Die Bedeutung des Nationalstaats als Denkkategorie der Sozialwissenschaft. Kritische Anmerkungen zum „methodologischen Nationalismus“

Der Vortrag thematisiert die Ursachen und Auswirkungen des methodologischen Nationalismus, worunter die oft unbewusste Verwendung des Nationalstaats als sozialwissenschaftliche Untersuchungseinheit und seine Gleichsetzung mit Gesellschaft verstanden wird. Anhand von Beispielen wird dabei gezeigt, wie der unreflektierte Umgang mit dem Nationalstaat in den Sozialwissenschaften dazu führt, dass die nationalstaatliche Perspektive auf soziale Phänomene normalisiert, legitimiert und reproduziert wird. Um damit verbundene Verzerrungen in der sozialwissenschaftlichen Beobachterperspektive erkennen und vorbeugen zu können, plädiert der Vortrag für eine stärkere Reflektion der Bedeutung des Nationalstaats als Denkkategorie.

von Benjamin Triebe

In den Sozialwissenschaften wird bereits seit geraumer Zeit darüber diskutiert, dass der Nationalstaat, dessen Existenz vielen Menschen oft wie eine ontologische Selbstverständlichkeit erscheint, in den letzten Jahrzehnten stark unter Druck geraten ist. So haben seit dem Ende des Kalten Krieges insbesondere wahrgenommene Prozesse der Globalisierung, Europäisierung und Denationalisierung dazu beigetragen, die Zukunft des Nationalstaats als bestimmende politische und soziale Organisationsform unserer Zeit kritisch zu hinterfragen und den Wandel von Staatlichkeit sozialwissenschaftlich stärker zu untersuchen.

Dass der Nationalstaat nicht für die Ewigkeit gemacht ist und genauso sozialem Wandel unterliegt wie andere Phänomene menschlichen Zusammenlebens, ist dabei weder eine überraschende noch eine neue Erkenntnis. Allerdings bezog sich diese Erkenntnis in der Sozialwissenschaft lange Zeit vor allem auf den Staat und weniger auf die Nation. So gab es bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts die verschiedensten Theorien zum Staat, während Nation, Nationalität und Nationalgefühl in der frühen Sozialwissenschaft weitgehend als selbstverständlich galten und kaum reflektiert wurden. Eine wirklich kritische Reflektion dieser Annahmen vollzog sich in der Nationen- und Nationalismusforschung erst in den 1980er Jahren durch Anderson, Gellner und Hobsbawm. Die dabei gewonnene Erkenntnis, dass es sich bei Nationen hauptsächlich um moderne Phänomene und Konstrukte des menschlichen Denkens handelt, war zwar für die Nationalismusforschung sehr bedeutend, hat in der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung und Forschungspraxis jedoch kaum Konsequenzen nach sich gezogen.

Die mangelnde Konsequenz beim Umgang mit dem Nationalstaat als sozialwissenschaftlicher Untersuchungseinheit wird heute allgemein mit dem Begriff des methodologischen Nationalismus beschrieben, der in 1970er Jahren geprägt wurde und im Zuge der jüngsten Diskussion über Globalisierung und den Wandel von Nationalstaatlichkeit eine stärkere Verbreitung erfahren hat. Dazu hat im deutschsprachigen Bereich insbesondere Ulrich Beck beigetragen, der die Sozialwissenschaften generell eines methodologischen Nationalismus verdächtigt und als Alternative einen methodologischen Kosmopolitismus vorschlägt. Mit dem Begriff des methodologischen Nationalismus verbindet sich dabei im Kern die Kritik, dass die Sozialwissenschaften, ausgehend von einer Containertheorie der Gleichsetzung von Staat und Gesellschaft, den Nationalstaat mehr oder weniger ‚naturalisieren‘, Staat und Nation also als naturgegebene Untersuchungseinheiten ansehen. Auf diese Weise werde die soziale Wirklichkeit von Anfang an als nationalstaatlich verfasst wahrgenommen, was letztlich empirische Beobachtungen und theoretische Überlegungen in der Wissenschaft vorstrukturiere, wenn nicht sogar verfälsche – bspw. wenn es um die adäquate Erfassung transnationaler Phänomene geht.

Die Auseinandersetzung mit den aktivsten KritikerInnen des methodologischen Nationalismus – neben Beck insbesondere Daniel Chernilo, Nina Glick Schiller, Andreas Wimmer und Michael Zürn, die den Begriff zum Teil als Kampfbegriff benutzen – legt den Schluss nahe, dass der Nationalstaat eine grundlegende Denkkategorie in der Sozialwissenschaft darstellt. So sind viele sozialwissenschaftliche Untersuchungen oft unbewusst auf den Nationalstaat fokussiert bzw. verwenden ihn unhinterfragt als selbstverständliche Analyseeinheit und verorten in der Folge Gesellschaft hauptsächlich im nationalstaatlichen Container. Dies beruht auf dem sozialen Verständnis des Nationalstaats, das von impliziten, historisch entstandenen und damit kontingenten Annahmen geprägt ist. Dazu zählen die Vorstellung einer territorial gebundenen, begrenzten Gesellschaft und die Idee der Verknüpfung von Nation, Staat und Territorium. Die Übernahme dieser Annahmen trotz ihrer Kontingenz in die wissenschaftliche Beobachterperspektive und die Bedeutung des Nationalstaats als wirkmächtige Kategorie des Denkens lassen sich im Anschluss an Berger und Luckmann über die gesellschaftlichen Prozesse der Wirklichkeits-Konstruktion erklären. Dabei spielen für die Internalisierung nationalstaatlich geprägter Wirklichkeitsvorstellungen insbesondere Institutionen wie Schulen oder Universitäten, die meist selbst staatlich organisiert sind, eine zentrale Rolle.

Der methodologische Nationalismus besitzt aber nicht nur eine soziale Grundlage, sondern entfaltet auch bestimmte Wirkungen. So führt die unbewusste sozialwissenschaftliche Fixierung auf den Nationalstaat als Analyseeinheit zu dauerhafter Reduktion von sozialer Komplexität sowie zur Objektivierung und Normalisierung der nationalstaatlichen Perspektive (bspw. indem nicht-staatszentrierte Forschungsansätze unter besonderem Rechtfertigungszwang gestellt oder einfach marginalisiert werden; indem Geschichte als kontinuierliche und sinnhafte Nationalgeschichte erzählt wird; indem Migration vor allem nationalstaatlich gedeutet wird; indem bei der Sozialstrukturanalyse globale Ungleichheiten gegenüber nationalen vernachlässigt werden).

Der methodologische Nationalismus trägt mit diesen Wirkungen letztlich zur Legitimation und Reproduktion der nationalstaatlichen Perspektive bei – eine Perspektive, die die komplexe soziale Welt nach klaren nationalen Kriterien ordnet und somit Orientierung bietet. Das Paradigma des methodologischen Nationalismus erfüllt damit eine wichtige Funktion für die moderne Gesellschaft, deren Wirklichkeit hauptsächlich als territorial und nationalstaatlich verfasst vorgestellt wird. Zugleich wirft die weitgehend unhinterfragte Verwendung des Nationalstaates aber grundlegende Fragen gegenüber dem Anspruch der Sozialwissenschaft auf, die Welt adäquat und objektiv zu beschreiben und zu analysieren. Ein erster Schritt, um möglichen Verzerrungen und Einseitigkeiten durch den methodologischen Nationalismus vorzubeugen, wäre die stärkere Reflektion der Bedeutung des Nationalstaats für die eigene sozialwissenschaftliche Beobachterperspektive sowie die bewusste Auswahl und explizite Begründung von Untersuchungseinheiten.

Benjamin Triebe hat von 2005 bis 2011 Politikwissenschaft und Soziologie (Magister) an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena studiert. Seit 2007 war er als Tutor und studentische Hilfskraft sowohl am Soziologie- als auch am Politikwissenschafts-Institut tätig. Seine thematischen Schwerpunkte sind der Nationalstaat & Nationalismus, Globalisierung, Weltpolitik, Wissenssoziologie sowie politische und soziologische Theorie im Allgemeinen.

Dieser Beitrag wurde eingereicht von Benjamin Triebe.

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10 Kommentare bis “Die Bedeutung des Nationalstaats als Denkkategorie der Sozialwissenschaft. Kritische Anmerkungen zum „methodologischen Nationalismus“”

  1. Frank Druhm sagt:

    Weil es in erster Linie nicht ein oziologisches sondern ein soziales Thema ist, ist darüber nachzudenken.Vielleicht kann die Identifikation von für die gesellschaftliche Identitätsbildung relevanten Sektoren helfen. Auch mögen im Sinne von Strukturierung “entnationalisierende” Faktoren und/ oder Prozesse benannt wrden können. Schließlich sehe ich die Begriffe ‘Transnationalität’ und ‘Multinationalität’ -auch in ihrer Wechselwirkung – als erklärungsbedürftig an.
    DrF

  2. Alex sagt:

    Hallo, ich bin Alex und blogge jetzt live von Benjamins Vortrag.

  3. Alex sagt:

    Gesellschaft als Container im Nationalstaat. Transnationale und subnationale Phänomene werden ausgegrenzt.

  4. Alex sagt:

    Was macht den Nationalstaat überhaupt zu einer selbstverständlichen oder grundlegenden Analyseeinheit der Soziologie? Geht auf Wissen über den Nationalstaat zurück und ist damit historisch kontingent.

  5. Alex sagt:

    Der Nationalstaat ist ene relevante und objektive Wirklichkeit für viele Menschen (Berger/Luckmann oder Thomas-Thomas)

  6. Alex sagt:

    Es gibt eine Materialität der Geschichte des Nationalstaats, oft in symbolhafter Form (Flaggen, Hymnen usw).

  7. Alex sagt:

    Schulen lassen sich im Anschluss an Foucault nicht nur als disziplinierende, sondern auch als sozial konstruierende Institution erklären, in denen eine gesellschaftliche Wirklichkeit des Nationalstaats vermittelt wird (Geographie, Geschichte).

  8. Alex sagt:

    Der methodologische Nationalismus bezeichnet eine soziologische Perspektive, die Gesellschaft und Staat implizit gleichsetzt und nicht nur normalisiert und legitimiert, sondern zu ihrer Erhaltung beiträgt.
    Die Sozialwissenschaft trägt damit selbst fundamental zur Aufrechterhaltung dieses Mythos bei.
    Benjamin plädiert für eine stark selbst reflektierte Wahl der Untersuchungseinheiten in den Sozialwissenschaften.
    Der Nationalstaat ist nicht mehr als ein historisches Strukturprinzip, welches ein natürlich gegebenes Faktum der Neuzeit ist.

  9. Alex sagt:

    Anmerkung, dass die Kritik am methodologischen Nationalismus zu schwach ausgefallen ist.
    Nationale Grenzen sind größtenteils willkürlich und aus imperialistischen Gründen gezogen worden.
    Es gibt ein Europa der Regionen.

  10. Alex sagt:

    Anmerkung: Nach der Wiedervereinigung dauerte es eine Weile, bis Ost- und Westdeutschland nicht mehr getrennt betrachtet wurden. Was muss passieren, damit es ein Nationalstaat ist und in der Wissenschaft nicht mehr zwei.
    Diese Annahmen gründen sich wieder auf die Homogenität der Personen.


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