Urbaner Revanchismus in Berlin(-Wedding)?!

„Stadtluft macht frei“ lautet ein altes deutsches Sprichwort. Auch international und in der klassischen Stadtsoziologie wird die (Groß)stadt oft als Ort der Freiheit und Toleranz, als Ort der Diversität und des Kosmopolitismus verstanden. Im New York der Neunziger Jahre hingegen, so der amerikanische Stadtsoziologe Neil Smith, sei die vorher vorherrschende liberale Stadtpolitik durch eine reaktionäre Rhetorik der Rache, einem moralistischen Diskurs über Verbrechen und einem Bedeutungszuwachs formeller sozialer Kontrolle in Form einer harten Polizeipolitik, kurz: von einer revanchistischen Stadtpolitik abgelöst worden. Ob und wieweit sich eine solche Politik gegenüber dem öffentlichen Raum auch in Berlin feststellen lässt, habe ich in meiner Arbeit zum Stadteil Wedding untersucht. Dabei soll auch die Frage gestellt werden, in welche Richtung die Berliner Stadtpolitik gegenüber dem öffentlichen Raum politisch-ideologisch und praktisch treibt.

von Moritz Wichmann

“Der Revanchismus der 1990er Jahre zielte auf eine Rückeroberung der Stadt mit der blanken Faust, markierte die Auflösung der liberalen städtischen Sicherheitspolitik des 20. Jahrhunderts” (Smith 2007: 376). „Revanchism is in every aspect the ugly cultural policy of neoliberal globalization“(Smith 1999: 102). Das Zusammenleben in Großstädten und sinnbildlich dafür besonders der öffentliche Raum ist „durch eine unaufhebbare Ambivalenz von Sicherheit und Verunsicherung, Anonymität und sozialer Kontrolle, Vertrautem und Fremdem gekennzeichnet” (Siebel 2007: 84 ). Um ein Zusammenleben in und mit dieser Ambivalenz möglich zu machen, existieren verschiedene, konkurrierende Modider Integration, der sozialen Kontrolle der Stadt und ihrer Einwohner. In meiner Arbeit unterscheide ich idealtypisch zwei Modi der sozialen Kontrolle der Stadt: eine liberale Stadtpolitik der relativen Toleranz und eine vertreibende, revanchistische Stadtpolitik. Die moderne Stadt zeichnet sich im Gegensatz zur lückenlosen sozialen Kontrolle der dörflichen Gesellschaft durch eine relativ geringe soziale Kontrolle aus (vgl. Wehrheim 2009: 94). Ursächlich dafür sei die Anonymität der Großstadt, ihre Diversität, die zunehmende Individualisierung und allgemein ein hohes Maß an Möglichkeiten persönlicher Freiheit, propagiert die klassische Stadtsoziologie. Reserviertheit, Blasierheit und Intellektualität sei die Reaktion des Großstädters aufdie Unsicherheit des städischen Lebens, so Georg Simmel. Auf der anderen Seite bildeten sich in der Stadt „Communities“, die einerseits eine gewisse soziale Kontrolle übernehmen würden und andererseits eine gewisse Einhegung der Unsicherheit des städtischen Lebens und der Stadt bieten könnten, so Robert Park. Vor allem aber sei eine gewisse Unsicherheit konstitutiv für die Stadt undVoraussetzung für Freiheit und Individualisierung in der Stadt (Wehrheim 2009: 41f.). Die Stadt erscheint hier als grundsätzlich liberal, tolerant und freiheitlich. Simmel und Park als Vertreter der klassischen Stadtsoziologie haben mit ihrem weitbeachteten Werk eine Theorie der modernen Großstadt geliefert. Doch ist diese auch weiterhin gültig? Im postmodernen New York der Neunziger Jahre sei die vorher vorherrschende liberale Stadtpolitik durch eine post-liberale, revanchistische Stadtpolitik ersetzt worden, so Neil Smith 1996 in seinem Buch „The new urban frontier“ (Smith 1996). Sie sei eine Antwort auf die sich entwickelnde Krise liberaler Stadtpolitik seit Anfang der Achtziger Jahre gewesen (Smith 1999: 98). Indifferenz, informelle soziale Kontrolle und Toleranz gegenüber der Präsenz und dem Einfluss von Minderheiten und Randgruppen sei ersetzt worden durch eine reaktionäre Rhetorik der Rache, einem moralistischen Diskurs über Verbrechen und einem Bedeutungszuwachs formeller sozialer Kontrolle in Form einer harten Polizeipolitik. In meiner Arbeit bin ich der Frage nachgegangen, ob sich eine Krise liberaler Stadtpolitik und eine daraus folgende bzw. darauf reagierende revanchistische Stadtpolitik oder Elemente einer solchen auch in Berlin beobachtet werden kann oder ob die ungebrochene Gültigkeit einer liberalen und wohlfahrtstaatlichen Stadtpolitik festgestellt werden kann. Ich habe mich dabei auf den Berliner Stadtteil Wedding beschränkt und einerseits die Einstellungen der Einwohner mittels der Analyse von Umfragedaten und der Prüfung von Regressionsmodellen untersucht und andererseits das Handeln der verschiedenen politischen Akteure anhand einer Fallstudie zum Leopoldplatz und den Auseinandersetzungen und dem Umgang mit der dortigen Trinkerszene untersucht. Boris Gresillon hat gesagt, dass Berlin oder das „Berlinertum“ geprägt sei durch eine Tradition von „Offenheit und Toleranz gegenüber Differenz“, durch eine Toleranz gegenüber marginalen Gruppen, die in Berlin ein gewisses Recht hätten auch in der inneren Stadt präsent zu sein, ja „integraler Bestandteil des kulturellen Mosaiks der Stadt“ seien (Gresillon 2004: 138, 152). Mit meiner Arbeit kann ich zu diesem (durchaus verbreiteten) Bild zumindest für den Wedding ein paar kritische Anmerkungen machen. Zentrale Ergebnisse sind, das es im Wedding sehr wohl Unterstützung für und und den Versuch einer revanchistischen Stadtpolitik gab und gibt. In meinem Beitrag werde ich aber auch erklären, warum Berlin nicht New York ist, was die revanchistische Stadt mit Gentrification zu tun hat und auch einen Vergleich zum „Rest-Berlin“ versuchen, um die Frage zu diskutieren in welche Richtung die Berliner Stadtpolitik gegenüber dem öffentlichen Raum politisch-ideologisch und praktisch treibt.

Moritz Wichmann, hat Geschichte und Sozialwissenschaften an der HU Berlin und dem Science-Po Toulouse mit Schwerpunkt auf neuere/neueste Geschichte, Stadtsoziologie und politische Theorie studiert. Aktuell Studium Master Sozialwissenschaften an der HU Berlin. Freie Mitarbeit Wochenzeitung “Jungle World”.

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13 Kommentare bis “Urbaner Revanchismus in Berlin(-Wedding)?!”

  1. Robert Jansen sagt:

    Das dürfte interessant sein, da die Veränderungen im sozialen Gefüge zumindest deutlich fühlbar sind. Ich als Wedding-Bewohner bin übrigens der Meinung, daß die soziale Kontrolle dort sehr wohl vorhanden ist, nur kann man dabei nicht zwangsläufig die Begrifflichkeiten Simmels benutzen (so brilliant er seine eigene Zeit auch analysierte).
    Es reicht aber mal einen Blick in den Alltag der Menschen zu werfen oder einen Blick in eine Zeitung wie den Nord-Berliner zu werfen, um festzustellen, daß sich in bestimmten Kiezen eine richtige kleine Dorfgemeinschaft bildet (oder erhalten hat), mit entsprechender Mentalität. Mitten in der vermeintlichen Metropole.

  2. Alex sagt:

    Hallo, zum zweiten Vortrag klappt es auch mit dem Internet. Mein Name ist Alex und ich blogge live vom Panel “Stadt und Raum” auf dem studentischen Soziologiekongress…

  3. Alex sagt:

    Der Vortragseinstieg mit einem Zitat… soziale Kontrolle ist “die permanente Arbeit an der Herstellung sozialer Ordnung” (Hahn 1995:173). Im folgenden geht es um den liberalen Urbanismus versus den revanchistischen Urbanismus.
    Erstere, vor allem Simmel, zeigen die Großstadt als Raum für Intellektuelle. Ein Mosaik sozialer Welten zeichnen Park und die Chicago School. Modus der Integration ist in der klassischen Stadtsoziologie das Nebeneinander, die Segregation.

  4. Alex sagt:

    Im postmodernen New York gerät dieser in die Krise, Smith kommt zur revanchistischen Stadt.
    Niedergang, Kontrollverlust und Forderungen nach Rückeroberungen des öffentlichen Raumes.
    “Reclaiming the public spaces of New York” (Rudolph Guilani 1994) verdeutlicht diese Rhetorik, es folgt eine Hardlinerpolitik gegenüber Randgruppen und Armen.

  5. Alex sagt:

    Revanchismus ist laut Smith das politische Programm des wirtschaftlichen Neoliberalismus.

  6. Alex sagt:

    Gibt es revanchistische Stadtpolitik auch in Berlin? Beispiel des Wedding. Umfrage mit kleiner Fallstudie am Leopoldplatz.
    Drei Variablen: Wahrnehmung des Zusammenlebens, Rolle sozialer Kontrolle im Viertel, Positionen zum Revanchismus (zB Positionen zum “Niedergang” des Viertels).

    Ergebnisse:
    1. Variable: Mehrheit schätzt den kulturellen Pluralismus, Zusammenleben ist angenehm, aber anonym, obwohl sie sich nicht fremd im Viertel fühlen – die Mehrheit eher zuhause.
    2. Variable: Polizei spielt in Wahrnehmung sozialer Kontrolle keine große Rolle (Reaktionen auf Marijuana, Diebstahl, Grafiti)
    3. Variabe: eher revanchistische Minderheit.

    Fazit: es zeigt sich eher die Wahrnehmung der klassischen Stadtsoziologie. Die Mehrheit lehnt die Beschreibung des Niedergangs und Verfalls ab. Allerdings gibt es eine revanchistische Minderheit.

  7. Alex sagt:

    Zusätzlich führte Moritz noch eine qualitative Fallstudie zum Leopoldplatz mit durch.
    Trinkerszene treffen auf Familien und Getrifier.
    Einführung eines Alkoholverbots auf dem Leopoldplatz.
    Akteure mit revanchistischen Forderungen: Gewerbe, Kirche, CDU
    Akteure dagegen: Bürgerinitiative, teilweise SPD.

    Das Alkoholverbot ließ sich nicht durchsetzen, wurde 2010 aufgehoben.
    Einführung einer Trinker-Ecke.

    Es folgt ein anschauliches Beispiel eines Revanchistischer Mediendiskurs.
    “Berlin geht am schönen alten Leopoldplatz stinkend im Alkohol unter” (BZ)

  8. Alex sagt:

    Fazit: im Wedding herrscht eine liberale Stadtpolitik, allerdings unter revanchistischem Beschuss.

  9. Alex sagt:

    Frage aus dem Publikum: Warum war das Alkoholverbot nicht durchzusetzen?
    Moritz führt mehrere Gründe an: Die Renitenz der Trinker, Rechtliche Überschneidungen (Platz gehört dem Wedding, aber schon der Bürgersteig der Straßenbahn ganz Berlin) und begrenzte Kontrollkapazitäten.
    Aber anscheinend gab es auch den absoluten politischen Durchsetzungswillen nicht.

  10. Alex sagt:

    Noch eine Frage: Was waren die Begründungen derer Akteure, die das Alkoholverbot unterstützten?
    Die Mittelschicht traue sich nicht mehr auf den Platz, die Trinker stellen keine schützenswerte Gruppe dar.

  11. Alex sagt:

    Frage: Wie hängt der Wedding mit Gentrifizierung zusammen, er gilt ja nicht gerade als Beispielbezirk?

    Moritz antwortet, das revanchistische Leitbild als Vorbereitung der Gentrifizierung.
    Es gibt den Versuch, den Bezirk zu gentrifizieren. Die Lower East SIde musste erst aufgeräumt werden, bevor sie aufgewertet werden konnte.

  12. Alex sagt:

    Theoretische Frage zu den beiden Leitbildern des Urbanismus. Wie sind die Leitbilder nach der Studie zu bewerten?

    Moritz fässt zusammen, das Berlin wahrscheinlich für eine Art “Revanchismus Light” steht, à la “Domestication through Cappuccino”. Harte revanchistische Parolen kommen nicht gut an, hier wird eher baulich aufgewertet.

    Andere Beispiel seien das Kottbusser Tor und Razzien im Görlitzer Park, aber die revanchistische Politik hat sich berlinweit nicht durchgesetzt. Deswegen ist unklar, ob sich das durchsetzt…

  13. Alex sagt:

    Ein kritischer Kommentar konstatiert, dass Polizei nicht als soziale Kontrolle gelte. Simmel sprach von der Sozialen Kontrolle in der Abgrenzung zum Dorf, wo sich alle kennen. Der Revanchismus überlagere soziale Kontrolle, zählt aber nicht als Gegenpol.

    Moritz hat das idealtypisch betrachtet und unterscheidet zudem zwischen formeller und informeller sozialer Kontrolle. Einerseits gäbe es schon die Polizei, aber wenn die Mehrheit im Viertel glaubt, dass sie sich selbst verwalten können, ergänzen sich die Sichtweisen eher.


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