Politische Partizipation in der Spätmoderne. Das Fallbeispiel ‚Mediaspree Versenken!’. Eine Analyse monothematischer Bürgerproteste anhand qualitativer Interviews.

In der hoch individualisierten Gesellschaft der Spätmoderne erscheint langfristiges, an Gruppeninteressen gebundenes Engagement in politischen Organisationen zunehmend unattraktiv. Dennoch partizipieren viele Bürger am politischen Prozess in Form episodisch auftretender, monothematisch orientierter Proteste, die sich insbesondere gegen solche Beschlüsse der Politik richten, welche die individuelle Lebenswelt direkt betreffen. Der Vorwurf, es mangele diesen Protestformen an gesamtgesellschaftlichem Weitblick, übersieht eine entscheidende Absicht politischen Protests: Kritik als Korrektiv ist eine grundlegende Ressource von Demokratie. Deren öffentliche und mediale Wahrnehmung ist entscheidend für ihren Erfolg. Die Bürgerinitiative ‚Mediaspree Versenken!’ gibt Beispiele, wie durch kreative Aktionsformen wie politische Open-Air-Raves Aufmerksamkeit für ein Protestziel erreicht werden kann. Können erlebnisorientierte Formen des Engagements ein adäquates Mittel zur politischen Mobilisierung von Bürgern sein, die wenig Interesse an klassischen Formen politischer Teilhabe zeigen?

von Sebastian von Gumpert

In der Spätmoderne (Begriff nach Hartmut Rosa, der damit „eine neue Phase oder Entwicklungsstufe innerhalb des gesellschaftlichen Paradigmas der Moderne“ beschreibt [Rosa ‚Beschleunigung’ (2005): S. 33]) lässt sich bezüglich der bürgerlichen Partizipation am politischen Prozess eine interessante Tendenz beobachten. Ungeachtet der rückläufigen Wahlbeteiligung und der sinkenden Zahl von Parteimitgliedschaften artikulieren viele Bürger das Bedürfnis nach politischer Einflussnahme in episodisch auftretenden, monothematisch orientierten Protesten. Im Gegensatz zur Studentenbewegung Ende der 1960er Jahre, den Bürgerbewegungen der 1980er Jahre oder auch der friedlichen Revolution 1989 in der ehemaligen DDR richten sich diese Protestformen nicht auf große gesellschaftliche Fragen sondern artikulieren bürgerlichen Widerspruch gegen politische oder wirtschaftliche Großprojekte. Der Widerstand gegen Stuttgart21, die Dresdener Waldschlösschenbrücke oder die Flugroutenplanung des neuen Berliner Großflughafens sind hierfür nur einige Beispiele.
Ziel der Bachelor-Arbeit ist es gewesen, zu verstehen wie gerade situative und stark kontext- gebundene Bürgerproteste in einer Zeit weithin angenommener Politikverdrossenheit zu mobilisieren vermögen. Sind die aktuell zu beobachtenden Proteste möglicherweise Ausdruck eines Bedürfnisses nach neuen Formen politischer Teilhabe des Bürgers? In diesem Sinne könnten monothematische Bürgeraktivitäten Möglichkeiten für eine konstruktive Erweiterung klassisch-repräsentativer Partizipationsmechanismen bieten. Der Blick der Arbeit ist daher auf die Qualität des politischen Interesses ebenso gerichtet wie auf die spezifischen Motivationen und Mobilisierungsmechanismen für diese Formen politischer Partizipation.
Aufgrund des Untersuchungsinteresses erschien ein qualitativ orientierter Forschungsansatz sinnvoll. Im Gegensatz zur quantitativen Sozialforschung zielt dieses Vorgehen auf das Verstehen, nicht das Erklären eines Phänomens. Ergebnis ist die Beschreibung der Perspektive bestimmter Teilnehmer an monothematischen Protestaktivitäten und das Nachvollziehen ihrer Wahrnehmungsmuster. Grundlage waren Leitfaden-Interviews mit vier Probanden, die sich aus verschiedenen Motiven und mit unterschiedlicher Intensität an den Protesten gegen die unter dem Namen ‚Mediaspree’ geplante Bebauung des Spreeufers im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg engagiert haben. Aufgrund ihres vergleichsweise langen Bestehens (seit 2007) dient die Bürgerinitiative ‚Mediaspree Versenken!’ als ein aufschlussreiches Beispiel für Erkenntnisse über politische Partizipation in der Spätmoderne.
Die Fallstudie passt gut unter das Leitmotiv des Kongresses ‚Komplexe Neue Welt’. Auf der Basis der Theorien von Colin Crouch (Postdemokratie), Hartmut Rosa (Situative Identitätsbildung) und Gerhard Schulze (Erlebnisorientierung) wird die Spätmoderne als vielfach neu orientiert, aber nicht umstürzend dargestellt. Die gesteigerte Komplexität von Individuum, Gesellschaft und Politik bringt neue Ansprüche an politische Partizipation hervor, die in klassischen Werken wie Gabriel Almonds und Sidney Verbas The Civic Culture keine Berücksichtigung finden. In Bezug auf die Gestaltungsmöglichkeiten von Politik und Praxis durch den Bürger bietet monothematisch orientiertes Engagement spannende Innovationspotentiale.

Die Auswertung der Interviews deutet an, dass die häufig monothematische Ausrichtung politischer Partizipation in der Spätmoderne auf eine wahrgenommene Unzulänglichkeit der institutionalisierten Teilhabeformen der klassisch-repräsentativen Demokratie zurückgeführt werden kann. In der hoch individualisierten Gesellschaft der Spätmoderne erscheint langfristiges, Gruppeninteressen verpflichtetes Engagement in politischen Organisationen zunehmend unattraktiv. Flexible Formen der Teilhabe gewinnen an Relevanz. Das grundsätzlich vorhandene politische Interesse des Bürgers wird vor allem durch Empörung über Beschlüsse der Politik mobilisiert, welche die individuelle Lebenswelt direkt betreffen. Diese drückt sich oft in der Kritik an Entscheidungen aus, die als intransparent und privatwirtschaftlich- statt gemeinwohlorientiert empfunden werden.
Häufig wird von Politikern oder Journalisten der Vorwurf erhoben, den projektbezogenen Formen bürgerlichen Engagement mangele es an gesamtgesellschaftlichem Weitblick. Diese Kritik übersieht eine entscheidende Intention politischen Protests. Die Ergebnisse der Interviewanalyse zeigen, dass die Protestteilnehmer die Auswirkungen ihrer Unmutsäußerungen in Bezug auf die unmittelbare Beeinflussung politischer Entscheidungs- prozesse zwar als gering betrachten. Kritik wird dessen ungeachtet aber als wichtige Ressource für den demokratischen Prozess verstanden, da sie als Korrektiv wirken kann. Gewählte Volksvertreter sind auf den Zuspruch des Volkes angewiesen und können den öffentlichen Widerspruch einer großen Zahl von Bürgern und die Forderung nach Berücksichtigung des so artikulierten Bürgerwillens nicht ignorieren. Gerade weil ein solcher Protest nach Meinung vieler Politiker oft ‚zu spät’ komme, ist eine frühzeitige Transparenz der politischen Entscheidungsfindung notwendig, wenn direkte Bürgerinteressen betroffen sind und die Entstehung von Politikverdrossenheit oder –entfremdung vermieden werden soll.
Für den korrektiven Erfolg von Protest ist insbesondere der Grad der öffentlichen und medialen Wahrnehmung ein entscheidender Einflussfaktor. Das Beispiel ‚Mediaspree Versenken!’ zeigt, wie öffentliche Aufmerksamkeit in der Spätmoderne auf kreative Weise erzeugt werden kann. Die qualitative Besonderung durch Aktionsformen wie Open-Air-Raves und Bootsblockaden steigert das Mobilisierungspotential der Proteste. Gerade bei politisch weniger engagierten Bürgern, kann das Erlebnisversprechen zur Teilnahme motivieren und somit die kollektive Wirkung von Protest fördern. Mediale Aufmerksamkeit nämlich fragt nicht, oder zumindest nicht vorrangig, nach der persönlichen Nachhaltigkeit politischen Engagements. Sie generiert sich vor allem über eine große Zahl von Protestteilnehmern. Die erlebnisorientierte Mobilisierung zur monothematischen politischen Partizipation kann somit ein wirksames Mittel zum Aufbau öffentlichen Drucks im Sinne korrektiver Einwirkung auf die Politik werden.

Sebastian von Gumpert, Jahrgang 1987, hat ein abgeschlossenes BA-Studium der Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina (Frankfurt/Oder) mit Studienschwerpunkt Sozialwissenschaften. Besonderes Interesse hat er an der Wirkung veränderter gesellschaftlicher, kultureller und politischer Strukturen auf (spät-) moderne Individuen und an entsprechenden Analysen anhand qualitativer Methoden.

Dieser Beitrag wurde eingereicht von Sebastian von Gumbert.

Share

Ein Kommentar bis “Politische Partizipation in der Spätmoderne. Das Fallbeispiel ‚Mediaspree Versenken!’. Eine Analyse monothematischer Bürgerproteste anhand qualitativer Interviews.”

  1. [...] Wunsch nach mehr Teilhabe wird eines der großen Themen für eine moderne Gesellschaft werden. Auf liquidfeedback.org suchen [...]


Warning: Illegal string offset 'status_txt' in /www/htdocs/w00cd14a/2011/wp-content/plugins/share-and-follow/share-and-follow.php on line 1938

Warning: Illegal string offset 'status_txt' in /www/htdocs/w00cd14a/2011/wp-content/plugins/share-and-follow/share-and-follow.php on line 1938

Warning: Illegal string offset 'status_txt' in /www/htdocs/w00cd14a/2011/wp-content/plugins/share-and-follow/share-and-follow.php on line 1938