Die Schwarze Szene wird belichtet

Auf Grundlage von teilnehmenden Beobachtungen während des Musikfestivals „Wave-Gotik-Treffen“ (WGT) in Leipzig wurden öffentliche Interaktionen zwischen kostümierten Festivalteilnehmer_innen und Passant_innen untersucht, in denen diese aufeinander wechselseitig als Fotomotive und Fotografierende Bezug nahmen. In methodologischer Anlehnung an die von Barney Glaser und Anselm Strauss entwickelte Grounded Theory versuchen die Forscher_innen, beide Seiten der gegenseitigen Bezugnahme der Handelnden in den Blick zu bekommen: Die öffentliche Präsentation und Selbstinszenierung der großteils aufwendig kostümierten Festivalteilnehmenden für die Kamera ebenso wie das Handeln der Fotografierenden, die mit ihrer Kamera in den Händen eine ungewöhnlich direkte Form der öffentlichen Interaktion mit Fremden initiieren.
von Ronja Trischler, Silvan Pollozek und Marcus Heinz

 


Im Rahmen eines kultursoziologischen Methodenmoduls haben wir auf Grundlage von teilnehmenden Beobachtungen während des Musikfestivals „Wave-Gotik-Treffen“ (WGT) in Leipzig öffentliche Interaktionen zwischen kostümierten Festivalteilnehmern (‚Gothics’) und Nicht-Festival­teilnehmern untersucht, bei denen diese aufeinander wechselseitig als Fotomotive und Fotografierende Bezug nahmen. In methodologischer Anlehnung an die von Barney Glaser und Anselm Strauss entwickelte Grounded Theory wurden die erhobenen Daten in mehreren Schritten systematisch kodiert und die Ergebnisse in Form einer umfangreichen Hausarbeit zusammengetragen. Thesen wurden aus den Protokollen heraus hergeleitet und an eben diesen wieder geprüft; sie stellten somit keine vorstrukturierten Annahmen dar.
Die Arbeit versucht, beide Seiten der gegenseitigen Bezugnahme der Akteure in den Blick zu bekommen: Die öffentliche Präsentation und Selbstinszenierung der großteils aufwendig kostümierten Festivalteilnehmer für die Kamera ebenso wie das Handeln der Akteure, die mit ihrer Fotokamera in den Händen eine ungewöhnlich direkte Form der öffentlichen Interaktion mit Fremden initiieren. Anhand dieser Verhaltensweisen kann der spezielle Deutungsrahmen des Festivals verstanden werden, ebenso wie die ihm inhärenten dynamischen Aushandlungsprozesse aufgezeigt werden können. Sie lassen darüber hinaus auch weitere Rückschlüsse zu: zum einen auf eine alltägliche Praxis des Fotografierens mit omnipräsenten Digital- und Handy-Kameras oder auch mit für eine breitere Masse an Hobby-Fotografen erschwinglichem semiprofessionellen Equipment (z.B. digitale Spiegelreflexkameras). Zum anderen können Formen der öffentlichen Selbstinszenierung nachvollzogen werden, in deren Zuge Individuen zum Bild werden – z.B. auch in einer breiten medialen Öffentlichkeit online auf ihren Profilbildern.

Der konzipierte Vortrag stützt sich auf die im Rahmen des Methoden-Moduls verfasste Hausarbeit (die in Zusammenarbeit der drei Autoren entstand) und hat das Ziel, die soziale Praxis des Fotografierens auf dem WGT zu rekonstruieren. Um dies nachvollziehbar zu gestalten, sollen erstens die Rahmenbedingungen des Festivals aufgezeigt werden, die für die zu beobachtenden Interaktionen relevant sind. Sodann werden zweitens die durch Fotokameras vermittelten Interaktionen zwischen Festivalteilnehmern und Nicht-Festivalteilnehmern untersucht: Dabei typisieren sich eben jene reziprok als Fotoobjekte und Fotografen, wodurch spezifische Handlungsmodi und Interaktionsfolgen entstehen. In diesem Zusammenhang sollen die unterschiedlichen Typen des Fotografen vorgestellt werden, ihre Zielsetzungen und Strategien, sowie ihre Probleme – etwa hinsichtlich der Initiation von Interaktion mit einem Fotoobjekt. Die Handlungsfolgen konstituieren drittens soziale Räume und Deutungsrahmen, welche auf die Definition von Situationen und weiteres Handeln wirken.

Ronja Trischler, Silvan Pollozek und Marcus Heinz studieren seit mehreren Jahren Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig. Hierbei liegt ein methodologischer Schwerpunkt auf den Erhebungs- und Auswertungsverfahren der qualitativen Sozialforschung. Neben mehreren empirischen Einzelprojekten stellt der vorliegende Beitrag eine gemeinschaftliche Arbeit dar. Die Teamarbeit ist dabei eine besondere Herausforderung und ist für den gesamten Forschungsprozess und die hiermit verbundenen Ideen der Interpretationsvielfalt qualitativer Analysen konstitutiv.

Share

9 Kommentare bis “Die Schwarze Szene wird belichtet”

  1. [...] Ronja Trischler, Silvan Pollozek, Marcus Heinz: Die Schwarze Szene wird belichtet [...]

  2. Mirka sagt:

    Hallo, ich habe bei dem Vortrag “offline gebloggt” und werde meine Notizen nun hier posten. Los geht’s: ;)

    Keywords: Grounded Theory, Teilnehmende Beobachtung, WGT in Leipzig, Berührungspunkt TN und nicht-TN

    Ziel der Studie: Wahrnehmung und Zuschreibung ermitteln per Foto

    Fotografierende:
    3 Aktursgruppen im Feld: Gothics, Schaulustige, beobachtende
    Fokussierung der Gothics durch Kameraperspektive, Omnipresenz der Kamera

    Akteure werden erkannt und anerkannt
    Skala amateur – Profifotograf, Differenziert nach Professionalität, Menge der Fotografierenden ist bezeichnend, gutes Equipement, Vermischung der beiden Pole (Amateur, Profi) in der sozialen Wirklichkeit

    Zu den Modellen: Gothics, geht es um öffentliche Präsentation trotz Interaktion? Vorstrukturierte Präsentation, aber wie läuft sie genau ab? Individualität und Szenezugehörigkeit soll ausgedrückt werden

    Stillleben als eine Form der Darstellung, da keine Interaktion  auf welcher Ebene findet Interaktion statt?

    Kostümkonforme Rollenkonzentration als der Ausdruck einer Subgruppe

    Verhalten der Modelle orientiert sich an Aussehen, Kleidung, Inszenierung

    Gruppenpräsentation als eine Form der Fotografie

    Rollenverhalten und Modellpräsentation – kommt es zum doing Gender?

    Präsentation vor den Fotografierenden, Ausliefern, erfolgreiches Vermitteln der Szene mit Anknüpfen an allgemeines Wissen

    Individualisierung und Szenezugehörigkeit als wichtige Aspekte

  3. Mirka sagt:

    Zentrale Frage: Wie kann nicht-alltägliche Wirklichkeit beschrieben und erklärt werden?

    Theorie: Goffmann: Was geht hier eigentlich vor?

    Allgemeiner sozialer Rahmen ist das Festival. Jedes Jahr kommen 30.000-40.000 Menschen nach Leipzig

    Ausnahmesituation ist alltäglich/nicht-alltäglich

    Der besondere Rahmen: Schaulustige, Fotoobjekte, Fotografen

    Jede/r Anwesende nimmt eine der drei Rollen ein, muss wissen wie Rolle erfüllt/gespielt werden
    Fremd- und Selbsttypisierung der Akteure, Darstellungsobjekte und Konsumierende Fotografen, Vergleichbarkeit entsteht

    Es entsteht eine entindividualisierte Masse von Andersartigen, Besonderheit eines Objekts hält nicht lange an, Unterstützung der Rolle der Gothics wird sichtbar

    Trotzdem großes Interesse und Teilnahme, da Anerkennung der Kostüme, Darstellungsmöglichkeit, Spiel der Darstellung möglich

    Inwiefern ist die gegebene räumliche Anordnung wichtig, beeinflussend?

    Weiterführender Aspekt: Gibt es diese Form der Inszenierung auch im Alltag? In Bezug auf Selbstrepräsentation mit Medien?

  4. Mirka sagt:

    Publikumsfragen:

    Was macht einen guten Fotografen aus und was ein gutes Fotomodell? Unterschied der Inszenierung aus beiden Sichtweisen? Was ist ein gutes WGT-Fotomodell?

    Inwiefern verändert das die Szene, wenn alles sofort mediatisiert wird?

    Verhalten sich die Leute anders als im Alltag? Wenn ja, inwiefern?

    Antwort: Der Fokus der Studie liegt auf Interaktion. Professionelle können aus Masse der Modelle extrahieren, eine Fotosituation schaffen. Die Situation muss von professionellem Fotografen angeleitet werden

    Eine Vorstrukturierung durch die Kostüme legt fest, wer Fotomodell wird, nicht so sehr die Präsentation vor Ort. Der Genderaspekt wäre interessant, im Punkt Spiel mit der Körperlichkeit

    Frage: Zur Methode der Teilnehmenden Beobachtung; Wie habt ihr euch selber wahrgenommen und wurdet wahrgenommen?

    Antwort: Zahlreiche Gothics waren immer im öffentlichen Raum, Gothics wollen sich überall zeigen und sich inszenieren, Gothics sind sich bewusst, dass sie beobachtet werden, wollen das.


Warning: Illegal string offset 'status_txt' in /www/htdocs/w00cd14a/2011/wp-content/plugins/share-and-follow/share-and-follow.php on line 1938

Warning: Illegal string offset 'status_txt' in /www/htdocs/w00cd14a/2011/wp-content/plugins/share-and-follow/share-and-follow.php on line 1938

Warning: Illegal string offset 'status_txt' in /www/htdocs/w00cd14a/2011/wp-content/plugins/share-and-follow/share-and-follow.php on line 1938