Lost in depression? – Über die Entwicklung der Depression zur Volkskrankheit der „komplexen neuen Welt“

Lost in depression? – Über die Entwicklung der Depression zur Volkskrankheit der „komplexen neuen Welt“ Dieser Beitrag widmet sich der Depression als zeitgenössisches Phänomen der komplexen Gegenwartsgesellschaft. Dabei gilt es zunächst einen Zusammenhang zwischen dem beobachtbaren Wandel gesellschaftlicher Anforderungen an die Individuen und dem vermehrten Auftreten der Depression herzustellen, um anschließend und im Hinblick auf ihren gegenwärtigen Status einer Volkskrankheit der Frage nach der Bedeutung der Gesundheitsindustrie nachzugehen. Auf diesem Wege wird versucht zu zeigen, dass moderne gesellschaftliche Werte wie Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung zu vorzeitiger Erschöpfung führen können und in einer „Krankheit der Eigenverantwortlichkeit“ enden, die sich unter dem aktiven, öffentlichkeitswirksamen Einfluss der Gesundheitsindustrie zur Volkskrankheit der Gegenwart entwickelt hat.

von Anne Münch

Die Depression scheint in aller Munde. Wo man auch geht und steht, man hört davon und liest darüber. Der ausgeprägte öffentliche und mediale Diskurs deutet darauf hin, dass die Depression längst nicht mehr nur eine von vielen möglichen Erkrankungen der menschlichen Psyche ist. Vielmehr liegt meinem Arbeitsinteresse die Vermutung zugrunde, dass die Depression ein bedeutendes zeitgenössisches Phänomen der komplexen Gegenwartsgesellschaft darstellt. Es stellen sich zwei grundlegende Fragen. Erstens: Wie kann man den Wandel gesellschaftlicher Anforderungen in Zusammenhang mit dem vermehrten Auftreten der Depression bringen? Und zweitens: Ist die Beobachtung verstärkter öffentlicher Inszenierung pharmaindustrieller Produkte zur Heilung der Depression nur eine Reaktion auf die starke Verbreitung des besagten Leidens oder hat die Gesundheitsindustrie selbst auch aktiv zur Ausbildung des Status der „Volkskrankheit Depression“ beigetragen? Geht man davon aus, dass mit jeder Phase gesellschaftlicher Entwicklung auch das Hervorbringen jeweils typischer Leiden der Subjekte einhergeht, dann gelingt – dem Autor Alain Ehrenberg zufolge1 – die Ergründung des gesellschaftlichen Ursprungs der Depression über die Abgrenzung zur Neurose. Gemäß Ehrenbergs These hat das depressive Selbst der Gegenwart in einem langwierigen, historischen Wandel des Gesellschaftsmodus das neurotische Selbst früherer Zeiten abgelöst. In der Phase vor den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts kennzeichnete sich die Gesellschaft durch Merkmale wie Disziplin, Unterwerfung und Gehorsam. Die Ausbildung einer neurotischen Persönlichkeit kann als Ausdruck des Scheiterns an der inneren Konflikthaftigkeit zwischen individuellen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Normen verstanden werden2. Durch den Prozess kollektiver Emanzipation seit den 1960er Jahren wurden die alten Normen abgelöst und durch Werte wie Unabhängigkeit, Freiheit und Selbstverwirklichung ersetzt. Für das Subjekt stellt sich ab diesem Zeitpunkt weniger die Frage: „Was ist erlaubt?“ Vielmehr geht es nun darum zu fragen: „Was ist möglich?“3 An die Stelle des Konfliktes trete nun individuelle Konkurrenz4. Mehr und mehr unterliegt das Subjekt der gesellschaftlichen Forderung nach aktiver, kreativer und eigenverantwortlicher Bewirtschaftung des Selbst. Die ewige Frage nach den Möglichkeiten eigeninitiativer Selbstverwirklichung kann das Subjekt jedoch auf Dauer entkräften. Wird die verspürte Erschöpfung des Selbst zu groß, dann ist es möglich, dass das Individuum die komplexen gesellschaftlichen Anforderungen nicht ausreichend bewältigt und an einer Depression erkrankt. Mit Ehrenberg kann die Depression auf diesem Wege als „Krankheit der Verantwortlichkeit“ derer verstanden werden, die erschöpft sind durch die Anstrengungen im Kontext der dauerhaften Suche nach dem Selbst5. Um der Frage nach der Bedeutung der Gesundheitsindustrie nachzugehen wurden in meiner Seminararbeit drei wesentliche Bereiche näher betrachtet: Zum einen die historische Entwicklung der Wirksamkeit von Antidepressiva, zum anderen die Standardisierung der Symptome für die Erkrankung und schließlich ihre Öffentlichkeitsinszenierung. Die Analyse dessen kommt zu dem Schluss: Allein das Vorhandensein neuer erschöpfender Einflüsse auf das Individuum reicht nicht aus, um den Status einer Volkskrankheit zu generieren. Ebenso wie andere Volkskrankheiten muss auch ein psychisches Leiden wie die Depression behandelbar erscheinen, öffentlich beim Namen genannt werden und dauerhaft thematisiert werden. Genau dies tat die Gesundheitsindustrie, indem sie die Auswirkungen moderner Anforderungen an das Individuum rechtzeitig wahrnahm und nahezu parallel dazu seine Produkte entscheidend weiterentwickelte und anschließend gekonnt im öffentlichen und medialen Diskurs platzierte. Was daraus folgt ist ein erheblicher Einfluss auf die verbreiterte Wahrnehmung des Phänomens Depression. Dies hat zwar einerseits den durchaus positiven Effekt einer erhöhten Identifikationsrate ernsthaft depressiv Erkrankter, andererseits erscheint die beobachtbare Vermarktung von Gesundheit und Präparaten zur alltäglichen Steigerung des Wohlbefindens überaus bedenklich. Die „komplexe neue Welt“ liefert die Voraussetzungen für den vorzeitigen Zusammenbruch auf der nicht enden wollenden Zielgeraden des Selbstfindungsmarathon. Und die Gesundheitsindustrie? Sie forscht, informiert und beeinflusst das Phänomen der Depression in seiner Entwicklung des gegenwärtigen Status der Volkskrankheit unserer Zeit.
Fußnoten: 1 Ehrenberg, A. (2009): Das erschöpfte Selbst. 3. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp. 2 Vgl. ebd.: S.22. 2 3 Vgl. ebd.: S.19. 4 Vgl. ebd. 5 Vgl. ebd.: S.15.

Anne Münch, studiert an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, in den Fächern Soziologie und Erziehungswissenschaft. Sie ist studentische Mitarbeiterin im Teilprojekt C9 des SFB 580, unter der Leitung von Prof. Dr. Stephan Lessenich und Dr. Silke van Dyk. Zu ihren Interessenschwerpunkten zählen v.a. Soziologie des Alter(n)s, soziologische Zeitdiagnose und Professionssoziologie.

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2 Kommentare bis “Lost in depression? – Über die Entwicklung der Depression zur Volkskrankheit der „komplexen neuen Welt“”

  1. Zur Behandlung von Depressionen möchte ich auch auf die Biblische Krankenheilung (Aufklärung und Beratung) hinweisen. Grundlage sind Aussagen der Bibel.
    Jesus Christus spricht in Matthäus 11,28: Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich will euch erquicken.
    Psalm 146,8:
    Der HERR richtet auf, die niedergeschlagen sind.

    Mit guten Segenswünschen
    Claus F. Dieterle Heilpraktiker / Psychotherapie


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