SAPV in Berlin – eine soziologische Untersuchung zum organisierten Sterben zu Hause

Die Gesellschaft und die Politik in Deutschland steht vor der Aufgabe, die verschiedenen Ansätze zur Gestaltung eines humanen Sterbens in Würde wahrzunehmen. Angesichts der entstandenen Vielfalt differenzierter und spezialisierter Konzeptionen zur Begleitung und Versorgung schwer-kranker und sterbender Menschen in den vergangenen Jahren, vertrete ich die These eines institutionalisierten Sterbens in Deutschland.
Mein Vortrag beschäftigt sich hierbei mit der Frage, wie sich das institutionalisiertes Sterben in Deutschland speziell in der ambulanten Versorgung organisiert und welche Institutionalisierungskonflikte dabei zu beobachten sind. Dabei werde ich die Vielfalt moderner Kommunikation und Organisation in Bezug auf Sterben und Tod als wichtigen Bereich sozialwissenschaftlicher Forschung darstellen.

von Franziska Kopitzsch

Soziologen sehen den Tod eines Individuums im Hinblick auf die Veränderung von Gruppenstrukturen und setzen die Art und Weise, wie Menschen mit Tod und Sterben umgehen, in Beziehung zu gesamt-gesellschaftlichen Gegebenheiten und Veränderungen.
Trotzdem scheint die wissenschaftliche – soziologische Beschäftigung mit Tod und Sterben im deutschsprachigen Raum nur schwerfällig in Gang zu kommen.
Nur sehr zaghaft lassen sich Bemühungen um die Erforschung todbezogenen Erlebens und Verhaltens erkennen, obwohl sich doch in den letzten Jahren eine Teildisziplin innerhalb der Soziologie etabliert hat, die unter der Bezeichnung Thanatosoziologie arbeitet.
Innerhalb der Thanatosoziologie lassen sich – obwohl vielfältig miteinander verknüpft und einander überschneidend – verschiedene relativ eigenständige Themenkreise unterscheiden. In theoretischer Hinsicht wird thematisch unterschieden, trotz ihrer Untrennbarkeit bei Sterben und Tod.
In den empirischen Forschungen zur Thanatosoziologie werden Krankenhäuser, Hospize, selten Heime, aber fast gar nicht der private Bereich des Sterbens gewählt.
Für die meisten Menschen findet die Endphase des Sterbens schon seit Jahren in Krankenhäusern und Heimen statt. Um diesen Zustand aus altruistischer und ökonomischer Sicht zu ändern, verabschiedete 2007 der Deutsche Bundestag das Gesetz zur SAPV (Spezielle Ambulante Palliativversorgung). Dadurch erhalten sterbende Menschen den gesetzlichen Anspruch einer medizinischen und pflegerischen Versorgung zu Hause.
Thanatosoziologie, die Soziologie des Todes, befasst sich nicht nur mit Forschungen zu sozialen Todesbildern, mit der Erfahrung von Endlichkeit des Lebens, mit dem kulturellen Stellenwert von Tod und Sterben in der Gesellschaft, sondern auch mit den sozialen Definitionen des Sterbevorgangs.
Im Rahmen dieses Verständnisses von Thanatosoziologie behandelt meine Diplomarbeit, die ich Form eines Vortrages darstellen möchte, das Sterben zu Hause innerhalb der SAPV. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem institutionalisierten Sterben. Meine Äußerungen beruhen auf Interpretationen einer ethnographischen Einzelfallstudie und zahlreichen Experteninterviews mit Palliativärzten, Palliativpflegepersonal und Angehörigen.
Faktisch gesehen, ist „das Sterben“ die Vorraussetzung für die SAPV. Der Umfang dieser Versorgung wird vom Sterbenden, der Komplexität seiner Krankheit, dessen Angehörigen und den finanziellen Möglichkeiten festgelegt. Der Umfang kann sich auf medizinische, pflegerische und psycho-soziale Belange ausdehnen.
Dadurch steigert sich wieder die Relevanz, die der Erwartung des Todes und der an sie geknüpften Verhaltensprogramme im Einzelfall zukommt. Die Tatsache des absehbaren Todes hat einen beträchtlichen Einfluss auf die Art und Weise, wie diese Versorgung im konkreten Fall organisatorisch gelöst wird. Neben der medizinischen Grundlage, welches Sterben definiert, gibt es eine Reihe von gesellschaftlichen Punkten, die bei der Feststellung und der Verwendung des Begriffes Sterben eine Rolle spielen.
Die ganze Art und Weise der medizinischen, wie pflegerischen Versorgung spiegelt die begrenzte zeitliche Perspektive des Sterbenden wieder. Damit legt die Institution SAPV professionelle und organisatorische Bedingungen für eine Sterberolle fest. Diese wird durch die Einschätzungen der Ärzte, des Pflegepersonals aber auch durch die Angehörigen hervorgerufen.
Gerade zu der Erwartung des Ablebens gab es während meiner Untersuchungszeit ein signifikantes Ereignis. Ein Patient aus der SAPV konnte seinen gesundheitlichen Zustand so gut stabilisieren, dass er aus der SAPV wieder heraus genommen wurde.
Dieses Beispiel zeigt sehr eindrucksvoll, dass das Vorliegen einer tödlichen Krankheit oder einer Krankheit mit tödlichem Ausgang noch längst nicht in allen Fällen hinreicht, um jemanden als Sterbenden zu bezeichnen oder zu behandeln.
Gerade diese Versorgungsunterscheidung, auf die sich die Medizin und Pflege zu einem bestimmten Zeitpunkt bei der Organisation der therapeutischen Maßnahmen stützen, ist immer ein Produkt des gegenwärtigen Stands des medizinischen Wissens und sozial konstruiert.
Die SAPV dient nicht nur als Orientierungshilfe für die Zukunft, wenn es um Aktivitäten geht, die in Hinblick auf den zu erwartenden Tod des Patienten organisiert werden müssen. Der gesetzliche Anspruch auf ein würdevolles Sterben zu Hause bestimmt auch Symptome, Krankheiten oder körperliche Vorgänge, und auch eine bestimmte Form der Fürsorge und des medizinischen und pflegerischen Verhaltens gegenüber Personen, die durch die SAPV als Sterbende gekennzeichnet sind.

Die Institutionalisierung des Sterbens betrifft also nicht nur spezielle Organisationen, wie Krankenhäuser, Heime oder Hospize, sondern auch die individuelle und familiäre Planung eines menschenwürdigen Sterbens zu Hause. Die Institutionalisierung des Sterbens findet damit folglich nicht nur in Organisationen, sondern auch in Familien und bei Individuen statt. Dadurch entstehen Institutionalisierungskonflikte, die sich lohnen näher zu untersuchen und die ich in meinem Vortrag aufzeige.

Franziska Kopitzsch, geboren 1981 in Leipzig; Studium der Soziologie mit technikwissenschaftlicher Ausrichtung und Psychologie an der Technischen Universität in Berlin.

Dieser Beitrag wurde eingereicht von franziska.kopitzsch.

Share

Ein Kommentar bis “SAPV in Berlin – eine soziologische Untersuchung zum organisierten Sterben zu Hause”

  1. Ich wäre an einem Austausch mit Ihnen interessiert.
    Herzlichst
    RM.Hanke


Warning: Illegal string offset 'status_txt' in /www/htdocs/w00cd14a/2011/wp-content/plugins/share-and-follow/share-and-follow.php on line 1938

Warning: Illegal string offset 'status_txt' in /www/htdocs/w00cd14a/2011/wp-content/plugins/share-and-follow/share-and-follow.php on line 1938

Warning: Illegal string offset 'status_txt' in /www/htdocs/w00cd14a/2011/wp-content/plugins/share-and-follow/share-and-follow.php on line 1938