Über Adorno hinaus. Zur Relevanz des Totalitätsbegriffs in kritischen Gesellschaftsanalysen

Die heutige Soziologie zeigt sich weitestgehend desinteressiert an der Entwicklung eines Begriffs der Gesellschaft; Gesellschaft zerfällt ihr tendenziell in ein bloßes Nebeneinander verschiedener Kontexte und Sinnwelten. Von dieser Konstellation ausgehend soll im Vortrag mit Adorno argumentiert werden, dass ein Begriff von Gesellschaft als Totalität und als Vermittlungszusammenhang, notwendig ist, um einerseits die soziologischen Gegenstände adäquat fassen zu können und andererseits radikale Gesellschaftskritik wiederzubeleben. Die Aufgabe, die im Vortrag in Angriff genommen werden soll, besteht darin, sowohl die Aktualität als auch die Defizite von Adornos Totalitätsbegriff herauszuarbeiten und aufzuzeigen, dass er trotz seiner Defizite das Potential für aktualisierende Weiterführungen bereithält, das auszuschöpfen wäre, um die gegenwartsanalytische Kritik zu schärfen.

von Robin Mohan

Die heutige Soziologie zeigt sich weitestgehend desinteressiert an der Entwicklung eines Begriffs der Gesellschaft und will insbesondere vom Totalitätsbegriff, der als spekulativ, metaphysisch und nicht operationalisierbar verschrien wird, nichts mehr wissen; Gesellschaft zerfällt ihr tendenziell in ein bloßes Nebeneinander verschiedener Bereiche, Kontexte und Sinnwelten. Derart aufgestellt kann ihr Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung in nicht mehr bestehen als in der Lösung von speziellen gesellschaftlichen „Problemen“, deren gesellschaftshistorische Voraussetzungen unhinterfragt bleiben. Das schreibt sie sich dann, wie im Programmheft des letztjährigen DGS-Jubiläumskongresses zu lesen war, als „Problemlösungskompetenz“ gut, mit der es zu reüssieren gelte.

Von dieser Konstellation ausgehend soll im Vortrag argumentiert werden, dass ein Begriff gesellschaftlicher Einheit, ein Begriff von Gesellschaft als Vermittlungszusammenhang, mindestens in einem doppelten Sinne notwendig ist: zum einen wird Soziologie einer zentralen Dimension ihres Gegenstands nicht gerecht, wo der Begriff des inneren Zusammenhangs der gesellschaftlichen Phänomene fehlt, zum anderen ist das Denken und Forschen über gesellschaftliche Verhältnisse auf ihn angewiesen, um seine Fähigkeit zu radikaler Kritik zurück zu gewinnen. Ausgangspunkt hierfür sollen die Überlegungen Theodor W. Adornos sein. Der Begriff der Totalität galt Adorno als kritische Kategorie und als Voraussetzung für eine begreifende Kritik der Gegenwart.

Allerdings ist der Begriff der Totalität, wie Adorno ihn verwendete, nicht unproblematisch; wo Adorno in expliziert, lässt sich ein tauschtheoretischer Monismus erkennen, in dem Gesellschaft vom Tauschprinzip als dem Principium Synthesis konstituiert zu sein scheint. Dies ist ein zentraler Einwand, der seitens anderer marxistischer und auch feministischer Ansätze zu Recht gegen Adorno angeführt wurde. Im Vortrag soll jedoch gezeigt werden, dass der Totalitätsbegriff Adornos sich nicht auf diesen Monismus reduzieren lässt und ebenso wenig in Ökonomismus und Ableitungsfetischismus landet, sondern vielmehr theoretische Mittel bereitstellt, um die Widersprüchlichkeit und Komplexität von Gesellschaft zu denken – so ist er weiterhin aktuell. Wer jedoch heute an diesen Begriff anschließt, darf sich gegenüber den Einwänden und seitherigen theoretischen Entwicklungen nicht gleichgültig verhalten. In diesem Sinne stellt der Vortrag auch den Versuch dar mit Adornos theoretischen Mitteln über ihn hinauszugehen, um seiner Intention gerecht zu werden, die Gegenwart so zu begreifen, dass der praktische Wille zur Veränderung auch im Denken einen Ort findet, so dass es Teil einer realen Bewegung der Aufhebung der unhaltbaren Zustände wird.

Robin Mohan, Dipl.-Soz., hat Soziologie in Bochum und Frankfurt am Main studiert. Arbeitsschwerpunkte: Kritische Theorie, Kritik der Politischen Ökonomie, Methodologie und Gesellschaftskritik, Nationalismus.

Als Mitglied der Projektgruppe Nationalismuskritik Mitherausgeber des Sammelbandes: Irrsinn der Normalität. Aspekte der Reartikulation des deutschen Nationalismus (Münster 2009); hierin veröffentlicht: „Staat, Nation und Hegemonie“ (mit John Kannankulam).

Dieser Beitrag wurde eingereicht von Robin Mohan.

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