Kunst, Transformation und Handlungspotential in der Theorie Pierre Bourdieus – Möglichkeiten der Veränderung am Beispiel des künstlerischen Feldes

Ausgehend von Bourdieus Gesellschaftskonzept soll der Frage nachgegangen werden, wie der Zusammenhang zwischen Handlung und Struktur in Bezug auf die Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse gedacht werden kann. Wesentlich ist hierbei die Ebene der Bedeutung. Betrachtet wird das künstlerische Feld. Dieses ist insofern beachtenswert, als es nicht nur seine feldinterne Logik aufweist, sondern die (zumindest zeitweise) Ablehnung der Logiken anderer Felder, konkret jener des ökonomischen Feldes, konstituierender Bestandteil ist. Gleichzeitig hat das (eigenständige) Subjekt eine große Bedeutung. Wie funktioniert unter diesen Voraussetzungen – nämlich unter der Erwartungshaltung unabhängiger Handlung – Veränderung. Was bedeuten Kämpfe um Legitimation im künstlerischen Feld, welchen Handlungsspielraum eröffnet der Raum der Möglichkeiten, und wie können Wahrnehmungs-, Interpretations-, und Bedeutungsstrukturen gedacht werden? „Exit through the Giftshop“ (Banksy, 2010) zeigt den Aufstieg einer Figur im künstlerischen Feld.

von Alice Neusiedler

 

Die Frage nach Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse ist zentral in der Auseinandersetzung mit Gesellschaften. In diesem Zusammenhang ist die Verknüpfung von struktureller Ebene und Handlung wesentlich. Gleichzeitig stellt die Ebene der Bedeutung(sstrukturen) ein wesentliches Merkmal dar in Bezug auf das Begreifen von Gesellschaft. Ausgehend von diesen beiden Überlegungen sollen anhand der Theorie Bourdieus Prozesse gesellschaftlicher Veränderung analysiert werden.

Bourdieu wird in der Kritik oftmals mit dem Vorwurf einer deterministisch-strukturalistischen Gesellschaftskonzeption bedacht. Diese Interpretation trifft allerdings das Potential seines Verständnisses von Struktur nur bedingt und übersieht dabei einen wesentlichen Aspekt seiner Theorie: die Möglichkeiten von Transfomation. Bourdieus Fokus liegt auf stabilisierenden Faktoren, wodurch es möglich wird die Trägheit gesellschaftlicher Strukturen zu erfassen, dennoch gibt es Veränderung. Zum einen ist Transformation als grundlegende Eigenschaft von Struktur immer vorhanden, zum anderen öffnet es Handlungspotential für agents.

Darüber hinaus bringt Bourdieu Handeln und Struktur zusammen, und zwar in einer Weise, die über eine strukturalistische Perspektive hinausgeht, welche Handeln als der Struktur untergeordnetes, unmittelbar aus dieser erklärbares Moment begreift. Gleichzeitig werden auch Theorien als zu kurz greifend enttarnt, die eine freie Wahl des Handelns unterstellen, und Strukturen im besten Fall als potentielle Einflussfaktoren für rationale, zielgerichtete Entscheidungen mitdenken, ebenso wie Rational-Choice-Theorien, die bewusste Entscheidungen von Individuen als Grundlage des Handelns annehmen.

Diese Verschränktkeit des Handelns mit der Stuktur führt zur Frage, die hier im Zenrum stehen soll, nämlich wo und wie Veränderung passieren kann und damit auch nach seinen Voraussetzungen. Damit befinden wir uns im Spannungsfeld zwischen Veränderung im Sinne von Wandel auf der einen Seite und Verschieben als aktiver Prozess auf der anderen Seite.

Meine Argumentation soll anhand des künstlerischen Feldes geschehen, als greifbares (und beobachtbares) Phänomen, anhand dessen die konkrete Form von Veränderung sichtbar wird und damit als Verbildlichung der theoretichen Diskussion fungieren soll.

Das künstlerische Feld ist insofern beachtenswert, als es nicht nur seine feldinterne Logik aufweist, sondern die (zumindest zeitweise) Ablehnung der Logiken anderer Felder, konkret jener des ökonomischen Feldes, konstitutiver Bestandteil ist. Gleichzeitig gibt es einen großen Anspruch nach Individualität. Dadurch äußert sich die Frage nach der Verbindung zwischen Subjekt und Struktur (und deren scheinbarer Widerspruch) hier besonders deutlich. Gerade die Eigenheit, dass die künstlerische Disposition im Alltagsverständnis mit Schlagworten wie Geschmack als natürlich angenommen wird, macht dieses Feld darüber hinaus besonders interessant. Exemplarisch für mögliche Veränderungsprozesse wird also untersucht, wie Veränderung in der Kunst selbst möglich ist, wobei insbesondere die Idee des Raumes der Möglichkeiten sowie die Kämpfe um Legitimation wesentlich sein werden (mit Exit through the Giftshop als jüngstem Beispiel).

Alice Neusiedler studiert Soziologie sowie Theater-, Film-, und Medienwissenschaft in Wien und Paris. Initiierung interdisziplinärer Projekte (Versuchsanordnung:Liebesgeschichten, 2010; Protest und Stillstand, 2011) in Kooperation der Universität für angewandte Kunst. Schwerpunkte: Kunst- und Kultursoziologie, Gender Studies.

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3 Kommentare bis “Kunst, Transformation und Handlungspotential in der Theorie Pierre Bourdieus – Möglichkeiten der Veränderung am Beispiel des künstlerischen Feldes”

  1. [...] Alice Neusiedler: Kunst, Transformation und Handlung in der Theorie Pierre Bourdieus – Möglichkeiten der Verän… [...]

  2. Mirka sagt:

    Hallo, ich habe bei dem Vortrag “offline gebloggt” und werde meine Notizen nun hier posten. Los geht’s: ;)

    Zentrale Frage: Was ist das gesellschaftliche Veränderungspotential bei Bourdieu?

    Antwort: Veränderung sind als grundlegende Möglichkeit immer vorhanden

    Fokus der Studie: Das Kunstfeld: Ökonomische Zwänge und hoher Anspruch seitens der Akteure

    Hierarchie der Objekte, Struktur muss immer performt werden

    Wandel ist zu keinem Zeitpunkt nicht möglich, Struktur ist immer vorhanden und strukturiert das Handeln, Lücken ermöglicht Verschiebung von Feldgrenzen

    Kämpfe im künstlerischen Feld: Avantgarde gegen Etablierte

    Ordnung muss immer wieder hergestellt werden

    Begriff des Feldes, weniger Kapital und Habitus: 3 Kapitalien bilden die Grundlage für gesellschaftlichen Habitus

    Feld: eigene Logik, die unterschiedliche Bewertung der Kapitalien, beeinflusst die Handlungsmöglichkeiten der Akteure, Positionen sind auch Positionierungen

    Zum künstlerischen Feld: es gibt eine Vorstellung einer reinen Kunst, Kunstwerke müssen im spezifischen Kontext verständlich sein, Zähheit von Veränderung

    Raum der Möglichkeiten: Beziehung zu dominanten Institutionen innerhalb des Feldes sind gegeben, Raum der Möglichkeiten legt Handlungsspielraum fest
    Möglichkeiten des symbolischen Verschiebung, Denkbarkeit wird festgelegt, mögliche Entdeckungen sind bereits vorhanden

    Strategien und überraschende Praktiken sind durchaus möglich  aber wie genau?

    Handelnde sind im Feld relevant Größen

    Positionierungen sind Möglichkeiten am Kampf um Veränderung im Feld teilzunehmen

    Beispiel: „Exit through the giftshop“: street art wird legitimiert, im Film Rollenwechsel zum Künstler möglich, Anerkennungs- und Zugangsweisen zum Feld können analysiert werden

    Reaktion des Publikums ist bei Ausstellungseröffnung beobachtbar

    Veränderungspotential wird sichtbar: Brüche mit Struktur aus Position in Struktur, Möglichkeit der Transformation immer gegeben, passiv, aktiv

    Durchlässigkeit der Feldgrenzen ist wichtig für Veränderung, es entsteht eine erweiterte Perspektive auf Handeln

  3. Mirka sagt:

    Publikumsfragen/-anmerkungen:

    Frage: Boltanski oder Latour (Schüler Bourdieus) machen demnach die Rolle des Akteurs zu stark?
    Antwort: Entscheidung für Bourdieu, weil sehr materiell, gut, um Vorhandensein von Struktur zu zeigen

    Frage: Ist der Film von Banksy oder nicht? Wer ist der Akteur, der den Film dreht, wenn Banksy auch selbst interviewt wird?

    Frage: alle haben ein hohes kulturelles Kapital, unterschiedliche Zugänge zum Feld, Perspektiven. Wie erfahren sie Prestige und Anerkennung? Wo bleibt die Kunst neben den sozialen Prozessen?
    Antwort: Es ist kein einheitliches künstlerisches Kapital vorhanden. Positionierung kann auch das Werk sein und nicht nur der/die Künstler/in. Felder sind nicht in sich geschlossen. Fokus ist bei Bourdieu nicht nur auf Material, Produktion, sonder liegt auch in der Ästhetik.


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