Die Subalternität des Spitzendeckchens. Komplexitätsreduktion und Ästhetik bei Adorno und Heidegger.

Es stellt sich die Frage, warum die modernen Analysen von Heidegger/Adorno mit einer traditionell-bürgerlichen Ästhetik einhergehen. Wie kann es sein, dass theoretisch radikal gesellschaftskritisch gedacht, privat jedoch Tisch und Körper mit Stoffen geschmückt werden, die in die Vorzeit der Aufklärung gehören? Die These ist, das negative Dialektik wie ontologische Dekonstruktion gesellschaftliche Komplexität abstrakt reduzieren und so manch lebenswichtige Frage eliminieren. Dies soll in einigen Punkten gezeigt werden.

von Martin Schröder

Zwei der profiliertesten deutschen Denker der Moderne waren sich in zwei Punkten einig: Unsere Wahrnehmung von Welt und Sein wird zutiefst sozial bestimmt, an ästhetischen Traditionen aber gibt es nichts zu rütteln. Wie sonst kann erklärt werden, warum Theodor W. Adorno und Martin Heidegger radikal gesellschaftskritisches Denken forcierten, ihre Wohnzimmertische aber mit gehäkelten Spitzendeckchen und sich selbst mit konventionellen Trachten schmückten? Das dies nicht nur einem zufällig konservativem Geschmack geschuldet, sondern ihren kritischen Theorien immanent ist, wusste Jean­ Francois Lyotard bereits 1988 (deutsch 2005: Heidegger und “die Juden”) zu erzählen.
Adornos negative Dialektik des bürgerlich­kapitalistischen Allgemeinen und Heideggers Versuch, das Sein sprach­ und gesellschaftskritisch zu deontologisieren, zielten darauf ab, die Komplexität unserer Zeit sichtbar zu machen. Ihre Erklärung scheint ihnen erschöpfend. Als Beschreibungen der Verworfenheit, Brüchigkeit und Prekarität des Individuums in der Moderne verfassten sie Meilensteine aktueller Gesellschaftsanalysen. Ihr Anspruch war der einer wissenschaftlichen Aufklärung, eine logisch­rationale Entmythologisierung von Welt. Obwohl beide Kriegsversehrte das Scheitern dieser Konzeption von Aufklärung eingestehen, ja genau dieses Scheitern zum Gegenstand ihrer Überlegungen machen, zeugt ihr ästhetischer Geschmack nicht von diesem Bruch. Warum spiegelt sich das konstatierte Scheitern bürgerlich­aufklärerischer Ethik nicht umfassend in der, der Ethik verwandten, Ästhetik?
Wir vermuten eine Blindstelle in den Analysen Heidegger/Adornos: Ihr Anspruch auf vollständige Beschreibung, auf umfassende Entmythologisierung der Welt scheitert an deren Komplexität. Keine noch so abstrakte Theorie ist in der Lage, diese Komplexität erschöpfend zu erfassen, ohne widersprüchliche Details, konkurrierende Erläuterungen oder andere Sichtweisen zu missachten. Es wird methodisch ausgeschlossen was nicht in die Gesellschaftsanalyse integriert werden kann. Nur durch Reduktion von Komplexität kann glaubhaft die Totalität von Sein und Gesellschaft beschrieben werden. Diese Komplexitätsreduktion räumt andere ästhetische Möglichkeiten genau so aus wie andere, nicht­präsente Gesellschaftsstrukturen, kollektive Widerstände oder ungewöhnliche Handlungsoptionen.
So bleibt der Angriff auf die Gegenwart dieser verpflichtet. Die Hoffnung auf eine gelingende Ethik richtet sich auf den vermeintlich unbeschadeten Gründungsmythos der bürgerlichen Gesellschaft ­ auf die Prinzipien der Aufklärung. Aus Empörung am Verrat bürgerlicher Werte durch die kapitalisierte Gesellschaft, führt die Ästhetik Adorno und Heidegger wieder auf diese Werte und ihre Spitzendeckchen zurück.
Diese kleine Geschichte der Ästhetik gesellschaftskritischer Theorie kann uns zeigen, wie Gesellschaftskritik heute aussehen könnte. Kritik, die den eigenen Standpunkt nicht absolut setzt und der uns umgebenden Komplexität mit all ihren Akteuren keine allgemeinen oder abstrakten Deutungen aufzwingt. Schließlich kann eine Ästhetik in Kunst und Kultur, die unbekannte Wahrnehmungen evoziert, avantgardistisch provoziert oder einfach Gegenwart auf neuartige Weise beschreibt, gesellschaftliche Entwicklungen auslösen, wie sie von der bürgerlichen Höflichkeit einer Spitzentischdecke eher nicht zu erwarten sind. Das Wagnis, einige Sicherheiten aufzugeben, hätte Adorno und Heidegger den Schritt hin zu einer Gegenwartsanalyse erlaubt, die andere ­ auch ästhetische ­ Vorstellungen nicht logisch kolonisiert oder Anderes exkludiert.
Einige Thesen gegen die nahezu systematische ­ Unterkomplexität in Heideggers und Adornos Arbeiten auzuwerfen, soll Thema dieses Vortrages sein.

Martin Schröder, studiert in Dresden Philosophie, Soziologie und Erziehungswissenschaften und versucht kollektives Arbeiten abseits von Nützlichkeiten zu etablieren. In letzter Zeit hat er sich wissenschaftlich vor allem mit Biomacht, Geschlecht Rassismus, Antisemitismus und Beziehungen beschäftigt und anregendes dazu vor allen in französischen Debattenbeiträgen gelesen.

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6 Kommentare bis “Die Subalternität des Spitzendeckchens. Komplexitätsreduktion und Ästhetik bei Adorno und Heidegger.”

  1. Echt spannender Scheiss. Kurz: Die Begründung der Ethik durch Poesie aus den unbefriedigenden Verwerfungen wissenschaftlichen Denkens. Groß!

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