Muslimisch? Deutsch? Oder deutsch-muslimisch? Religiöse Identitätskonstruktionen junger Frauen im Kontext widersprüchlicher Zugehörigkeiten

Für heranwachsende Muslime in Deutschland wird vielfach argumentiert, dass für sie die Identifikation mit der deutschen Gesellschaft aufgrund der gesellschaftlichen Konzeption des „Ausländers“ und des deutschen, nach Logik der Abstammung definierten Nationalverständnisses, verwehrt bleibt (vgl. Amir-Moazami 2007: 228). In den letzten Jahren hat sich jedoch entgegen dieser Diagnose eine muslimische Jugendszene entwickelt, die sich explizit innerhalb der deutschen Gesellschaft verortet. Die sich darin bewegenden Identitäten versuchen in ihren Selbstbildern die Dichotomisierung zwischen deutsch und muslimisch aufzubrechen und durch eine wechselseitige Aushandlung beider Identifikationen traditionelle Zugehörigkeitskontexte in Frage zu stellen.

von Aletta Diefenbach

Mit der zunehmenden Sichtbarwerdung des Islam werden nicht nur unter integrationstheoretischen Fragestellungen die daraus resultierenden Folgen für die europäischen Gesellschaften diskutiert, sondern auch jene für den Islam als Religion. In diesem Zusammenhang ist nach dem Wandel des Islam zu fragen, der sich zunehmend als „Euro-Islam“ im europäischen Kontext beheimatet. Studien nehmen hier aus religionssoziologischer Perspektive die Argumentation von Religion in der Moderne auf und beschreiben für den zeitgenössischen Islam dieselben Prozessen der Deinstitutionalisierung wie sie auch für andere Religionen in Europa gelten (Hervieu-Léger 1998).. Durch religiöse Individualisierung verlieren Bindungen an traditionelle Institutionen wie Moscheen und Imame ihren Einfluss und in dessen Konsequenz pluralisiert sich das muslimische Feld zunehmend aus.
Dieser Trend findet sich vor allem in den Lebensformen von jungen Muslimen der zweiten und dritten Einwanderergenerationen wider, für die der Islam weiterhin ein wesentlicher Identitätsfaktor bleibt. Unter den pluralisierten Verhältnissen entstehen hier islamische Identitäten mit neuen Lebensstilen, eigenen Jugendkulturen und neuen Interpretationsleistungen des Islam, die sich in Auseinandersetzung mit den Mehrheitsgesellschaften vollziehen (Göle 2004).
Mit Blick auf Deutschland wird dann vielfach argumentiert, dass jungen Muslimen die Identifikation mit der deutschen Gesellschaft aufgrund der gesellschaftlichen Konzeption des „Ausländers“ und des deutschen, nach Logik der Abstammung definierten Nationalverständnisses, verwehrt bleibt (vgl. Amir-Moazami 2007: 228). Die muslimische Identität kann dann vor allem als Herkunftsoption und als Resultat einer verweigerten Anerkennung ihrer deutschen Zugehörigkeit betrachtet werden.
In den letzten Jahren hat sich jedoch entgegen dieser Diagnose eine muslimische Jugendszene entwickelt, die sich explizit innerhalb der deutschen Gesellschaft verortet. Die sich darin bewegenden Identitäten versuchen in ihren Selbstbildern die Dichotomisierung zwischen deutsch und muslimisch aufzubrechen und durch eine wechselseitige Aushandlung beider Identifikationen traditionelle Zugehörigkeitskontexte in Frage zu stellen.
Ausgehend von Ergebnisse aus Feldbeobachtungen sowie Einzel- und Gruppeninterviews mit heranwachsenden jungen Frauen zeichnet der Beitrag diese Identitätsbildungsprozesse anhand religions- und identitätstheoretischer Konzepte nach. Aus den von den Musliminnen selbst vorgenommen Definitionen von Glaube und Zugehörigkeit werde ich aufzeigen, wie die Frauen die subjektiv gegensätzlich wahrgenommenen Identifikationen zwischen Deutsch und Muslimisch sinnhaft integrieren und welche Form von Islamität daraus hervorgeht.

Literatur:
Amir-Moazami, S. (2007): Politisierte Religion. Der Kopftuchstreit in Deutschland und Frankreich. Transcript.
Göle, N. (2003): Die sichtbare Präsenz des Islam und die Grenzen der Öffentlichkeit. In: N. Göle und L. Ammann: Islam in Sicht. Der neue Auftritt der Muslime im öffentlichen Raum. Transkript, 11-44.
Hervieu-Léger, D. (2000): Religion as a Chain of Memory. Polity Press.
Spielhaas, R. (2006): Religion and Identity. How Germany’s foreigners have become Muslims. In: Internationale Politik. Transatlantic Edition, 17-23.

Aletta Diefenbach, hat Soziologie an der Freien Universität Berlin studiert. Sie interessiert sich für soziale Ungleichheitsforschung, Islam in Europa und Sozialtheorie.

Dieser Beitrag wurde eingereicht von alettad.

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