Gesellschaft im Chaos – Eine Analyse der Proteste in den nordafrikanischen Ländern

Unruhen, Revolution, Chaos. In den arabischen Ländern geht es rund. Doch wie kam es dazu, dass plötzlich zehntausende Menschen auf die Straße gingen und gegen ihr Regime protestierten? Welche Rolle spielt die soziale Stimmung, oder Social Mood, dabei? Und warum hat sie die Revolution wie ein Lauffeuer über den ganzen nordafrikanischen Raum ausgebreitet? Welchen Beitrag hatte Social Media in dieser Diffusion? In unserem Vortrag versuchen wir darauf Antworten zu geben.

Abstract zum Vortrag
von David Horvath und Angelika Wienerroither

Am 17. Dezember 2010 zündete sich der tunesische Gemüsehändler Mohamed Bouazizi an. Durch seine Selbstverbrennung wollte er auf die Missstände in seinem Land aufmerksam machen. Er war es, der die hierarchische Ordnung Tunesiens ins Kippen brachte. Es kam zu Protesten, Unruhen, Revolution – kurz: Chaos – und einer Auflösung der bestehenden Ordnung. Doch warum entschloss sich Mohamed Bouazizi dazu, sich anzuzünden? Warum hatte dieser Akt so gewaltige Konsequenzen? Offenkundig keine neuen, wahrscheinlich keine unbedeutenden und gewiss keine einfachen Fragen. Ein Versuch, darauf Antworten zu geben, kann aber mit Methoden und Konzepten unternommen werden, die aus den Naturwissenschaften und der Untersuchung selbstorganisierter Systeme stammen. Erstmals sollen hier die Ergebnisse der Chaosforschung auch auf soziale Systeme angewandt werden, um zu sehen, wann die hierarchische Gliederung einer Gesellschaft ins Chaos zu stürzen droht. Das Konzept von Social Mood eröffnet hier vielversprechende Möglichkeiten. John Casti (2010) hat in seinen soziometrischen Forschungsarbeiten auf radikal neuartige Weise versucht, allgemein die Abhängigkeit potentieller Ereignisse von sozialen Stimmungen, oder Social Mood, zu zeigen. Die Anwendung auf Revolutionen beziehungsweise spezieller auf die sozialen Unruhen in Nordafrika könnte hier zu neuen Erkenntnissen verhelfen.
Doch die Revolution brachte nicht nur die bestehende Ordnung in Tunesien zu Fall. Das Chaos verbreitete sich wie ein Flächenbrand über mehrere Länder der arabischen Welt. Plötzlich gingen in Nordafrika zehntausende Menschen auf die Straße, um gegen ihre despotischen Herrscher zu protestieren und sie zu stürzen. Wie kann die Ausbreitung dieser Phänomene über Ländergrenzen hinweg erklärt werden? Eine Antwort darauf kann in der wichtigen Rolle von Social Media gesehen werden. Durch die elektronische Verbreitung der Bilder und Nachrichten vom erfolgreichen Sturz des tunesischen Herrschers wurde auch die Möglichkeit zur Revolution weitergegeben. Revolution kann auch als eine gesellschaftliche Innovation verstanden werden, mit der die Missstände in den einzelnen Ländern angeprangert und zu einem besseren verändert werden können. Sobald diese Technik der Veränderung in Tunesien ‚erfunden‘ wurde, verbreitete sie sich via die elektronischen Medien über den arabischen Raum. Denn die Länder hatten trotz vieler unterschiedlicher Rahmenbedingungen eines gemeinsam: die Unzufriedenheit mit dem bestehenden politischen System.
Die vorliegende Arbeit versucht also zuerst zu erklären, wie die Social Mood plötzlich kippen konnte, und damit die hierarchische Ordnung von Tunesien ins Chaos stürzte. Dafür wird das Konzept der Social Mood erklärt. Nach einer kritischen Würdigung wird die Anwendbarkeit auf das Thema Revolution diskutiert, und somit bestehende Revolutionstheorien erweitert. Nach der Erläuterung wie es überhaupt zur Revolution kommen konnte wird der Diffusionsprozess beschrieben. Dabei wird von der These ausgegangen, dass Revolutionen eine innovative Technik sind, mit der die Missstände in einem Land bekämpft werden können. Für die Verbreitung dieser Innovation ist die Verwendung von Social Media maßgeblich.


Ausgewählte Literatur:
Casti, John (2010) Mood Matters. From Rising Skirt Lengths to the Collapse of World Powers. New York: Copernicus Books.
Karnowski, Veronika (2011) Diffusionstheorien. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft.
Rogers, Everett M. (2003) Diffusion of Technologies (5. Auflage). New York: Free Press.


Angelika Wienerroither studiert International Management an der FH Joanneum und Soziologie an der Karl-Franzens-Universität Graz. Ihre Interessen liegen vor allem an der interdisziplinären Betrachtung von neuzeitlichen gesellschaftlichen Veränderungen und Trends.

David Horvath studiert Philosophie und Soziologie an der Karl-Franzens-Universität Graz, arbeitet gerne interdisziplinär und verweigert sich der Spezialisierung. Er findet seine Interessensfelder in diversen empirischen Methoden und Sozialtheorie, genauso wie in Zeitdiagnosen, aber auch in Wissenschaftstheorie und Ethik.

Dieser Beitrag ist ein eingereichter Abstract zum 3. Studentischen Soziologiekongress und steht unter dem Urheberrecht der Verfasser!

Dieser Beitrag wurde eingereicht von DavidHorvath.

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