Ehrenamtliches Engagement unter Studierenden. Ein spieltheoretischer Versuch.

Freiwilliges Engagement ist ein wichtiges und vielbeachtetes Thema, sowohl aus Sicht der Politik, als auch aus Sicht der Sozialwissenschaften. Vorherrschende Erklärungsversuche im deutschsprachigen Raum kommen aus der Forschung zum Dritten Sektor und aus der Theorie reflexiver Modernisierung. Ein alternativer, ein wenig in den Hintergrund gerückter Ansatz soll in diesem Beitrag vorgestellt und anhand empirischer Beispiele diskutiert werden: das spieltheoretische Modell des sozialen Dilemmas, speziell das „Freiwilligendilemma“ nach Andreas Diekmann (1985).

von Maxime Pedrotti

 


Aktualität und Bedeutung der Freiwilligenarbeit
Freiwilliges Engagement ist ein wichtiges und vielbeachtetes Thema, sowohl aus Sicht der Politik, als auch aus Sicht der Sozialwissenschaften. Städte, Kommunen, Bundesländer schreiben Wettbewerbe und Fördermittel aus und feiern in Pressekonferenzen ehrenamtlich engagierte in ihren Regierungsbereichen – die Aktion „München dankt!“ der bayerischen Landeshauptstadt, der landesweite Wettbewerb „Echt gut!“ in Baden-Württemberg und die sächsische „Ehrenamtskarte“ sind nur drei Beispiele, die sich in allen Bundesländern auf allen politischen Ebenen vielfach wiederfinden. Die Europäische Union hat das Jahr 2011 zum „Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit“ erklärt und will mit europaweiten Aktionen und Medienkampagnen einerseits engagierte Bürger für ihre Tätigkeiten würdigen, andererseits für mehr Engagement unter EU-Bürgern werben. Parallel zur politischen Aufmerksamkeit (keineswegs jedoch unabhängig davon) ist auch im Bereich der Sozialwissenschaften das Interesse an ehrenamtlichem/freiwilligem/bürgerschaftlichem Engagement in den letzten 20-30 Jahren deutlich angestiegen. Seit 1999 erhebt das Forschungsinstitut TNS Infratest im Auftrag der Bundesregierung freiwilliges Engagement in Deutschland im Rahmen der „Freiwilligensurveys“. Fragen zu unbezahlten Aktivitäten auf freiwilliger Basis sind bereits seit Jahren Teil der größeren Bevölkerungsstudien ALLBUS und SOEP, sozialwissenschaftliche (insbesondere soziologische) Studien zu den Themen Ehrenamt, Freiwilligenarbeit, bürgerschaftliches Engagement finden sich viele – eines der größten Projekte stellt das „Johns Hopkins Cooperative Nonprofit Sector Project“ dar, das als internationales, interkulturelles und interdisziplinäres Forschungsprojekt zu Non-Profit-Organisationen angelegt ist.

Vorherrschende Perspektiven: Zweite Moderne und Dritter Sektor
Ein Blick in die Vielfalt wissenschaftlicher Publikationen liefert zwei vorherrschende theoretische Perspektiven, die im Großen ähnliche Ansätze vertreten, sich im Detail jedoch an der einen oder anderen Stelle unterscheiden: Die eine – wahrscheinlich bekannteste – geht auf Ulrich Becks Modernisierungstheorie zurück, die andere entstammt der neo-institutionalistischen Tradition und lässt sich zusammenfassen als Forschung zum „Dritten Sektor“. Nach Beck befinden wir uns in einer Weiterführung der klassischen Moderne – in einer Zeit der „Zweiten Moderne“, die gekennzeichnet ist durch einen Prozess reflexiver Modernisierung (vgl. Beck et al., 2001). Im Zuge dieses Prozesses stehen traditionelle Institutionen gesellschaftlichen Zusammenhalts vor der Herausforderung, dass sie den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und Problemen in ihrer bisherigen Form nicht mehr vollständig gewachsen sind, was eine Weiterentwicklung und das Hervorbringen neuer Formen und Mittel gesellschaftlichen Zusammenhalts erfordert. Dies drückt sich z.B. in Analysen aus, die bürgerschaftlichem Engagement, „Bürgerarbeit“ oder „Eigenarbeit“ eine Einordnung neben der klassischen Erwerbsarbeit im Rahmen einer „Krise der Arbeitsgesellschaft“ zuschreiben (vgl. Mutz und Kühnlein, 2001). Eine ähnliche Perspektive bietet die Idee des „Dritten Sektors“ als mögliche Beschreibung aktueller Entwicklungen (vgl. z.B. Salamon und Anheier, 1997). Dieses Konzept verankert (vereinfacht ausgedrückt) Non-Profit-Organisationen als eine Art Meso-Ebene zwischen den Makro-Institutionen Staatsapparat und Wirtschaftsunternehmen und den Mikro-Institutionen private Haushalte und Individuen. NPOs erfüllen hierbei insbesondere durch freiwillige Mitarbeit ehrenamtlich Engagierter gesellschaftliche Funktionen, die vom Staat und der Wirtschaft nicht bewerkstelligt werden können.

Die Alternative: Spieltheorie, Freiwilligendilemma
Die beiden oben aufgeführten theoretischen „Frameworks“ eignen sich zwar, aus Makroperspektive gesellschaftliche Entwicklungen zu beschreiben (oder der politisch motivierten Forschung zumindest den Anschein zu geben, auf Basis eines theoretischen Konzepts zu stehen), tragen meiner Ansicht nach jedoch nicht ausreichend zur wissenschaftlichen Erklärung des Phänomens Freiwilligenarbeit bei. Aus diesem Grund möchte ich einen alternativen, leicht in den Hintergrund getretenen Ansatz zur Diskussion stellen: das spieltheoretische Modell des sozialen Dilemmas. Mit Hilfe eines Modells rationaler Wahl lassen sich meiner Ansicht nach Theorien im Sinne sozialwissenschaftlicher Erklärungen formulieren, die ein besseres Verständnis der Freiwilligentätigkeiten ermöglichen. Im Rahmen des 3. Studentischen Soziologiekongresses würde ich gerne zwei Spielvarianten vorstellen und diese Forschungsperspektive mit den Besuchern diskutieren. Zentraler theoretischer Hintergrund ist neben allgemeiner Rational-Choice- und Spieltheorie das Konzept des „Freiwilligendilemmas“ (bzw. „Volunteer’s Dilemma“), das Andreas Diekmann bereits 1985 erstmals formal beschreibt (Diekmann, 1985). Seine Bezugspunkte sind zum einen soziale Dilemmata im Sinne der Spieltheorie nach Robyn M. Dawes (Dawes, 1980), zum anderen die sozialpsychologischen Experimente John M. Darley und Bibb Latané aus den 1960er Jahren (vgl. Darley und Latané, 1968a und Darley und Latané, 1968b).

Der Vortrag: sozialwissenschaftliche Erklärung ehrenamtlichen Engagements anhand empirischer Beispiele
Das Freiwilligendilemma soll anhand zweier empirischer Beispiele diskutiert werden: Zunächst untersuche ich die Boykott-Aktionen im Rahmen studentischer Proteste gegen Studiengebühren aus spieltheoretischer Perspektive. Anschließend will ich der Frage nachgehen, wie Studentinnen und Studenten bei der Entscheidung für oder gegen ehrenamtliches Engagement beeinflusst werden, und berichte von den Ergebnissen meiner Diplomarbeit zum Thema „Ehrenamt im Studium“, die aktuell noch in Bearbeitung ist und bis Juli 2011 fertiggestellt sein wird. Mein Beitrag soll sich grob wie folgt gliedern: Nach einer kurzen Einführung in den theoretischen Hintergrund der Spieltheorie, des sozialen Dilemmas und des Freiwilligendilemmas sollen die Beispiele mithilfe des theoretischen Modells anhand empirischer Daten analysiert werden. Im Anschluss an den Vortrag möchte ich die theoretische Perspektive und die genannten Beispiele mit dem Plenum diskutieren und insbesondere der Frage nachgehen, inwieweit sich Konzepte der Spieltheorie als Instrumente zur sozialwissenschaftlichen Erklärung freiwilligen Engagements eignen – um insgesamt hoffentlich einen weiteren Zugang zum Forschungsfeld des freiwilligen Engagements zu eröffnen.

Maxime Pedrotti, geboren 1984 in München, studiert seit 2004 Soziologie, Sozialpsychologie und Pädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Diplomarbeit zum Thema „Ehrenamt im Studium“ hat er im August 2011 fertiggestellt.

Literatur

Beck, Ulrich, Wolfgang Bonÿ und Christoph Lau, 2001: Theorie reexiver Modernisierung – Fragestellungen, Hypothesen, Forschungsprogramme. S. 11-59 in: Ulrich Beck und Wolfgang Bonß (Hg.), Die Modernisierung der Moderne. Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft. Bd. 1508. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Darley, John M., und Bibb Latané, 1968a: Bystander Intervention in Emergencies: Diffusion of Responsibility. Journal of Personality & Social Psychology 8 (4): 377-383.

Darley, John M., und Bibb Latané, 1968b: Group Inhibition of Bystander Intervention in Emergencies. Journal of Personality & Social Psychology 10 (3): 215-221.

Dawes, Robyn M., 1980: Social Dilemmas. Annual Review of Psychology 31: 169-193.

Diekmann, Andreas, 1985: Volunteer’s Dilemma. Journal of Conict Resolution 29 (4): 605-610.

Mutz, Gerd, und Irene Kühnlein, 2001: Erwerbsarbeit, bürgerschaftliches Engagement und Eigenarbeit – Auf dem Weg in eine neue Arbeitsgesellschaft? S. 191-202 in: Ulrich Beck und Wolfgang Bonÿ (Hg.), Die Modernisierung der Moderne. Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft. Bd. 1508. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Salamon, Lester M., und Helmut K. Anheier, 1997: Der Nonprot-Sektor: Ein theoretischer Versuch. S. 211-246 in: Helmut K. Anheier, Eckhard Priller, Wolfgang Seibel und Annette Zimmer (Hg.), Der dritte Sektor in Deutschland. Berlin: Ed. Sigma.

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4 Kommentare bis “Ehrenamtliches Engagement unter Studierenden. Ein spieltheoretischer Versuch.”

  1. [...] Maxime Pedrotti: Ehrenamtliches Engagement unter Studierenden. Ein spieltheoretischer Versuch. [...]

  2. Mirka sagt:

    Hallo, ich habe bei dem Vortrag “offline gebloggt” und werde meine Notizen nun hier posten. Los geht’s: ;)

    Aus spieltheoretischer Sicht wird freiwilliges Engagement untersucht – kein Anspruch auf Vollständigkeit der Untersuchung.
    Es werden 3 Projekte vorgestellt, die sich mit studentischem Ehrenamt auseinander setzen.

    2006 gab es eine Kurzbefragung: Wird Ehrenamt ausgeübt und in welcher Form?
    Ergebnis: Eher demographische Faktoren sind ausschlaggebend, 2/3 aller Studierenden engagieren sich, etwas weniger, 3% aller Studierenden in Fachschaften, eher punktuelles Engagement.

    Es gab einen Versuch, im Rahmen eines Curriculums im Studium Ehrenamt zu integrieren.
    Nach Diekmann wird eine Abwandlung des klassischen Gefangenendilemmas angewendet mit dem Ausgang, dass öffentliches Gut durch Aufnahme von Kosten erzeugt wird.

    Warum wird die Spieltheorie angewendet um ehrenamtliches Engagement zu erklären?
    Ansätze: Arbeitsplatzknappheit, ehrenamtliches Engagement bietet Möglichkeit nach Sinnerfüllung ohne Arbeit
    Betrachtung des Engagements von Menschen in unterschiedlichen Ländern im non-profit-Bereich
    Konzept des 3. Lektors, aber nicht alle ehrenamtlichen Bereiche werden abgedeckt

    Welche Möglichkeiten des Engagements gibt es überhaupt?
    Fokus auf Mikrosoziologie, aber: ein Problem der Spieltheorie ist, dass die Messung von Kosten und Nutzen erschwert wird. Außerdem handelt es sich um Experimente in Kleingruppen im Labor, demnach wenig Übertragbarkeit auf andere sozialen Bereiche

  3. Mirka sagt:

    Fallbeispiele: Boykott der Studierendengebühren 2006-2008: Wie kriegt man genügend Studierende zusammen?

    Fallbeispiel I: Der Boykott wurde Lokal organisiert, ¼ bis 1/3 der Studierenden sollte die Studiengebühren auf ein gesondertes Konto einzahlen. Es sollte eine bestimmte kritische Masse der Studierenden erreicht werden
    Auf Seiten der Studierenden entstanden Kosten in den Punkten Vertrauensvorschuss und Mehraufwand. Die allgemeinen Auswirkungen sind für die Boykottierenden nicht genau abzuschätzen, unspezifische Dankbarkeit der KommilitonInnen

    Fallbeispiel II: Studierendenboykott an der HfbK Hamburg: Boykott funktionierte nicht, da die Uni darauf eingegangen ist, theoretisch hat Boykott funktioniert, aber Uni-Verwaltung nicht an Spiel teilgenommen

    Fallbeispiel III: LMU München: zu wenig teilnehmende Studierende, Boykott gescheitert
    Probleme: Unterschiede in der Gruppengröße, unterschiedliche Gewichtung der Kosten-/Nutzenfaktoren Netzwerkmöglichkeiten nutzen? Wie wurde Werbung gemacht?
    Problem der Anonymität, dann kommt es zu weniger Engagement, was dem entgegen setzen?
    Soziale Schichtunterschiede als 1 Erklärungsfaktor

  4. Mirka sagt:

    Publikumsfragen/Anmerkungen:
    Was passierte an Universitäten, die die oben genannte Quote erreicht haben, aber ohne Boykott?
    Antwort: Entschluss der Studis in VV Boykott nicht durchzuführen, andere Risikobewertung. Die Kosten-/ Nutzenbetrachtung ändert sich bei den Teilnehmenden über die Zeit
    Schwierig in der Empirie diese Betrachtung eindeutig und festgelegt zu messen, zu viele unterschiedliche Faktoren und Bewertung der Faktoren

    Frage: Der Glaube an das Spiel fehlt in der Studie als Metaaspekt. Der Punkt Nutzen wird nicht nur durch zweckrationale Überlegungen beeinflusst, sondern auch durch habituelles Verhalten.

    Frage: Ein weiterer Aspekt dafür, dass Boykott nicht funktionierte: Eine große Drohkulisse seitens der Verwaltung wurde aufgebaut gegenüber potentiell boykottierenden Studis
    Antwort: Druck ist tatsächlich ein bedeutender Faktor für eine Überlegung bei den Studis am Boykott teilzunehmen.


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