Die Erfahrung des Bruchs. Versuch über den Zusammenhang von Emanzipation, Erfahrung und Gesellschaft

Der Beitrag fußt auf der Annahme, dass in der Erfahrung eine eigentümliche Kraft zur sozialen Veränderung wurzelt. Indem sie den Ort bildet, wo bisher wirksame soziale Strukturen und Ordnungen durch ihre Überschreitung auf ein ihnen gegenüber Äußeres verwiesen werden, wo Brüche aufzuklaffen beginnen, zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte, markiert sie einen möglichen Ort emanzipatorischer Vorgänge. Von unterschiedlichen theoretischen Ansätzen aus soll dieser Intuition nachgegangen werden.

von David Jöckel

Statt von einer Konzeptualisierung von sozialem Wandel und Emanzipation als in makrosozialem Format ablaufenden Vorgängen – deren Hervorgang aus der konkreten sozialen Praxis allzu oft unterthematisiert bleibt – auszugehen, soll in diesem Beitrag einem Ansatz zu einem auf der Mikroebene angesiedelten Konzept von Wandel und Emanzipation – die hier als kurzgeschlossene Phänomene begriffen werden – Fürsprache gehalten werden. Ziel des Beitrags ist die Explikation der inneren Verflochtenheit dreier theoretisch zunächst voneinander separierter Elemente: eine ermöglichende, damit in eins ausschließende mediale Ordnungstruktur; einem radikal von dieser Ordnung unterschiedenen Außer-Ordentlichen; und einer sich auf der Schwelle oder der Grenze solcher Ordnungsstrukturen haltenden (besser: ereignenden) Erfahrung. Von Ernesto Laclau ausgehend lässt sich von Erfahrungen von Dislokationen, die die Gesellschaft mit dem sie umgebenden radikalen Außen konfrontieren, sprechen. Aufgrund ihres quasi-transzendentalen Status, haben solche Erfahrungen in jeder Artikulation von gesellschaftlicher Ordnung statt, ist doch – analog zum Sich-Versprechen der Sprache bei Jacques Derrida – jedes Setzen, jegliche Instituierung solcher Ordnung eine „Ver-Setzung“. In ähnlicher Weise spricht Derrida von der Erfahrung des Un-Möglichen, die als eine ereignishafte Grenzreflexion verstanden werden kann und irreduzibel auf die Erfahrung strukturierende Ordnungen des Wissens und Könnens ist. Mit Bernhard Waldenfels, der von einer „Hyperphänomenologie“ vertritt und einem „sich fremd Werden“ der Erfahrung spricht, und Dieter Mersch, der auf die eigentümliche Produktivität und die Potenz von Paradoxen zur katachrestischen Verschiebung hinweist, sind weitere Stationen eines emphatischen Zugangs zum Begriff der Erfahrung aufzurufen. Es ist, von diesem skizzierten Erfahrungsbegriff ausgehend, der Frage nach dem Zusammenhang von postfundationalistischen gesellschaftstheoretischen Ansätzen (Laclau im Gefolge Derridas) und posthermeneutischen (Mersch) oder hyperphänomenologischen (Waldenfels) Ansätzen nachzugehen, vor allem auf dem Feld der Theoretisierung einer möglichen Statthabe von Emanzipation als Invention und Öffnung in der Erfahrung selbst. Zur Verhandlung steht so, ob nicht eine, emphatisch begriffene, paradoxe oder „dekonstruktive“ Erfahrung als exemplarischer Ort wie als Minimalbedingung von sozialem Wandel und Emanzipation zu denken wäre, insofern sie als die Einbruchstelle eines die gesellschaftliche Ordnung übersteigenden radikal Neuen und Anderen verstehbar ist. Gerade weil das nicht festgestellte Tier „Mensch“ einer paradoxen immanenten Transzendenz seiner selbst in der Erfahrung fähig ist, kommt Gesellschaft nie zur Ruhe und ist Emanzipation und Wandel möglich. In einem fünfzehnminütigen Vortrag könnten allein Umrisse eines solchen Versuchs skizziert werden. Zuvörderst wäre ein Struktur- und Ordnungskonzept zu diskutieren, das zwar den produktiven, ermöglichenden Charakter von Ordnungen hervorhebt, in einem zweiten Schritt allerdings auch deren Exklusionseffekte thematisch mit einzubegreifen vermag (i). Darauf hätte der Versuch zu folgen, aus den Arbeiten der genannten Autoren einen von Differenzen im Einzelnen abstrahierenden starken Begriff von Erfahrung zu schälen (ii). Auf dieser Fundierung einer erfahrungsgebundenen Öffnung von Ordnungsstrukturen wäre in einem letzten Schritt von einem hereinbrechenden, unerwartbaren Ereignis, das hier die Minimalbedingung von Freiheit, Emanzipation und Wandel abgeben soll, zu sprechen (iii).

David Jöckel, ist Magisterstudent an der FSU Jena. Sein hauptsächliches Interessensgebiet ist die Systemtheorie Luhmanns.

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