Väter in der Wissenschaft – Work-Life-Management zwischen Universität und Familie

Durch die steigenden Flexibilisierungstendenzen des Arbeitsmarktes sieht sich der/die ArbeitnehmerIn zunehmend mit neuen Anforderungen konfrontiert. Auch an der Universität als möglicher Arbeitgeber halten derartige Strukturen Einzug. Schon Max Weber beschreibt 1919 die mit der wissenschaftlichen Arbeit verbundene Ungewissheit über zukünftige Perspektiven und die wachsende Bedeutung kapitalistischer Strukturen im Wissenschaftsbetrieb. Neuere Arbeiten heben die stärker werdende Abkehr vom Normalarbeitsverhältnis hin zu atypischer Beschäftigung hervor.
Am Beispiel junger Väter, die ihren Erwerb über den Arbeitgeber Universität sichern, soll herausgearbeitet werden, welchen Strukturen die Akteure gegenüberstehen und welche Strategien des Work-Life-Management sie daraus ableiten. Dabei lassen sich unterschiedliche Handlungstypen zwischen Wissenschaftler als Beruf und Wissenschaftler als Berufung identifizieren.

von Kristin Neumann

Die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt steigen zunehmend. Richard Sennett beschreibt 1998 in seinem Buch „Der flexible Mensch“ mit welchen Aufgaben sich der/die moderne ArbeitnehmerIn konfrontiert sieht. Flexibilität fordert der Kapitalismus von den AkteurInnen, diese müssen die ständige Bereitschaft zeigen Arbeitsstelle, Wohnort und Arbeitsform wenn notwendig zu wechseln. Die Konsequenzen aus diesem Mangel an Stabilität beschreibt er als „Drift“ – ein unsicheres Dahintreiben (Sennett 2010). Auch die Universität als Arbeitsmarkt sieht sich mit diesen modernen Prozessen der Flexibilisierung und der zunehmenden Unsicherheit seiner Akteure konfrontiert. Schon Max Weber beschreibt 1919 in seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ die mit der wissenschaftlichen Arbeit verbundene Ungewissheit über zukünftige Perspektiven und den wachsenden Einzug ökonomischer Strukturen. Neuere Arbeiten von Klaus Dörre und Matthias Neus (2008: 127f.) beschreiben das Wissenschaftssystem als „ein Getriebener der Umbrüche des Kapitalismus“, die damit einhergehende Abkehr vom Normalarbeitsverhältnis hin zu atypischer Beschäftigung macht den/ die wissenschaftliche/n MitarbeiterIn zum „Selbstmanager“ (ebd.: 136). Doch wie gehen die Akteure mit diesen Strukturen um? Welche Handlungsweisen ergeben sich daraus? Dies soll hier am Beispiel junger Väter aufgezeigt werden, die ihren Erwerb über den Arbeitgeber Universität sichern. Eine Gruppe, die sich mit den Wettbewerbsanforderungen des wissenschaftlichen Systems bei gleichzeitiger Unsicherheit über berufliche Perspektiven konfrontiert sieht. Zeitgleich lässt sich in Bezug auf dieses Arbeitsmarktsegment eine besondere Sensibilisierung für Themen wie Gleichstellung und Emanzipation vermuten.
In meinem Vortrag geht es mir darum, darzustellen welchen Strukturen und Einstellungen sich die Akteure gegenübersehen und welche Handlungstypen sich daraus ableiten lassen. Die Grundlage für meine empirischen Arbeit bilden qualitative Interviews mit Vätern in der Wissenschaft. Alle sind aus unterschiedlichen Fachrichtungen, in unterschiedlichen Beschäftigungsformen und Familienkonzepten, jedoch mit der Gemeinsamkeit, dass sie die Anforderungen, die ihnen ihre Familie und der Wissenschaftsbetrieb stellen, in Form von unterschiedlichen Work-Life-Managment-Strategien vereinbaren möchten. Erste Ergebnisse zeigen, dass sich die Handlungsstrategien entlang drei Dimensionen ableiten lassen: Raum, Zeit und Personal. Diese drei Dimensionen befinden sich auf einer Achse zwischen „starker work/life-Trennung“ und „keiner work/life-Trennung“. Dabei lassen sich zwei Idealtypen ableiten. Der Vater der „Wissenschaft als Berufung“ betrachtet, befindet sich in allen drei Dimensionen an einem Punkt bei dem nahezu keine Trennung zwischen beiden Lebensbereichen stattfindet. Er ist immer im Dienst, will jedoch den Ansprüchen als Familienvater ebenfalls gerecht werden. Während die Lebenspartnerin nachts neben ihm schläft, werden noch wichtige Emails mit dem Smartphone bearbeitet. Im Freundeskreis und Kollegium gibt es starke personelle Überschneidungen. Der Handlungstyp am anderen Ende der Achse sieht die Wissenschaft als reine Erwerbstätigkeit, er trennt beide Bereiche streng von einander ab. Selbst wenn das Lesen bestimmter Literatur der Dissertation dienlich ist, wird die Tätigkeit nicht als Arbeit gelabelt, wenn dies zuhause geschieht. Alle Handlungstypen haben jedoch die Gemeinsamkeit, dass Strategien nur in einer eher traditionellen Rollenverteilung zwischen Mann und Frau stattfinden können. Selbst bei dem Wunsch nach Elternzeit, kann diese nicht genutzt werden, da die objektiven sowie subjektiven Anforderungen des Arbeitgebers dies nur erschwert bis nicht zulassen. Des Weiteren betrachten alle Befragten die Unsicherheit bezüglich beruflicher Perspektiven mit Sorge. Dieser Umstand spiegelt sich in der Familienplanung wieder. Zwischen Lebenszielen und aktuell gelebten Konzepten lassen sich Diskrepanzen identifizieren.

Ausgewählte Literatur:
Dörre, Klaus/ Neis, Matthias Neis (2008): Forschendes Prekariat? Mögliche Beiträge der Prekarisierungsforschung zur Analyse atypischer Beschäftigungsverhältnisse in der Wissenschaft. in: Kecha, Stephan(Hrsg.): Die Beschäftigungssituation von wissenschaftlichen Nachwuchs, VS Verlag, S. 127-142.
Sennett, Richard (2010): Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berliner Taschenbuchverlag.
Weber, Max (1919/2002): Wissenschaft als Beruf. in: Kaesler, Dirk (Hrsg.): Max Weber Schriften 1894- 1922, Kröners Taschenbuchausgabe, S. 474-511.

Kristin Neumann,, Jahrgang 1986, studierte zunächst an der Technischen Universität Dresden Soziologie und Politikwissenschaft und schloss 2010 das Bachelor-Studium ab. Derzeit ist sie im Masterprogramm Soziologie an der Universität Hamburg eingeschrieben; ab September wird sie an der University of Kent in England studieren. Ihre Studienschwerpunkte sind Methoden der empirischen Sozialforschung und Arbeits- und Organisationssoziologie.

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