Gibt es wirklich eine fundamentale kognitive Differenz zwischen Menschen und Tieren? Aktuelle Forschungsergebnisse und ihre Bedeutung für das gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnis

Seit der medialen Debatte um die ethischen und ökologischen Konsequenzen des Fleischverzehrs, angeregt vor allem durch das Buch „Tiere essen“ des US-Autors Jonathan Safran Foers, zeichnet sich eine Verschiebung in den öffentlichen Diskursen über die gesellschaftliche Mensch-Tier-Beziehung sowie über die Haltung und Tötung von Tieren für menschliche Zwecke ab. Sollte sich dieser Trend verstetigen, könnte dies angesichts der immensen ökonomischen und kulturellen Bedeutung der gesellschaftlichen Tiernutzung zu einem fundamentalen Wandel der Strukturen westlicher Gesellschaften führen.

von Sonja Buschka

Theoretischer Hintergrund
Seit der Antike war es für europäische Gesellschaften üblich und nahezu selbstevident, eine harte Trennlinie zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Tieren zu propagieren. Die Begründung einer solchen Trennlinie basiert in wissenschaftlichen, philosophischen und Alltagsdiskursen üblicherweise auf der Annahme, dass Tiere grundsätzlich nicht über ‚Geist’ verfügen während dies bei Menschen grundsätzlich der Fall ist. Auf diese Weise wurden Tiere als vom Menschen vollständig verschiedene Lebewesen konstruiert, wobei Menschen als Besitzer von ‚Geist’ gegenüber den Nichtbesitzern von ‚Geist’ (den Tieren) als höherwertig eingestuft wurden. Diese behauptete Höherwertigkeit ist bis heute eine Hauptprämisse in der Legitimierung menschlicher Macht, Herrschaft und Gewalt gegenüber Tieren und für den Ausschluss von tierlichen Individuen aus der moralischen Gemeinschaft.

Forschungsfragen und Ergebnisse
Das Hauptanliegen des Papers ist die Konfrontation der Annahme einer fundamentalen kognitiven Differenz zwischen Menschen und Tieren mit den Ergebnissen aktueller wissenschaftlicher Studien zum Tierverhalten. Dabei wird von der Hypothese ausgegangen, dass eine solche Differenz sozial konstruiert ist und nicht durch gegenwärtige naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse belegt werden kann. Es werden die Ergebnisse eines Forschungsprojekts vorgetragen, das an der Universität Hamburg durchgeführt wurde. Dabei stellte sich heraus, dass die gegenwärtige Konstruktion einer fundamentalen kognitiven Differenz zwischen Menschen und Tieren nicht haltbar ist. Das zweite Anliegen des Papers ist aufzuzeigen, in welcher Weise diese Ergebnisse den menschlichen Herrschaftsanspruch über Tiere und den institutionellen Hintergrund westlicher Gesellschaften.

Methodischer Ansatz
Die durchgeführte Forschung basiert auf der Textanalyse philosophischer Diskurse mit Tierbezug von der Antike bis heute sowie auf der Meta-Analyse biologischer und verhaltenswissenschaftlicher Studien der letzten zehn Jahre zu den kognitiven Fähigkeiten von Tieren.

Sonja Buschka, hat Philosophie und Soziologie an der Universität Hamburg studiert. Aktuell promoviert sie in Soziologie auf dem Feld des gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisses. Sie ist Mitherausgeberin und Mitautorin zweier Aufsätze des im Winter 2011 erscheinenden Buches “Gesellschaft und Tiere. Soziologische Analysen zu einem ambivalenten Verhältnis”. Ihre Forschungsinteressen liegen neben der Erforschung des gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisses insbesondere im Bereich der Analyse sozialer Ungleichheiten und der Ethik.“

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15 Kommentare bis “Gibt es wirklich eine fundamentale kognitive Differenz zwischen Menschen und Tieren? Aktuelle Forschungsergebnisse und ihre Bedeutung für das gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnis”

  1. Alex sagt:

    Ausgangspunkt ist die gemeingesellschaftliche Annahme, dass es diese fundamentale kognitive Differenz zwischen Menschen und Tieren gibt und die Menschen daraus ihre Machtpositionen gegenüber Tieren rechtfertigen.

  2. Alex sagt:

    Ich bin Alex und blogge live von Sonjas Vortrag.

  3. Alex sagt:

    Gesucht wurden zunächst Hauptdimensionen in philosophischen Diskursen, die anthropozentrisch geprägt sind.
    Die wesentlichen Dimensionen von “Geist” sind demnach: Phänomenales Bewusstsein, Intentionalität, Sprache, Lernen, der Besitz einer Theorie des Geistes, Denken und logische Schlussfolgerung und letztlich Erinnerung, Planung und Repräsentation anderer Zeiten.

    Geist erhärtet sich als Unterscheidungskriterium zwischen Menschen und Tieren.

  4. Alex sagt:

    Wie werden Tiere in diesen philosophischen Diskursen konstruiert?
    1. nicht ausgestattet mit Geist (Davidson, Descartes)
    2. ausgestattet mit Geist (Montagne, Searl)
    3. ausgestattet mit graduellem Geist. (Dennet, Proust, Stereley)

    Für Descartes sind Tieräußerungen “Quietschen einer Maschine”.

  5. Alex sagt:

    Metaanalyse naturwissenschaftlicher Studien:
    Keine der Forscher_Innen kam zu dem Ergebnis, dass Tiere keinen Geist haben.
    Bei dieser Annahme handelt es sich um eine soziale Konstruktion.

  6. Alex sagt:

    Zum Bereich Sprache hat sich gezeigt, dass Tiere akustisch variierende Sprachen verwenden können – auch mit anderen Tierarten.

    Der Spracherwerb ist kulturell bedingt und klappt deswegen in Laboren oft nicht.

  7. Alex sagt:

    Ergebnisse aus der Dimension Lernen:
    Viele Tiere können rechnen. Schimpansen auch mit der Zahl 0, was die Römer nicht konnten.

  8. Alex sagt:

    Rśümée der ersten Forschungsfrage: Die Annahme ist nicht haltbar.
    Es gibt höchstens graduelle Unterschiede, aber es ist nicht haltbar, dass Tiere keinen Geist hätten.

  9. Alex sagt:

    Wenn es diese fundamentale Differenz nichtt gibt, welche Konsequenzen resultieren hieraus für den Umgang mit Tieren bezüglich des menschlichen Anspruchs auf Macht und dem industriellen Umgang mit Tieren in westlichen Gesellschaften.

  10. Alex sagt:

    Was passiert, wenn es keine Legitimationsgrundlage mehr gibt?
    a) Wir brauchen keine Legitimation!
    b) Es wird eine andere Legitimation gefunden
    c) Es kommt zu einem Wandel des Verhältnisses.

  11. Alex sagt:

    Wenn es kein Problem wäre, wie mit Tieren umgegangen wird, warum operiert der Umgang mit Tieren dann hauptsächlich im Rücken der Gesellschaft?

  12. Alex sagt:

    Die Antworten a) und b) sind nicht plausibel, weil bei beiden über Umwege wieder eine grundlegende Differenz gefunden.
    Es könnte eine Notwendigkeit der Nutzung von Tieren geben, um das gesellschaftliche Leben aufrechtzuerhalten, was empirisch falsch ist.

  13. Alex sagt:

    Es bleibt nur der Wandel des gesellschaftlichen Umgangs mit Tieren verglichen mit den Werten und Ansprüchen der Gesellschaft an sich selbst.

  14. Alex sagt:

    Gesellschaftliche Konsequenzen bei einem möglichen Tötungsverbot der Tiere:
    Ökonomisch und aus der Arbeitsperspektive – schwer abzuschätzen, viele Menschen leben vom Umgang mit Tieren.

    Gesundheitlich? Eine gut geplante vegane Ernährung ist gesund und beugt vielen Zivilisationskrankheiten vor.

    Welthunger und -durst?
    Fleischindustrie ist einer der größten Verbraucher von Ressourcen, globaler Ausverkauf von Anbauflächen.

  15. Alex sagt:

    Soziologisch spannende Frage: Warum werden diese effizienten Strategien zur Bekämpfung des Welthungers so oft verschwiegen?


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