lange vor uns. Wir alle sind Teil einer Kultur. Diese Ansicht teilen wir mit anderen. Wir teilen die soziale Identität, welche eine chronologische und eine morphologische Dimension besitzt.

    Fortschrittsgedanke als kulturelle Besonderheit.
    Reckwitz: Das hybride Subjekt.
    Postmoderne Subjekte unterscheiden sich vom bürgerlichen Subjekt, der kulturell Andere im historischen Kontext.

  5. Alex sagt:

    Jede soziale Identität unterscheidet sich durch ihre Gestalt von anderen.
    Soziale Identität braucht eine Homogenität nach innen und eine Heterogenität nach außen.
    Containerverständnis des sozialen Raumes im Nationalstaat.

  6. Alex sagt:

    Die Agonie des Nationalstaates.
    Widerspruch in der Alltagspraxis.
    Globalisierung versus Nationalstaat.
    Effektivität bemisst sich an der Zeitersparnis.
    Symbiotische Beziehung zwischen Staat und Markt.
    Baumann: Homöostase.Überwindung dieses Verhältnis der Ko-Existenz in Eines der Konkurrenz im Zuge der Globalisierung.

  7. Alex sagt:

    Der Markt treibt den Nationalstaat vor sich her.
    Kritischer Wendepunkt. Nationalstaat und Wirtschaftsliberalismus gingen Hand in Hand, doch im Wettrennen droht der Staat zu verlieren. Märkte verweigern sich dem Zugriff der Nationalstaaten. Doch ist der Raum als Identitätsstifter nicht abgeschrieben.

    Räumlichkeit muss neu gedacht werden.

  8. Alex sagt:

    Drohen die nationalstaatlichen Vergesellschaftungen zu zerfallen?
    Wie kann Vergesellschaftung ohne Nationalstaaten gedacht werden?
    Hierzu wird der Klassiker Georg Simmel bemüht (Soziologie des Raumes).

    Geschlossene Räume und Abgrenzung sind notwendige Bedingung zur Herausbildung einer gemeinsamen Identität.
    Nationalstaat als Paradebeispiel der Vergeselleschaftung.

    Die Heterotopie (Foucault: Von anderen Räumen) bietet sich hier als Konzept an.

  9. Alex sagt:

    Verschwimmen der Grenzen zwischen Abweichungs- und Krisenheterotopien bei Foucault (altersheime, Gefängnisse, Anstalten). Grenzziehung, die nicht über die Fläche, sondern über den Ort funktoniert.
    Heterotopien als Orte, als neue Grenzen. Identität wird zunehmend über kulturelle orte verhandelt.

  10. Alex sagt:

    Moderne Gesellschaft als Schwarm bei Ereignissen (Baumann).
    Neue Form innerer Homogenisierung in flüssiger Moderne.
    Stadtteile können auch als neue Heterotopien gelten.
    Beispiel diasporisch organisierter Identitätsstiftung.

  11. Alex sagt:

    Soziale Identität in Europa nicht zu erwarten.
    Durchlässige Grenzen bringen keinesfalls eine gemeinsame Identität hervor.
    Vergesellschaftung ist Kultur stärker verbunden als dem Nationalstaat.

    Ebenfalls zur Beschreibung möglich: Orte und Nicht-Orte als Kennzeichen moderner Raumstruktur.

  12. Alex sagt:

    Fragen aus dem Audium. Neues Dreieck Staat/wirtschaft/Zivilgesellschaft und die zugehörige Metadiplomatie.
    Zeitalter illusorischer Partizipation.

    Antwort: Vielleicht auch eine Ausdifferenzierung in kleinere Einheiten, nicht immer nur in Größeres?

    Plädoyer für eine Balance zwischen den Regionen und dem Globalen.

    Staat als neues funktionales Äquivalent zum Vertrauen?

  13. Alex sagt:

    Frage des Internets für diese Konzeption?
    Durch Nationalstaaten werden Wanderungsprozesse zunehmend reglementiert…

  14. Alex sagt:

    Anmerkung: Postmoderne Theoretiker haben unrecht, weil die Heterogenität gar nicht so weit geht.
    Unterscheidung zwischen Deskription und Normativem. Ist die Auflösung des Nationalstaates erwünscht?

  15. Alex sagt:

    Rückkehr des Staates durch Terrorgesetze etc.
    Die Akeure, die Repressionen ausüben, sind weltweit die Staaten.
    Der Kapitalismus wird gerade von STAATEN gerettet, sodass der Staat nicht stirbt.
    Sicherheitspolitik als Beispiel.

  16. Ladainian sagt:

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