Über das Sprechen der ‚Einen‘ und das Schweigen der ‚Anderen‘. Eine feministisch-postkoloniale Reflexion der „Frauenrecht ist Menschenrecht“ Bewegung.

Das ‚Frauen‘ den ‚Männern‘ gleichgestellt sind, ist immer noch ein gesellschaftspolitisches Ziel. Zweifelsohne lässt sich aus einer historischen Perspektive eine deutliche Verbesserung und Angleichung von Rechten von Frauen nachzeichnen, doch ist die Verwirklichung des Egalitarismusansatzes noch in weiter Ferne. Es stellt sich die Frage, wie Emanzipation erreicht werden kann. Wie sollen feministische Bewegungen und deren Forderungen gestaltet werden, um eine Befreiung von diversen Unterdrückungsstrukturen zu erreichen? In meinem Vortrag möchte ich die Bewegung „Frauenrecht ist Menschenrecht“ auf ihren emanzipatorischen Gehalt hin diskutieren und auf die Ambivalenzen von Verrechtlichungsprozessen eingehen. Im Zuge dessen möchte ich die Identitätspolitiken in der feministischen Bewegung herausstellen und die Exklusion von z.B. Transgender problematisieren.

von Stefan Wedermann

Das ‚Frauen‘ den ‚Männern‘ gleichgestellt sind, ist immer noch ein gesellschaftspolitisches Ziel. Zweifelsohne lässt sich aus einer historischen Perspektive eine deutliche Verbesserung und Angleichung von Rechten von Frauen nachzeichnen. Das Jahr 1975 ist entscheidend für die Bemühungen den Egalitarismusansatz zu verwirklichen, wonach alle Menschen weiblich, wie männlich, gleich sind. Die 1991 vom „Centre for Women’s Global Leadership“ auf den Weg gebrachte weltweite Kampagne „Women’s Rights are Human Rights“ läutete die Mobilisierung zur Weltmenschenrechtskonferenz 1993 in Wien ein. Zentrales Anliegen sollte hierbei „die explizite Anerkennung der weltweit an Frauen begangene Gewalt als Menschenrechtsverletzung“ sein (Schmidt-Häuser 1998: 146). Die Mobilisierung im Vorfeld und die Aktionen von Frauenrechtler_innen während der Konferenz bewirkten, dass das herkömmliche Menschenrechtsparadigma in der Abschlusserklärung der Konferenz in zweierlei Hinsicht erweitert wurde: Zum einen galt Gewalt gegen Frauen in der öffentlichen und privaten Sphäre erstmalig als Menschenrechtsverletzung, zum anderen wurde die Universalität der Frauenrechte als „integraler Bestandteil der internationalen Menschenrechte erneut bekräftigt“ (ebd.). In meinem Vortrag möchte ich eine andere Lesart der vorgestellten und progressiven Bewegung anbieten und fragen, wie emanzipatorisch jene war bzw. ist, ohne eine genaue Verortung vorzunehmen. Dabei werde ich die Ambivalenzen von Verrechtlichungsprozessen aus einer feministisch-postkolonialen und queer-feministischen Perspektive thematisieren. Zentral ist hierbei ein radikaler Begriff von Emanzipation. Ernesto Laclau folgend erfordert Emanzipation „einen wirklichen „anderen“ – das heißt einen „anderen“, der auf keinen der Figuren des „selbst“ reduziert werden kann“ (kursiv i. O. Laclau 2002: 25). In Ergänzung dazu weist Judith Butler auf die Identitätsproduktion in sozialen Bewegungen hin und plädiert für eine Emanzipation jenseits heterosexueller Identitätspolitiken (Bulter 1991: 21f.). Die Ambivalenzen, die bei der Einforderung von Rechten bzw. Verrechtlichungen entstehen, auf die ich mich beziehen werde, umfassen zwei Dimensionen: a) Entpolitisierung: Die Einforderung Rechte sind zuweilen emanzipatorisch, im Verlauf der Zeit verlieren diese aber ihre emanzipatorische Durchschlagskraft und werden zu einem allgemeinen Diskurs, wodurch ihnen eine Entpolitisierung droht und sie so häufig zu „empty promises“ werden (vgl. Brown 1995: 98); b) Exklusion und die Produktion von Identitäten: Die Exklusion durch Verrechtlichungsprozessen wirkt auf wenigstens zwei Ebenen, zum einen entsteht die Exklusion wie Hauke Brunkhorst bemerkt, durch eine „Kolonialisierung des Rechts durch Macht und Geld“ (zit. nach Kreide 2009: 168). Diese Einschätzung zielt auf die immer stärkere Verzahnung von Kapital, politischer Macht und internationalem Recht. Zum anderen tritt eine Exklusion in Verrechtlichungsprozessen auf, indem Rechtssubjekte konstituiert werden, die einen Anspruch auf Rechte haben. Diese Konstituierung von Rechtssubjekten produziert (Geschlechts-) Identitäten, die sich an einer „heterosexuellen Matrix“ (Bulter 1991: 17ff.) verorten lassen. Hieran anschließend ergänzt das Konzept der Subalternen der postkolonialen Feminist_innen diese Ambivalenzen. Im Anschluss an Antonio Gramsci werden diejenigen als subaltern verstanden, „die keiner hegemonialen Klasse angehören, die politisch unorganisiert sind und über kein allgemeines Klassenbewusstsein verfügen“ (Castro Varela und Dhawan 2005: 69). Bezieht man die Situation der Subalternen auch auf die Frauenbewegung Frauenrecht ist Menschenrecht, die als globale Frauenbewegung bezeichnet wird, erkennt man, dass subalterne Frauen aufgrund ihrer Situation nicht an der Bewegung „Frauenrecht ist Menschenrecht“ partizipieren konnten bzw. können. Vielmehr sind es häufig transnationale Eliten, die diese Diskurse bestimmen und Subalterne durch ihre Repräsentation in ihrem Status fest-schreiben und fest-sprechen (vgl. Spivak 2008: 74ff.). Darüber hinaus warnt die postkoloniale Feministin Chandra T. Mohanty warnt in ihren Schriften in Ergänzung dazu, vor unkritischer transnationaler Solidarität, denn die westlichen Feministinnen haben sich durch die Produktion/Repräsentation des Dritte-Welt-Frau-Subjekts in ihren Forschungen, selbst als emanzipiert und frei konstruiert (vgl. Mohanty 1984: 337). Als Negativfolie ihrer selbst, konstruierten sie die Durchschnitts-Dritte-Welt-Frau als „ignorant, poor, uneducated, tradition-bound, domestic, family-oriented, victimized“ (ebd.) Dies „habe […] dazu geführt, Frauen aus dem globalen Süden diskursiv zu kolonisieren, zu homogenisieren und zu instrumentalisieren“ (Fink und Ruppert 2009: 66). Ich möchte zeigen, welche Probleme sich bei einer zunächst progressiven Bewegung bilden können bzw. welche ihnen zum Teil immanent sind. Eine kritische Reflexion aus der Perspektive der feministisch-postkolonialen Theorie kann Hinweise bzw. Ansätze für eine emanzipatorische Frauenbewegung, aufzeigen bzw. Problemstellen lokalisieren und thematisieren. Gerade im Hinblick auf die sich immer stärker globalisierenden sozialen Bewegungen und Solidarisierungen, scheint mir diese kritische Lesart zentral und notwendig zu sein.

Literaturverzeichnis
Brown, Wendy (1995): States of injury. Power and freedom in late modernity. Princeton, N.J: Princeton Book.
Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Castro Varela, María do Mar; Dhawan, Nikita (2005): Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. Bielefeld: transcript.
Fink, Elisabeth; Ruppert, Uta (2009): Postkoloniale Differenzen über transnationale Feminismen. Eine Debatte zu den transnationalen Perspektiven von Chandra T. Mohanty und Gayatri C. Spivak. In: Femina Politica (2), S. 64–74.
Finke, Barbara (2005): Legitimation globaler Politik durch NGOs. Frauenrechte, Deliberation und Öffentlichkeit in der UNO. Wiesbaden: VS Verlag.
Kreide, Regina (2009): Globale Gerechtigkeit und transnationales Regieren. Habilitationsschrift. Johann Wolfgang Goethe Universität, Frankfurt am Main. Politikwissenschaften.
Laclau, Ernesto (2002): Jenseits von Emnazipation. In: ders.: Emanzipation und Differenz, Wien: Turia + Kant, S. 23–44.
Mohanty, Chandra Talpade (1984): Under Western Eyes: Feminist Scholarship and Colonial Discourses. In: boundary 2 12 (3), S. 333–358.
Schmidt-Häuser, Julia (1998): Feministische Herausforderungen an das herkömmliche Menschenrechtsparadigma. In: Uta Ruppert (Hg.): Lokal bewegen – global verhandeln. Internationale Politik und Geschlecht. Frankfurt/Main: Campus, S. 130–155. Spivak, Gayatri Chakravorty (2008): Can the subaltern speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation. Wien: Turia + Kant.

Stefan Wedermann, studiert Politikwissenschaft, Sozialpsychologie, Soziologie und Philosophie an der Goethe-Universität sowie Gender Studies am Cornelia-Goethe-Centrum in Frankfurt am Main. Seine Schwerpunkte sind Postkoloniale Theorie, Feministische Theorie, Politische Theorie sowie poststrukturalistische/postmarxistische und postmoderne Ansätze.

Dieser Beitrag wurde eingereicht von Wedermann.

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Ein Kommentar bis “Über das Sprechen der ‚Einen‘ und das Schweigen der ‚Anderen‘. Eine feministisch-postkoloniale Reflexion der „Frauenrecht ist Menschenrecht“ Bewegung.”

  1. jon sagt:

    …huch, kommentarposten mit facebook klappt nicht…captcha fehlt…

    …irgendwo im text wurde bulter geschrieben…

    …und: post-ismus ist mir immernoch die liebste philosophie…


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