Arbeits- und Lebensbedingungen von Verkäuferinnen. Eine Studie zur Prekarität im Einzelhandel

Ausgehend von der Gegenüberstellung des Normalarbeitsverhältnisses mit sogenannt atypischen Beschäftigungsverhältnissen soll eine erste Schneise in das Dickicht der flexiblen Beschäftigungsverhältnisse geschlagen werden. Anschliessend möchte ich diskutieren, worin die Unterscheidung zwischen guter und schlechter Flexibilität besteht. Kern der Auseinandersetzung mit dem Prekaritätsbegriff bilden die Typisierungen von Robert Castel und Klaus Dörre sowie ergänzend diejenige von Klaus Kraemer. Durch die Kombination dieser komplementären Zugänge soll ein Weg erschlossen werden, Prekarität in ihren Ausprägungen zu erfassen. Im empirischen Teil wird kurz das methodische Vorgehen erläutert, bevor die Ergebnisse präsentiert werden. (Dies ist der vorläufige Stand der Dinge, eventl. wird im Vortrag dem Thema “Prekarität und Geschlecht” mehr Raum eingeräumt)

von Markus Flück

In den Nachkriegsjahren schien die Erwerbsarbeit zwischenzeitlich an sozialstrukturierender Bedeutung verloren zu haben. Der soziologische Blick auf die soziale Ungleichheit in den Industriestaaten hatte sich aufgrund von Vollbeschäftigung, gut ausgebautem Wohlfahrtsstaat und steigenden Löhnen auf andere Spaltungslinien gerichtet. Spätestens seit den 1990er Jahren ist Soziale Sicherheit aber nicht mehr ein gesellschaftliche Normalität: Zum einen hat sich die Zone der Arbeitslosen und Ausgesteuerten massiv verbreitert, zum anderen hat sich der Bereich der unsicheren Arbeitsverhältnisse und somit die Hierarchisierung der Arbeitsbedingungen innerhalb der Erwerbsarbeit vertieft. Während am oberen Ende der Lohnpyramide die flexiblen Lohnbestandteile progressiv ansteigen, verfestigen sich weiter unten Prekarisierungs- und Exklusionsprozesse. Sie sind die Schlüsselkategorien in der Debatte um die neue soziale Frage und zugleich Brennpunkte der aktuellen Arbeitssoziologie. Beide ziehen ihren analytischen Gehalt aus den Umstrukturierungen der Erwerbsarbeitswelt. In meiner ausschnittweisen Bachelorarbeitspräsentation, sollen weder die Exkludierten noch die Inkludierten, gut Situierten, sondern diejenigen dazwischen in den Fokus genommen werden. Denn da, ausgehend vom unteren Bereich der gesellschaftlichen Mitte, macht sich seit längerem ein Phänomen breit, das sich am besten mit dem Begriff der Prekarität erfassen lässt. Pierre Bourdieu (1997) und Robert Castel (2000) gelten als Vorreiter der Prekarisierungsforschung. Die beiden haben mit ihren Arbeiten das theoretische Fundament gelegt, auf dem mittlerweile eine lebhafte Debatte stattfindet. Soziologisch kann Prekarität als soziale „Schwebelage“ (Kraemer/Speidel 2004: 119) bezeichnet werden, ständig die Gefahr der sozialen Deklassierung im Nacken spürend.
Dahinter stehen makroökonomische Umstrukturierungen, die im Zuge der Wirtschaftskrisen der 1970er Jahre zu einem Übergang von der fordistischen zur postfordistischen Formation geführt haben. Dieser war und ist mit einer tiefgreifenden Umgestaltung der Produktionsverhältnisse verbunden. Der Bedarf an anpassungsfähigen, flexiblen Produktionsprozessen, die sich auf den internationalen Produkt- und Kapitalmärkten behaupten können, stieg massiv an. Die Folge sind „neue Landnahmen“ (Dörre 2009a: 21 ff.), die durch die Neufixierung institutioneller Arrangements im Spannungsfeld zwischen Kommodifizierung und Dekommodifizierung hervorgehen. Gleichzeitig verschob sich die Beschäftigung zunehmend in den nach Bildung, Einkommen, sozialer Sicherung, und gesellschaftlichem Prestige sehr ausdifferenzierten und fragmentierten Dienstleistungssektor. Im Zuge dessen blieb der Idealtypus des sicheren Arbeitsverhältnisses der Nachkriegsjahre, das Normalarbeitsverhältnis mit seinen sozialversicherungsrechtlichen Absicherungen, zwar weiterhin die dominierende Form des Arbeitsverhältnisses, verlor aber stetig an Bedeutung und machte ausdifferenzierten zum Teil prekären Arbeitsverhältnissen Platz (Hohendanner/Bellmann 2007: 27 ff.).
Anhand von Soziologischen Porträts möchte ich in meinem Kurzreferat ein Bild skizzieren, wie subjektive lebensweltliche „Mikrokosmen“ (Magnin 2005: 58) von Verkäuferinnen kapitalistische Makrostrukturen widerspiegeln. Robert Nisbet (1976) positionierte einmal Soziologische Porträts in seinem Buch „Sociology as an Art Form“ analog zur Porträtmalerei. Dabei sollen sowohl die einzelne Persönlichkeit, als auch deren soziale Kontextualisierung herausgearbeitet werden. „Porträts, die vom Künstler angefertigt werden, betonen eher die individuellen Charakterzüge, also die Eigenschaften eines ganz bestimmten einzigartigen Menschen, während Porträts aus der Soziologie eher Merkmale hervorheben, welche eine grosse Zahl von Individuen in einer bestimmten Klasse oder Berufsgruppe normalerweise aufweisen“ (Nisbet 1976: 69, in: Honegger et al. 2010: 27). Aufgrund der „Mehrdimensionalität“ (Kraemer 2008) und Vielschichtigkeit der Prekarisierungsproblematik, müssen neben den Beschäftigungsverhältnissen zudem der Erwerbsverlauf und die Lebenslage in die Analyse einbezogen werden. Sowohl die zeitliche als auch die räumliche Kontextualisierung sind notwendig, um die volle Reichweite der
Prekarisierung sichtbar zu machen. Dabei fokussiere ich insbesondere auf den Zusammenhang von prekärer Erwerbs- und Reproduktionsarbeit sowie die Verfestigung der Prekarität durch sekundäre Integration, in Form einer selbstlosen „Aufopferung“ für die Kinder. Daneben sollen insbesondere die Konsequenzen finanzialisierter Unternehmensabläufe auf die Arbeitsverhältnisse angedeutet werden.

Literatur
Bourdieu, Pierre (1997): Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Konstanz: UVK.
Castel, Robert (2000): Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit. Konstanz: UVK.
Dörre, Klaus (2009a): Die neue Landnahme. Dynamiken und Grenzen des Finanzmarktkapitalismus. In: Dörre, Klaus; Lessenich, Stephan und Hartmut Rosa: Soziologie. Kapitalismus. Kritik. Eine Debatte. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S. 21-86.
Hohendanner, Christian und Lutz Bellmann (2007): Atypische Beschäftigung und betrieblicher Flexibilisierungsbedarf. Ergebnisse des IAB-Betriebspanels. In: Keller,
Berndt und Hartmut Seifert (Hg.): Atypische Beschäftigung – Flexibilisierung und soziale Risiken. Berlin: Edition Sigma. S. 27-43.
Honegger, Claudia; Neckel, Sighard und Chantal Magnin (2010): Einleitung. In: dies. (Hg.): Strukturierte Verantwortungslosigkeit. Berichte aus der Bankenwelt. Berlin: Suhrkamp.
S. 15-32.
Kraemer, Klaus (2008): Prekarität – was ist das? In: Arbeit. Zeitschrift für Arbeitsforschung, Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik. Heft 2, 17. Jahrgang. S. 77-90.
Kraemer, Klaus und Frederic Speidel (2004): Prekäre Leiharbeit. – Zur Integrationsproblematik einer atypischen Beschäftigungsform. In: Vogel, Berthold (Hg.): Leiharbeit. Neue Sozialwissenschaftliche Befunde zu einer prekären Beschäftigungsform.
Hamburg: VSA-Verlag. S. 119-153.
Lutz, Burkart (1984) Der kurze Traum immerwährender Prosperität. Eine Neuinterpretation der industriell-kapitalistischen Entwicklungen im Europa des 20. Jahrhunderts. Frankfurt am Main/New York: Campus.
Magnin, Chantal (2005): Prekäre Integration. Die Folgen unsicherer Beschäftigungsverhältnisse. In: Reihe Soziologie 73. Wien: Institut für Höhere Studien (IHS). S. 1-64.
Nisbet, Robert (1976): Sociology as an Art Form. London: Heinemann.

Markus Flück, studiert im Master Soziologie an der Universität Bern, wo er auch den Bachelor Soziologie, mit den Minors Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre absolviert hat. Seine Interessensschwerpunkte liegen im Bereich der Arbeits-, Kultur- und Wirtschaftssoziologie.

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