Auswirkungen prekärer Beschäftigungsverhältnisse auf die Familie

Sowohl Erwerbsarbeit als auch familiale Lebenszusammenhänge unterlagen insbesondere in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts wesentlichen Veränderungsprozessen, die zu kontroversen Debatten um die Zukunft von Arbeit und Familie geführt haben. Weitgehender Konsens herrscht darüber, dass die gesellschaftlichen Umbrüche im Hinblick auf Erwerbsarbeit und Familie tiefgreifende Veränderungen für die Individuen und deren Alltagsorganisation zur Folge haben. Das Forschungsinteresse der Masterarbeit richtet sich auf mögliche Auswirkungen der prekären und jenseits des traditionellen Arbeitsmarktes angesiedelten Beschäftigungsverhältnisse von Künstlerinnen und Künstlern auf deren privaten Lebensbereich der Familie. Neben der empirischen Betrachtung individueller Strukturierungsleistungen und Bewältigungsstrategien sollen dabei auch die jeweiligen Geschlechterarrangements hinsichtlich der Erwerbs- und Familienarbeit sowie mögliche Potenziale für deren Enthierarchisierung in den Blick genommen werden.

von Ann Kristin Schneider

Das Forschungsprojekt, das ich in Vortragsform vorstellen möchte, beschäftigt sich mit Auswirkungen prekärer Beschäftigungsverhältnisse auf die Familie und wird derzeit im Rahmen einer Masterarbeit an der Universität Münster durchgeführt. Bisher liegen noch keine empirischen Ergebnisse vor, zum Zeitpunkt des Kongresses soll das Forschungsvorhaben jedoch weitgehend abgeschlossen sein. Im Fokus der Arbeit steht die empirische Beleuchtung von Flexibilisierungs- und Entgrenzungsanforderungen, die sich innerhalb der postfordistischen Arbeitswelt herausgebildet haben und an dieser Stelle nicht allein im Hinblick auf Erwerbsarbeit, sondern gleichzeitig auf die Haus- und Sorgearbeit untersucht werden sollen. Das Kongressthema „KOMPLEXE NEUE WELT“ wird somit insbesondere hinsichtlich der Erosion des traditionellen Arbeitsmarktes sowie des strukturellen Wandels von Familie und damit verbundenen Leitbildern und Rollenvorstellungen aufgegriffen und bildet so eine Schnittstelle zwischen Arbeits- und Familienforschung. Da die Untersuchung unter der besonderen Berücksichtigung innerfamiliärer Geschlechterarrangements stattfindet, wird zudem die Chance aufgegriffen, für die Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit als gesellschafts- und sozialpolitisches Thema neue Perspektiven zu eröffnen.

Zwischen 1999 und 2009 ist die absolute Zahl von ArbeitnehmerInnen in atypischen Beschäftigungsverhältnissen in der Bundesrepublik Deutschland um 1,8 Millionen auf insgesamt 7,6 Millionen gestiegen (StBA, Pressemitteilung Nr. 257 vom 22.07.2010). Im Zuge einer verstärkten Wettbewerbssituation durch Globalisierung und Liberalisierung des Welthandels verwandelt sich der Faktor Arbeit und die damit verbundenen Personalkosten zu einer rein betriebswirtschaftlichen Größe, die sich in der Folge „flexibel an die Erfordernisse des Marktes anzupassen“ (Horstmeier 2009) hat. Mit diesen Entwicklungen werden wesentliche Regulierungen von Lohnarbeit nivelliert und Risiken des Marktes zunehmend an die Beschäftigten weitergegeben (ebd.). Die damit einhergehenden strukturellen Veränderungen der De-Regulierung erzeugen dabei neue Leitbilder und stellen Subjekte vor veränderte Anforderungen. Das fordistische Ideal des „bürgerlichen Angestelltensubjekts“ (Reckwitz 2006) wird für den Arbeitsmarkt dysfunktional und seit den 1970er Jahren vom „konsumtorischen Kreativsubjekt“ (ebd.) abgelöst. Dieses „neue“ Subjekt der Postmoderne, das sich auf der Ebene der Arbeit durch employability auszeichnet, wird dabei innerhalb des neoliberalen Diskurses als „Abgesang auf das Joch der Lebenslangen Festanstellung“ (Götz/Lemberger 2009) gefeiert, während die Instrumentalisierung von Subjektivität als Produktivkraft in anderen Diskussionssträngen mit einer Ausbeutung nicht nur der Arbeitskraft, sondern zudem auch des Alltags der Individuen gleichgesetzt wird.
Aus dieser veränderten Logik der Arbeitskraftnutzung leiten Pongratz und Voß einen grundsätzlich neuen Typus von Arbeitnehmern ab, der sich durch verstärkte Selbstkontrollen, erweiterte Selbst-Ökonomisierung und Selbst-Rationalisierung im Hinblick auf seine Arbeitskraft von dem „verberuflichten Arbeitnehmer“ der „organisierten Moderne“ (Reckwitz 2006) unterscheidet (Pongratz/Voß 1998). Das Modell des Arbeitskraftunternehmers knüpft dabei allerdings am Vorbild männlicher Erwerbsarbeit an und lässt unbezahlte Haus- und Sorgearbeit systematisch aus dem Blick (Winker/Carstensen 2004). Jedoch konstatieren Winker/Carstensen Entgrenzungs- und Flexibilisierungsprozesse ebenso für den Bereich der Familienarbeit, die durch die veränderten Anforderungen innerhalb der Erwerbsarbeit beeinflusst wird. Zudem bilden die nach wie vor zumeist von Frauen ausgeführten reproduktiven Tätigkeiten auch heute noch die Grundlage für geschlechtsbasierte Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt (ebd.). Die Autorinnen erweitern daher das Konzept des Arbeitskraftunternehmers zu dem Modell des Arbeitskraftmanagers bzw. der Arbeitskraftmanagerin, der/die sich im Hinblick auf Familienarbeit mit ähnlichen Koordinierungs- und Strukturierungsleistungen auseinandersetzen muss wie schon der Arbeitskraftunternehmer innerhalb des Erwerbslebens (ebd.). Damit sind Frauen durch die Vereinbarkeitsleistungen, die sie im Hinblick auf die Synchronisierungsanforderungen von Erwerbsarbeit und Familienarbeit leisten, einer zweifachen Flexibilisierung ausgesetzt. Die „doppelte Vergesellschaftung von Frauen“ (Becker-Schmidt 2003) über die beiden Praxisbereiche der Erwerbs- und der Familienarbeit könnte so eine neue Strukturierung erfahren.

Insbesondere die Arbeitsmärkte von Künstlerinnen und Künstlern weisen nicht nur einen besonders intensiven Strukturwandel auf, sie können zudem zu den dynamischsten Teilarbeitsmärkten gezählt werden und lassen auch künftig Wachstumspotenziale erwarten (Haak/Schmid 2001: 9). Vor allen das wirtschaftpolitische Konzept der „creative industries“ soll in diesem Zusammenhang das ökonomische Potenzial des in den 1990er Jahren ernannten Kultursektors ausschöpfen und die Transformation des Kunst- und Kulturfeldes vorantreiben, das schließlich zum Vorreiter einer dynamischen „Kulturgesellschaft“ avancieren und den unflexiblen und (über-)regulierten (Sozial-)Staat ablösen soll (Loacker 2010: 94ff). Daneben scheint der Künstlerarbeitsmarkt weniger anfällig für ‚offene’ Arbeitslosigkeit bzw. anpassungsfähiger gegenüber starkem Strukturwandel zu sein (Mandel 2007: 21), wie seit den vergangenen Jahrzehnten zu beobachten ist. Die hier zugrunde liegende Beschäftigungsstruktur stellt dabei nicht nur einen Gegenentwurf zum Normalarbeitsverhältnis dar, sondern beinhaltet für einige Autorinnen wie Autoren auch einen Modellcharakter im Hinblick auf einen postmodernen Arbeitsbegriff, der Arbeit als kreativen Schaffensprozess definiert und innerhalb dessen die Grenze zwischen Erwerbs- und Privatsphäre zunehmend verschwimmt. Künstler/innen werden damit exemplarisch für die neue creative class und das postmoderne Arbeitsverständnis und künstlerische Strategien werden für die Entwicklung innovativer Arbeitsformen und neuer Ökonomien herangezogen (Mandel 2007: 8). Die Beschäftigungsverhältnisse im kulturwirtschaftlichen Sektor gelten dabei zwar als überdurchschnittlich attraktiv und werden daher zu Prototypen für Beschäftigungsverhältnisse auch in anderen Wirtschaftsbereichen, gleichzeitig erweisen sich die Arbeits- und Lebensbedingungen jedoch als außerordentlich prekär und bestehende Erwartungen der Individuen an soziale Sicherheit und Integration durch Erwerbsleben können mit den existierenden Strukturen nur unzureichend erfüllt werden.

Mit Hilfe von problemzentrierten Interviews sollen bei den Befragten die beiden Praxisbereiche der Erwerbs- und der Familienarbeit im Hinblick auf subjektive Einschätzungen und Bewältigungsstrategien ergründet und mögliche doppelte Flexibilisierungsanforderungen und deren Wirkung auf die Geschlechterarrangements innerhalb der familialen Rollenstrukturen ausgemacht werden. Es ist davon auszugehen, dass ein prekäres Beschäftigungsverhältnis als dauerhaftes Arrangement das Privat- und damit das Familienleben subjektiv wie objektiv beeinträchtigt und die damit verbundenen vielfältigen Anforderungen von den Betroffenen individuell bearbeitet werden. Beide Praxisbereiche unterliegen Flexibilisierungsanforderungen, die sich sowohl auf subjektive Einschätzungen und Bewältigungsstrategien als auch auf familiale Rollenstrukturen und damit auf Geschlechterarrangements innerhalb der Familie (und der Familienarbeit) auswirken. Dies hat möglicherweise eine „doppelte Flexibilisierung“ zur Folge, die im Hinblick auf die „doppelte Vergesellschaftung von Frauen“, der an fordistischer Lohnarbeit orientierten Sozialpolitik und existierender postfordistischer Leitbilder insbesondere Auswirkungen für innerfamiliale Geschlechterarrangements haben könnte. Dabei könnte es sowohl zu einer Re-Traditionalisierung der Rollenmuster als auch zu einer neuen Strukturierung der beiden Praxisbereiche kommen.
Als Untersuchungsgruppe wurden Schauspielerinnen und Schauspieler mit Sorge- und Erziehungspflichten gewählt, die durch befristete Beschäftigungsverhältnisse einer strukturellen Benachteiligung hinsichtlich ihrer sozialen Absicherung ausgesetzt sind, an welcher auch das Änderungsgesetz zum Bezug von Arbeitslosengeld I aus dem Jahr 2009 kaum etwas ändert (vgl. Studie der Forschungsgruppe BEMA des Instituts für Soziologie der Universität Münster zur Reform zum Bezug von Arbeitslosengeld I, 2010). Da die gewählte Personengruppe in ihrer Berufsstruktur im Kontrast zum fordistischen Arbeitnehmer steht, bietet sich die Möglichkeit der Betrachtung herausgebildeter Bewältigungsstrategien im Hinblick auf Flexibilisierungs- und Entgrenzungsprozesse.

Literatur

Becker-Schmidt, Regina (2003): Zur doppelten Vergesellschaftung von Frauen. Soziologische Grundlegung, empirische Rekonstruktion. In: gender…politik…online: http://web.fu-berlin.de/gpo/pdf/becker_schmidt/becker_schmidt_ohne.pdf; Dezember 2010).

Götz, Irene/Lemberger, Barbara (2009): Prekär arbeiten, prekär leben. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf ein gesellschaftliches Phänomen. Campus Verlag, Frankfurt.

Haak, Carroll/Schmid, Günther (2001): Arbeitsmärkte für Künstler und Publizisten – Modell einer zukünftigen Arbeitswelt? WZB-discussion-paper der Querschnittgruppe Arbeit und Ökologie P99-506. In: Leviathan (29) 2, S. 156-178. [online abrufbar unter: http://bibliothek.wzb.eu/pdf/1999/p99-506.pdf. Letzter Zugriff am 27.05.2011].

Horstmeier, Gerrit (2009): Prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Systematische Darstellung sämtlicher Beschäftigungsformen. Berlin.

Loacker, Bernadette (2010): kreativ prekär. Künstlerische Arbeit und Subjektivität im Postfordismus. Transcript Verlag, Bielefeld.

Mandel, Birgit (2007): Die neuen Kulturunternehmer. Ihre Motive, Visionen und Erfolgsstrategien. transcript Verlag, Bielefeld.

Nave-Herz, Rosemarie (2002): Familie heute. Wandel der Familienstrukturen und Folgen für die Erziehung. 2., überarbeitete und ergänzte Auflage. Primus Verlag, Darmstadt.

Peuckert, Rüdiger (2005): Familienformen im sozialen Wandel. 6. Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.

Pongratz, Hans J./Voß, Günter G. (1998): Der Arbeitskraftunternehmer. Zur Entgrenzung der Ware Arbeitskraft. Vortrag in der Sitzung der Sektion Industrie- und Betriebssoziologie auf dem Kongress
für Soziologie, Freiburg 1998 – Textfassung.

Reckwitz, Andreas (2006): Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne. Velbrück Wissenschaft, Weilerswist.

Winker, Gabriele/Carstensen, Tanja (2004): Flexible Arbeit – bewegliche Geschlechterarrangements. In: Kahlert, Heike/Kajatin, Claudia (Hg.) (2004): Arbeit und Vernetzung im Informationszeitalter, Frankfurt/New York, S. 167-185.

Ann Kristin Schneider, Jahrgang 1984, schloss ihren Bachelor an der Universität Osnabrück mit den Fächern Erziehungswissenschaften und Soziologie ab und schreibt derzeit ihre Abschlussarbeit im Masterstudiengang Soziologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Schwerpunkte ihres Studiums und ihrer Tätigkeit im Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik sind dabei insbesondere die Themenfelder Arbeit und Familie sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

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