Dawn of Sociology – Postessentielle Naturen komplexer Gesellschaften

„Damit nun kehren die Menschen in die Welt zurück […]. War sie früher unser Herr, später dann unser Sklave, jedenfalls immer unser Wirt, ist sie heute unser Symbiont.“ Michel Serres Natur wird meist als das angesehen, was dem Sozialen gegenüber steht, ein menschenleerer Raum. Natur beschreibt gerade das, was nicht zur Gesellschaft gehört, das was nicht menschlich bzw. sozial ist. Von einem solchen Verständnis ausgehend, zeigen uns dagegen Ereignisse in 2010 und 2011, wie der Ausbruch des Eyjafjallajökull auf Island, die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko oder das Erdbeben und der Tsunami von Japan, die Verstrickung von Natur und Sozialem. Dabei geht es nicht nur um Katastrophen. Populär diskutiert ist der Zusammenhang von Klimawandel, Politik und Gesellschaft.

von Michael Wutzler

Natur und das Soziale sind, durch ihre Abgrenzung und Gegenüberstellung, zwei aufeinander verweisende Begriffe. Was unter Sozialem in Abgrenzung zur Natur verstanden werden kann, kann nur durch den Bezug auf die Differenz natürlicher und soziale Prozesse beschrieben werden. Dem folgend ist Natur ebenso Gegenstand der Soziologie. Es fragt sich nur in welcher Weise. Das stellt die Soziologie, als die Wissenschaft der Gesellschaft oder des Sozialen, vor eine Herausforderung.

Dabei ist die Frage nach der Bedeutung von Natur für die Gesellschaft, so alt wie die Disziplin Soziologie selbst. Aus historischen und philosophischen Gründen entstand, mit der Etablierung der Soziologie als selbstständige Disziplin, ein Verständnis des Sozialen, welches Natur als Gegenüber konzipiert und sich durch Eigengesetzlichkeit und Unabhängigkeit von Natur abgrenzt. Lange Zeit war die Soziologie von den Postulaten Durkheims und Webers bestimmt, Soziales mit Sozialem zu erklären und das Soziale als eine Realität sui generis aufzufassen oder eine klare Grenzziehung über diverse Grundkategorien wie z.B. das „sinnhafte Handeln“ zu konstituieren. Dies führte zu einer Verengung der disziplinären Ausrichtung und einer (partiellen) Entnaturalisierung der Soziologie. Mit Aufkommen der gesellschaftlichen Umweltdiskurse in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, wandelte sich das Naturverständnis auch innerhalb der Soziologie.

Spätestens seit den 90er Jahren des letzten Jh. hat sich die schematische Dreiteilung von Naturalismus, Sozialkonstruktivismus und dialektischen Theorien etabliert, um die Debatte über das Verhältnis von Natur und Gesellschaft zu fassen. Konzepte des Naturalismus versuchen das Soziale auf natürliche Prozesse zurückzuführen. Hierbei ist Natur das umfassende Moment, das Soziale ist Natur. Sozialkonstruktivistische Ansätzefassen den Einfluss des Natürlichen auf das Soziale als eher gering. Hierbei ist das Soziale umfassendes Moment, Natur ist ein Soziales Konstrukt. Dialektische Konzepte versuchen dieses Verhältnis über eine dialektische Vermittlung dieser zwei ontologischen Pole zu konzipieren, d.h. Natur und Soziales verweisen konstitutiv aufeinander. Natur in Soziologie einzubinden endete darin, die Polarisierung aufzunehmen und Natur und Soziales als zwei gegensätzliche Fixpunkte zu begreifen.

„Dämmerstunden“: In den letzten Jahrzehnten scheint die Unterscheidung zwischen Natürlichem und Sozialem zunehmend zu verschwimmen. In vielen Praxisfeldern wird die Grenzziehung zwischen Natur und Sozialem immer schwieriger. Die Gesellschaft überformt immer mehr Bereiche dessen, was eigentlich als Natur verstanden wird. Gerade innovative Techniken haben das Verständnis über Natur immer wieder verschoben. Dies umfasst nicht nur die natürliche Umwelt, sondern auch: Körper-Geschlecht, Bio-Politik, Medizin, Gefühle oder Tierrechten, um nur einiges zu nennen.

Mittels verschiedener Konzepte wurde zunächst versucht das Verhältnis von Natur und Gesellschaft zu beschreiben. Dabei changiert die Diskussion weitestgehend zwischen einer harten, deterministischen Natur und dem weichen, unabhängigen Sozialen. Es entwickelten sich, vor allem aus der Wissenschafts- und Technikforschung kommende, Denkungsarten, die diese ontologische Grundannahme/Trennung aufbrechen und versuchen den Beitrag des Natürlichen bzw. die Relevanz von Dingen/Artefakten für die soziale Wirklichkeit
herauszustellen. Natur wird als integraler Bestandteil des Sozialen gesehen. Integral in heterogenem Sinne, d.h. Natur kann bspw. konstitutiv, festigend, stabilisierend oder spirituell, aber auch störend oder zerstörerisch wirken. Vermehrt wird der Blick auf Verwicklungen oder Vernetzungen („Dämmerstunden“) gelegt, in denen die Scharfe Unterscheidung zwischen Natur und Sozialem unwichtig oder unbrauchbar geworden ist.

Der Fokus auf „Dämmerstunden“ ermöglicht zu untersuchen, aus welchen Prozessen heraus etwas als Natur oder Soziales gesehen wird und das Wirken natürlicher Dinge in soziologische Analysen zu integrieren, ohne eine Welt der Gesetzmäßigkeiten und eine Welt der Freiheit gegenüberzustellen. Die Unterscheidung in Natur und Soziales ist keine starre, sondern eine aus der Praxis der Dämmerstunden hervorgehende, fließende und wandelbare Verortung. Den Blick auf die „Dämmerstunden“ zu legen heißt, dass Kategorisierungen und Grenzziehungen der wandelnden sozialen Wirklichkeit folgen müssen. Dies ermöglicht soziologische Analysen mit situations- und gegenstandsbezogenen Beschreibungen der sozialen Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts.

Dämmerung oder Aufbruch der Soziologie: Verschiedene Aspekte bzw. Tendenzen dieser Ansätze bietet die Chance die starre Polarisierung zu umgehen, die Bedeutung von natürliche Dinge für Gesellschaft betrachten zu können und Kritik an herkömmlichen soziologischen Begriffen zu üben, ohne damit zugleich Besonderheiten oder die Soziologie aufgeben zu müssen. Im Kern sollen Konturen eines postessentiellen Verständnisses von Natur herausgearbeitet werden, welches sich grundlegend gegen die Polarisierung und Fixierung von Natur und Sozialem richtet und die komplexen Verwicklungen von Naturen und Gesellschaften adäquat beschreiben kann. Ein solches Konzept legt den Fokus nicht nur dauerhaft auf „Dämmerstunden“, sondern befinden sich auch dauerhaft in einer „Dämmerstunde“, da es den eigenen Analysen immer wieder folgen muss: „Irgendwann wechselt die Farbe: die Bedeutung der unreflektiert verwerteten Gesichtspunkte wird unsicher, der Weg verliert sich in der Dämmerung. Das Licht der großen Kulturprobleme ist weiter gezogen. Dann rüstet sich auch die Wissenschaft, ihren Standort und ihren Begriffsapparat zu wechseln.

Michael Wutzler, studiert seit 2005 in Jena Soziologie sowie Geschichte auf Magister und beschäftigt sich vor allem mit soziologischer Theorie, Umweltsoziologie und Familiensoziologie. Seit 2008 ist er HiWi und Tutor am Lehrstuhl für Sozialisationstheorie und Mikrosoziologie. Zudem setzt er sich für eine nachhaltige Entwicklung der FSU Jena ein und ist Mitglied der Sektion Umweltsoziologie der DGS.”

Dieser Beitrag wurde eingereicht von Michael Wutzler.

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9 Kommentare bis “Dawn of Sociology – Postessentielle Naturen komplexer Gesellschaften”

  1. Alex sagt:

    Der Beitrag ist Teil der Magisterarbeit von Michael.
    Ich bin Alex und blogge live von dem Panel “Über die Kategorien hinaus”.

    Den Anfang machen wir mit dem Begriff der Natur.
    Heilsbringer vs. Gefahr, der Gesellschaft Äußerliches.
    Trennung zwischen Natur und Kultur

    Warum Dämmerstunden?
    Von Simmel. Der Weg verliert sich in der Dämmerung.
    Die Soziologie entwickelt sich stetig weiter.

  2. Alex sagt:

    Philosophischer Hintergrund – die Wirklichkeit der Neuzeit (Ahrend) sorgt für ein Recht auf Kritik und autonomes Handeln, eine idealistische Philosophie.

    Das Soziale sui generis bei Durkheim, wodurch sich die Soziologie im Wissenschaftsbetrieb etablieren konnte.

  3. Alex sagt:

    Michael schlägt eine Dreiteilung der soziologischen Perspektiven auf Natur vor.
    Naturalismus, Sozialkonstruktivismus und Dialektische Konzepte.
    Für die Genetik und die Neurowissenschaften ist das Soziale ebenfalls naturwisschenschaftlich erklärbar, es gehört zur Natur.

    Mit Luhmann wäre zu sagen, dass es keine gesellschaftliche Auswirkung von Naturphänomenen gibt, solange darüber nicht kommuniziert wird.

    Dialektische Konzepte versuchen zu Vermitteln, behalten aber die Kategorien Natur/Kultur bei.

  4. Alex sagt:

    Michael sieht sich eher auf der Seite der Postessentiellen Naturen, einer Aufweichung der Kategorien.
    “Ohne Nicht-Menschliches nichts Menschliches” (Latour)
    Autoren dieses Bereiches: Serres, Deleuze, Hadaway, Callon, Law, Schatzki, Pickering.

  5. Alex sagt:

    Begriff der Komposition als Verbindung und Zusammensetzung erscheint fruchtbar, weil es auch scheitern kann.

  6. Alex sagt:

    Eher Ideen der Hybridisierung, der Aufweichung, Verwicklungen als das Annehmen von essentiellen Wesenheiten (deswegen postessentialistisch). Trotzdem müssen Grenzen gezogen werden, um Aussagen treffen zu können.
    Wie können Kategorien zurückgewiesen werden und trotzdem prozesshaft und wandelbares Wissen generiert werden?
    Es geht hier um eine Zurückweisung einer einfachen Ursache-Wirkung-Verbindung.

    Der relationale Ansatz als Wechselwirkung von Beziehungen selbst.

  7. Alex sagt:

    Postkonstruktivismus!

  8. Alex sagt:

    Fazit: Praxis der Dämmerstunden. Erst in der Unbestimmtheit der Dämmerstunden können wir sehen, was sich konkret ergibt.

  9. Alex sagt:

    Peter fragt, wie wichtig essentialistische Positionen – oder die Reinigungsarbeit wie Latour es nennt – für die Hybriden? Es gibt auch Positionen, die die Eigengesetzlichkeit der Materialität stark machen (Pickering). Müssen Essenzen gedacht werden, bevor Hybride gedacht werden können?

    Antwort: Hybride werden nicht vermischt, sie sind schon immer vermischt. Kultur/Sozial versus Materiell/Geist.
    Latour nennt es Figuration, vielleicht könnte man es auch wieder Kategorien nennen.
    Die Theorie muss sich immer wieder selbst hinterfragen.


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