Von der Abwesenheit der Anwesenheit – das Gedächtnis des virtuellen Interaktionssystems

Das Internet markiert einen paradigmatischen Wechsel innerhalb der Selbstbeobachtung der Gesellschaft. Dabei spielt insbesondere das Gedächtnis eine herausragende Rolle. Neben den semantischen Beschreibungsprozessen des „Nicht-Vergessen-Können“, hat die neu entstehende Konservierbarkeit von interaktionaler Kommunikation dramatische Folgen für die Gesellschaft und deren Struktur. Der Vortrag versucht aus einer systemtheoretischen Perspektive die Veränderungsprozesse interaktionaler Kommunikation, die sich im Cyberspace abspielt, zu hinterfragen und deren gesellschaftlichen Wirkungen zu skizzieren.

von Jan Tobias Fuhrmann

Die Debatte um das Gedächtnis wurde durch die Etablierung des Internets und der daraus resultierenden Beobachtungszusammenhänge neu angeregt. Von moralphilosophischen Abhandlungen über die Tugenden des Vergessens bis hin zu Analysen der soziologischen Systemtheorie ist eine breite Palette von Überlegungen zu der Thematik des Gedächtnisses der Gesellschaft entstanden.
In der folgenden Betrachtung wird aus einer systemtheoretischen Perspektive der Strukturwandel des Interaktionssystems durch die Gedächtnisfunktion virtueller Kommunikation ausgearbeitet werden. Dazu ist es notwendig den Begriff des Gedächtnisses zu fassen. Dieser wird dabei in Anlehnung an die Begrifflichkeiten von Niklas Luhmann und Elena Esposito dem Formenkalkül Spencer-Browns unterworfen. Die Konstruktion des Gedächtnisses als Zwei-Seiten-Form ermöglicht es eine differenzierte Analyse durchzuführen, die eine Begrifflichkeit akkumuliert, die sich der Kommunikation als theorieleitendes Primat anpassen kann.
Für die Analyse des Gedächtnisses und den strukturellen Evolutionsprozessen des Interaktionssystems wird darauffolgend der Begriff des Interaktionssystems reformuliert, um seine begriffliche Unklarheit, die im Zusammenhang mit der virtuellen Kommunikation entstanden ist, zu respezifizieren. Dabei wird das Konzept des Signifikanten aus dem Theorienfeld der Semiotik auf interaktionale Kommunikation übertragen. Nun kann das Interaktionssystem auch über seine faktischen Kommunikationskorrelate hinaus in Potentialität operieren. Dies hat weitreichende Folgen auf die Anwesenheitszuschreibungen des Systems, die nun vielmehr Erwartungen der kommunikativen Anschlussfähigkeit darstellen.
Durch das nun geschaffene Begriffskonglomerat wird es möglich die interaktionalen Kommunikationsstrukturen, die im Internet kondensieren zu beschreiben. Dabei wird der Begriff der Anwesenheit weiter ausdifferenziert und mit Bezug auf den Begriff des Ikons im Sinne Peirce in interpretatorische Kommunikationspotentialität überführt. So kann eine Analyse, die die massenmediale Wirksamkeit der Kommunikation in virtuellen Interaktionssystemen in Bezug auf die Erinnerbarkeit prüft, um so Aussagen über die Kontroll- und Kompensationsmechanismen der im Cyberspace verorteten Interaktionen zu ermöglichen, durchgeführt werden.
Dabei wird deutlich, dass die Gesellschaft ihren Beobachtungsmodus variiert und so kommunikative Redundanzen zu Informationen der gesellschaftlichen Selbstbeschreibung verdichten kann.

Jan Tobias Fuhrmann hat an der Technischen Universität Kaiserslautern den Bachelor in integrative Sozialwissenschaften erworben und studiert an der Universität Luzern Weltpolitik und Weltgesellschaft. Hauptsächlich befasst er sich mit gesamtgesellschaftlichen Betrachtungen, die sich auf systemtheoretische Annahmen stützen.

Dieser Beitrag wurde eingereicht von Jan Fuhrmann.

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