Theorie und Praxis: Flüchtige Bekannte? Eine Auseinandersetzung mit dem schwierigen Verhältnis der Frauen- und Geschlechterforschung und der Gleichstellungspolitik

Gleichstellung ist kein abgeschlossenes Thema, sondern ein laufender Prozess. Mit der Strategie des Gender Mainstreaming wurde ein politisches Leitprinzip zur Gleichstellung auf EU-Ebene eingeführt. Doch das Konzept wird u.a. in Hinsicht auf seinen Theoriehintergrund stark kritisiert. Warum sich der Dialog zwischen Frauen- und Geschlechterforschung und der Gleichstellungspolitik so schwierig gestaltet, welches Potenzial im Theoriediskurs steckt und ob es eine Gleichstellungspolitik geben kann, die die Theorie und die Praxis gleichermaßen miteinbezieht, soll in diesem Beitrag diskutiert werden.

von Julia Wustmann

Gender Maintreaming, das verbindliche Leitprinzip der europäischen Gleichstellungspolitik, verweist schon im Namen auf die Theoriediskussion um die Unterscheidung zwischen „Sex“ und „Gender“. Dass der Ursprung des Sex-Gender-Modells in den 1960er Jahren in der medizinisch-psychiatrischen Hermaphroditen- und Transsexuellenforschung liegt und dass die Theoriedebatte der Frauen- und Geschlechterforschung diese Unterscheidung seit Jahr(zehnt)en kritisch diskutiert und widerlegt, bleibt dabei allerdings unreflektiert.
So stellt sich die Frage, warum die neuen Erkenntnisse der Frauen- und Geschlechterforschung scheinbar keinen Einzug in die politische Praxis finden? Dafür soll in einem ersten Schritt die Entwicklung des Verhältnisses der Frauen- und Geschlechterforschung und der Geschlechterpolitik näher beleuchtet werden. Es soll näher darauf eingegangen werden, auf welche Art und Weise sozialwissenschaftliche Konzepte und Erkenntnisse von der politischen Praxis rezipiert werden und welche Kriterien bei der Auswahl eine Rolle spielen. In einem zweiten Schritt soll dargestellt werden, inwieweit die „unterschiedlichen Spielarten von Geschlechterwissen“ (Wetterer 2009) Einfluss auf die Übertragbarkeit geschlechtertheoretischer Konzepte in die Gleichstellungspolitik haben.
Im Weiteren ergibt sich die Frage, ob zukünftig eine Gleichstellungspolitik gestaltet werden kann, ohne dass dabei weder die Rahmenbedingungen der politischen Praxis noch die Rezeptionen des Theoriediskurses vernachlässigt würden. Hierfür soll aufgezeigt werden, welche Möglichkeiten und Konsequenzen sich ergeben würden, wenn man die in der Frauen- und Geschlechterforschung entstandenen Perspektiven der Gleichheit, der Differenz und vor allem der Dekonstruktion jeweils zum politischen Leitsatz erklären würde. Dabei sollen neue politische Maßnahmen, wie die anonymisierte Bewerbung, kritisch in die Überlegungen miteinbezogen und diskutiert werden.

Quellen:
Wetterer, Angelika (2009): Gleichstellungspolitik im Spannungsfeld unterschiedlicher Spielarten von Geschlechterwissen. Eine wissenssoziologische Rekonstruktion, in: Gender. Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, Heft 2/2009, S. 45-60.

Julia Wustmann, ist seit 2010 Studentin im Masterstudiengang Soziologie an der Technischen Universität Dresden. Ihre Themenschwerpunkte sind Soziologie der Geschlechter, Soziologische Theorien und Familiensoziologie.

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