Postkolonialismus und politischer Mythos. Das Beispiel des „Bolivarianismo“ in Hugo Chávez Venezuela

In meiner Bachelorarbeit – an die sich thematisch mein Vortragsthema angliedert – beschäftige ich mich mit dem Zusammenhang von Populismus und politischem Mythos am Beispiel der “Bolivarianischen Revolution” in Venezuela unter Hugo Chávez. Meine Interessen bzw. Studienschwerpunkte sind Kultursoziologie, politische Soziologie, politische Theorie und Kritische Theorie.

von Daniel Drewski

In den Jahren 2010/2011 feiern eine Reihe lateinamerikanischer Staaten ihre 200-jährige Unabhängigkeit (den sog. „Bicentenario“) von der Kolonialmacht Spanien. Wichtiger als diese staatspolitischen Ereignisse von 1810/1811 sind für das nationale Bewusstsein aber meist die großen Befreierfiguren: José de San Martín im Süden und Simón Bolívar im Norden des Kontinents. Gerade Bolívar – der „Libertador“ – spielt als Feldherr, Staatengründer, Verfassungsgeber, Politiker und Präsident eine herausragende Rolle im kollektiven Gedächtnis insbesondere Venezuelas, seines Geburtslandes. Die Zivilreligion, die sich schon kurz nach seinem Tode um diesen „Nationalhelden“ gebildet hat, ist zum ordnungspolitischen Instrument zahlreicher Regierungen und Diktaturen des Landes geworden. Aus dem umfangreichen Fundus an Reden, Korrespondenzen, symbolträchtigen Handlungen und Anekdoten ließ sich über die letzten ca. 170 Jahre je nach politischem Belieben ein konformes Bild des Befreiers schustern. Simón Bolívar kann deshalb als Paradebeispiel eines politischen Mythos gelten, durch den das politische Feld diskursiv strukturiert ist.

Neben konservativen und liberalen Interpretationen ist aber das wohl umfangreichste Projekt der „Bolivarianisierung“ nationalstaatlicher Politik dasjenige, welches durch Hugo Chávez seit seiner Wahl zum Präsidenten Venezuelas (1998) – nach seiner Verfassungsreform „Bolivarianische Republik Venezuela“ genannt – vorangetrieben wird. Die egalitaristischen, panamerikanischen und anti-imperialistischen (bzw. anti-US-amerikanischen) Komponente der Bolívar-Doktrin betonend, wird – im Laufe zunehmender Radikalisierung der Regierung – die sog. „Bolivarianische Revolution“ gegen Neoliberalismus und repräsentative Demokratie, sowie später als eine Erneuerung des Sozialismus für das 21. Jahrhundert in Anschlag gebracht. Chávez versteht sich als Erbe Simón Bolívars, der das Land in einer zweiten Unabhängigkeitsbewegung von den „imperialistischen“ Bestrebungen vor allem der Vereinigten Staaten befreien will.

Welche Rolle spielt und kann der Bolívar-Mythos als Identitätsmodell Venezuelas spielen? Am Beispiel einer Fallstudie des „Chavismo“ soll in dem Vortrag der Versuch unternommen werden, theoretisch den Zusammenhang von politischem Mythos und postkolonialer Konstellation herauszuarbeiten.

Da sie zumeist im Kontext der Erfahrungen des britischen Empires formuliert wurden, sind allerdings die Prämissen und Erkenntnisse der „postkolonialen Studien“ nicht ohne weiteres auf Lateinamerika übertragbar. Im Gegensatz zu den britischen Kolonien hatten sich die lateinamerikanischen Staaten nämlich schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts unabhängig gemacht. Doch die ökonomische und kulturelle Abhängigkeit der „Peripherie“ von der „Metropole“ zog sich laut der (in Lateinamerika formulierten) „Dependenztheorie“ auf andere Weise bis weit in das 20. Jahrhundert hinein. Die postkolonialen Studien bewirkten dann erst in den 90er Jahren ein radikales Umdenken bezüglich der Beziehungen Lateinamerikas zum „Westen“. Aufgrund dieser unterschiedlichen intellektuellen Traditionslinien und historischen und geographischen Bedingungen steht die Rezeption des Postkolonialismus im lateinamerikanischen Raum deshalb unter anderen Vorzeichen und formuliert ein eigenes Verhältnis von „Konstruktionen des Anderen“ und „Okzidentalisierung“. Der Vortrag soll sich deshalb explizit an der postkolonialen Erfahrung und Theoriebildung aus Lateinamerika orientieren.

Ist die Betonung des bolivarianischen Erbes lediglich eine nationalistische, antikoloniale (-imperiale) Abwehrhaltung eines populistischen Präsidenten? Oder gelingt es Chávez, über den „leeren Signifikanten“ (i.e. Bedeutungsträger) Bolívar ein offenes Identitätsmodell zu konstruieren, dass lokale Traditionen und unterdrückte Wissensbestände in sich aufnehmen kann? Diese Doppeldeutigkeit politischer Mythen sowohl als ideologisches Verschleierungsinstrument und Exklusionsmechanismus als auch als Identitäts- und Innovationsressource stellt sich im Falle des chavistischen Bolivarianismus besonders deutlich heraus. Spätestens seit der Präsidentschaftswahl 1998 international kontrovers diskutiert, könnte das postkoloniale Identitätsprojekt Venezuelas als Abschied von der „westlichen“ Hegemonie interpretiert werden – oder lediglich als eine neue Etappe tragisch gescheiterter Experimente. Diese Widersprüchlichkeit der „Bolivarianischen Revolution“ spiegelt nicht zuletzt die Schwierigkeiten, sich in einer „komplexen neuen Welt“ zu orientieren und zu positionieren.

Daniel Drewski, studiert zurzeit Sozialwissenschaften im Bachelor an der HU (ist aber zum Zeitpunkt des Kongresses mit großer Wahrscheinlichkeit fertig) und hat davor an der Universidad de Chile in Santiago de Chile ein Jahr Jura studiert.

Dieser Beitrag wurde eingereicht von Daniel Drewski.

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10 Kommentare bis “Postkolonialismus und politischer Mythos. Das Beispiel des „Bolivarianismo“ in Hugo Chávez Venezuela”

  1. Ann Koch sagt:

    Hallo, ich bin Ann und werde vom Panel Staat und Politik berichten.

  2. Ann Koch sagt:

    Daniel Drewski hat sich im Rahmen seiner Bachelorarbeit mit dem Thema beschäftigt.

  3. Ann Koch sagt:

    Im Vortrag soll vor Allem auf die symbolische Dimension von Politik eingegangen werden.

  4. Ann Koch sagt:

    Chavez greift den politischen Mythos Bolivars auf, der sich gegen die Symbolische Gewalt postkolonialistischer Effekte wendet.

  5. Ann Koch sagt:

    Zum politischen Mythos Bolivar: Der 1783 geborene Bolivar strebte damals einen Großkolumbianischen Staat an (Venezuela, Columbien, Equador), sowie eine föderale Integration von Sozialamerika. Nach seinem Tod wurde er zum Mythos. Dieser ist im Kampf gegen Kolonialismus/Neokolonialismus heute immer noch präsent in der Region.

  6. Ann Koch sagt:

    Die tatsächliche Person Bolivar wird in einigen Vorstellungen umgedeutet. So wird zum Beispiel versucht, an Legenden der venezulanischen Karibikküste anzuknüpfen, indem er Bolivar als einen der ihren darstellt. Auf vielen Bildern wird der weiße Bolivar auch dunkelhäutig dargestellt.

  7. Ann Koch sagt:

    In Venezuela ist beobachtbar, wie Mythen zum symbolischen Kapital politischer Verbände werden. Der vorherrschende Modus der Identifikation ist derzeitig ein konstitutiver Antagonismus. Das heißt, dass die Identität durch den gemeinsamen politischen Gegner entsteht.

  8. Ann Koch sagt:

    Diese Rethorik steht im Kontext lateinamerikanischer Politik als Kritik an der westlichen Moderne, welche, der Dependenztheorie zufolge, als notwenide Kehrseite die Unterentwicklung Lateinamerikas bedingt. Eine weitere Kehrseite ist die symbolische Gewalt. So werden zum Beispiel in der zivilisatorischen Mission, welche die Modernisierung der Bevölkerung Lateinamerikas zum Ziel habe, der Bevölkerung die eigenen epistemischen Formen genommen

  9. Ann Koch sagt:

    Allerding ist dieser Antagonismus auch kritisch. Es gibt die Gefahr eines politischen Kurzschlusses: Die eigene Identität über den politischen Gegner zu definieren kann dazu führen, dass permanent ein Ausnahmezustand inszeniert wird. Nun wird die Diskussion eröffnet:

  10. Ann Koch sagt:

    “Bolivar wird ja auch von verschiedenen Seiten ausgelegt, zum Beispiel als Sklavenbefreier oder als Sklavenhalter.” Das spannende sei ja an politischen Mythen, dass sie umgedeuet werden könnten. “Es ist immer im Grunde ein machtspiel, welche Interpretation an Bedeutung gewinnt und welche nicht.”
    “Hat dieser Mythos Erfolg?” “Das könnte man natprlich noch einmal überprüfen. Aber vermutlich ja. Hugo Chavez wird ja immer mit einer relativ großen Mehrheit gewählt.”


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