„Neuro-Romantik“. Der Liebesdiskurs unter Einfluss der Hirnforschung

Antworten auf die Frage nach der Bedeutung der Liebe fallen je nach soziohistorischen Kontext verschieden aus und speisen sich aus verschiedenen (kollektiven) Wissensvorräten: Das romantische Liebesideal als eine Art Leitmotiv der modernen westlichen Liebessemantik entsprang dem literarischen Diskurs des 18. Jahrhunderts. Seitdem verschiebt sich die Deutungshoheit nicht nur im Liebesdiskurs über Theologie, Philosophie und Literatur hin zu psychologischen und biologischen Begründungsmustern (v.a. Genetik, Evolutionsbiologie und Neurowissenschaften). Dieser Trend lässt sich besonders in populärwissenschaftlichen Ratgebern und Sachbüchern der letzten 10 Jahre feststellen. Wie wird ‘Liebe’ in diesen Medien konzipiert und welche Leitbilder von Paarbeziehungen werden dabei vermittelt? Wie sehen diese „neuro-romantischen“ Alltagsanleitungen für „komplexe neue Beziehungswelten“ konkret aus und warum haben sie eine so große Bedeutung in der Öffentlichkeit? Ich begegne diesen Fragen mit einem wissenssoziologisch-diskursanalytischen Ansatz in Anschluss an Foucault, Keller & Link und kombiniere ihn mit einer Metaphernanalyse, denn die Hegemonie neurobiologischer Argumente in den Massenmedien ergibt sich nicht zuletzt aus dem spezifischen Sprach- und Bildgebrauch der Hirnforschung. Eine soziologische Perspektive ermöglicht dabei einen kritischen Blick auf die dem Diskurs zu Grunde liegenden kulturellen Legitimationsmuster und deren unausgesprochenen Implikationen.

von Carola Klinkert

Die Hirnforschung avanciert zur Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts. Ob es um die Geschlechterrollen, Kriminalität, Religiosität oder gar die menschliche Willensfreiheit geht – auf allen gesellschaftlichen Diskursbühnen spielen zunehmend neurowissenschaftliche Argumente eine dominante Rolle bei der Verhandlung komplexer sozialer Zusammenhänge. Auch die privateste aller sozialen Lebensformen – die Liebesbeziehung – wird neuro-logisch durchleuchtet: Neben genetischer Disposition und evolutionären Lernprozessen scheint „das Gehirn“ hier eine eigenständige Deutungsmacht darzustellen. Gekleidet in biologische Metaphern und mit Hilfe moderner bildgebender Verfahren wird so im medialen Diskurs ein gesteigerter Anspruch auf objektive Wahrheit bei der Klärung der Frage erhoben, was Liebe ist und was Partnerschaften dauerhaft bestehen lässt. Neurobiologische Begründungsmuster werden als Antwort auf Herausforderungen hochkomplexer Beziehungsverhältnisse in der (post-)modernen Gesellschaft akzeptiert und ein Blick auf die Medienlandschaft des letzten Jahrzehnts zeigt, dass sich ein breiter Vermittlungsdiskurs zwischen dem Feld der Neurowissenschaften und der Öffentlichkeit etabliert hat: Populäre Sachbücher und Ratgeber, separate Wissensmagazine namenhafter deutscher Zeitungen und Spezialzeitschriften wie „Gehirn&Geist“ und „Psychologie heute“ rezipieren mit mehr oder weniger viel Sorgfalt die neuesten Ergebnisse der Hirnforschung zu Themen wie Liebe, Treue und Geschlecht. Welchen Einfluss haben diese Argumentationen auf die gesellschaftliche Vorstellung von der Liebe als Kern von Zweierbeziehungen und welche anderen kulturellen Deutungsmuster fließen dabei mit ein? Hat das romantische Liebesideal mit seinen Wurzeln im literarischen Diskurs des 18. Jh. als eine Art kulturelles Leitmotiv in der westlichen Liebessemantik Bestand oder treten im Wissenschaftszeitalter andere Vorstellungen von Paarbeziehungen an seine Stelle? Wie werden Partnerschaften im populärwissenschaftlichen (Inter-)Diskurs legitimiert und auf Dauer gestellt? Diesen Fragen wird mit einem wissenssoziologisch-diskursanalytischen Forschungsprogramm im Anschluss an Foucault, Keller und Link begegnet. Verknüpft mit neueren Ansätzen der Metaphernanalyse sollen einerseits populäre Sachbücher und Ratgeber zum Themenkreis „Liebe, Ehe und Partnerschaft“, andererseits auch Zeitungs- und Zeitschriftendebatten der Jahre 2000 bis 2010 im deutschsprachigem Raum analysiert werden. Schon der Blick auf die Titel der einschlägigsten Publikationen zeigt, dass die Frage nach der Liebe untrennbar mit dem Thema Geschlecht verknüpft ist. Der scheinbar grundlegende neurobiologische Unterschied zwischen „weiblichen“ und „männlichen“ Gehirn wird als Basis von vielen populären Liebes- und Partnerschaftskonzeptionen betrachtet. Doch ist eine derart naturalisierte Liebessemantik überhaupt angemessen, um das breite Spektrum moderner Lebensformen fassen zu können? Welche Position wird dann gegenüber dem Wandel der Geschlechterrollen und alternativen Beziehungsformen als die der heteronormativen Familie eingenommen? In dieser Untersuchung kann es nicht um die Diskussion der neurobiologischen Grundlagen von Zweierbeziehungen gehen. Auch die Frage nach dem Einfluss der Hirnforschung auf die Soziologie wird hier nicht dezidiert geklärt. Vielmehr geht es um den semantischen Wandel des Begriffs der Liebe im öffentlichen Diskurs durch den medialen Siegeszug der Neurowissenschaften. Die soziologische Perspektive ermöglicht dabei einen kritischen Blick auf die dem Diskurs zu Grunde liegenden kulturellen Legitimationsmuster und deren unausgesprochenen Implikationen.

Carola Klinkert, befindet sich in der Diplomphase ihres Soziologiestudiums an der TU Dresden. Nach einer kultursoziologischen Vertiefung und dem Nebenfach Psychologie interessiert sie sich besonders für Fragen der Wissens- und Wissenschaftssoziologie, sowie für diskursanalytische Verfahren und Methoden der qualitativen Sozialforschung. Derzeit arbeite sie als studentische Hilfskraft am Sonderforschungsbereich 804 „Transzendenz und Gemeinsinn“ (Teilprojekt O).

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5 Kommentare bis “„Neuro-Romantik“. Der Liebesdiskurs unter Einfluss der Hirnforschung”

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