Soziale Initiativen 2.0 – Die nächste Generation der sozialen Initiativen in einer komplexen neuen Welt

Soziale Medien im Web 2.0 stellen für soziale Initiativen hilfreiche Werkzeuge zur Zielerreichung dar, die jedoch kontextspezifisch angewendet werden müssen. Aufgrund der Komplexität ihrer Nutzungspraktiken stellen sie neue Herausforderungen an den sozialen Sektor. Ein Forschungsprojekt der TU Berlin untersucht dieses Phänomen seit zwei Jahren, stellt auf dem Kongress erste Zwischenergebnisse vor und ruft zur bundesweiten Vernetzung der sich mit diesem Bereich Beschäftigenden auf.

von Richard Bretzger, Julia von Buxhoeveden, Sebastian Gabbert, Martin Görendt, Alex Hänel, Marc Schmieder, Kai Theuer

Spätestens seit dem Beginn der so genannten “Twitter-Revolutionen” und den Mobilisierungspraktiken der “Generation Facebook” in Teilen Nordafrikas und Staaten der arabischen Halbinsel ist die Frage nach der Bedeutung von Online-Netzwerken für das Aufkommen sozialer Bewegungen im Fokus des medialen Interesses. Auch beispielsweise in der vergangenen US-Wahlkampfkampagne von Barack Obama spielten die neuen Medien des so genannten “Web 2.0″ eine wichtige Rolle bei der Mobilisierung der Wählerschaft. In Deutschland weisen exemplarisch die Auseinandersetzungen um die Einführung von Netzsperren oder die um die so genannte Vorratsdatenspeicherung auf eine zunehmende Bedeutung des Netzes als Gegenstand und als Werkzeug politischer Konflikte hin. Doch nicht nur im Kontext politischer Kampagnen und der Generierung von Öffentlichkeit scheinen die Möglichkeiten des interaktiven Netzes eine große Rolle zu spielen sondern auch Bezug auf die gemeinschaftliche Generierung von Wissensbeständen (bspw. Wikipedia oder gemeinsame Datenspeicher), die Abstimmung von Terminen (bspw. Doodle) oder die gemeinschaftliche Arbeiten an Dokumenten. Es scheint so, als ob diese Möglichkeiten der Vernetzung, des Publizierens, des Dialogs und der Kollaboration, die das “neue Netz” bietet, zunehmend von sozialen Initiativen genutzt werden. Die Frage nach den Veränderungen, die sich daraus für das Phänomen “soziale Initiative” in Bezug auf ihre interne Arbeit, ihre Grenzziehung, ihre Vernetzung und ihre Öffentlichkeitsarbeit ergeben, ist Ausgangspunkt des Forschungsvorhabens “Soziale Initiativen und Web 2.0″. So formierte sich im Frühjahr 2010 eine Gruppe von Studierenden verschiedener Jahrgänge am Institut für Soziologie der TU Berlin im Rahmen eines autonomen Forschungsseminars. Von den anfangs zwölf Teilnehmer/innen forschen nun sieben Teammitglieder weiter an der Thematik und organisieren sich in einem auf zwei Jahre ausgelegten eigenständigen Forschungsprojekt.

Die theoretische Beschäftigung mit sozialen Gruppen und Bewegungen, neueren Ansätzen zur Betrachtung von computervermittelter Kommunikation und dem Spannungsverhältnis zwischen Privatheit und Öffentlichkeit mündete in der Erarbeitung von zwei Merkmalskatalogen zur Erfassung des Phänomens.
Als Arbeitsbegriffe haben sich seither “Social Software” für alle Werkzeuge, welche computervermittelt dialogorientierte Kommunikation ermöglichen und “soziale Initiativen” für alle sozialen Gruppen und Personenkollektive, welche normativ, intentional und nicht profitorientiert ihre soziale Wirklichkeit verändern wollen, etabliert.

Die verwendeten soziologischen Theoriekonzepte sollten einerseits möglichst zugeschnitten auf den Untersuchungsgegenstand sein und andererseits ausreichend Spielraum für unterschiedliche Betrachtungsweisen zulassen, denn alle Teilnehmenden sollen die Möglichkeit haben, in der Forschung individuelle Schwerpunkte setzen zu können. Unserer Meinung nach ist diese Gratwanderung mit den Praxistheorien (u. A. Giddens, Bourdieu) und ihrer Konzentration auf “Tätigkeiten im Vollzug” (Bongaerts 2007), der Einbettung in “kollektiv geteilte Wissensordnungen, Symbolsysteme, kulturelle Codes, Sinnhorizonte” (Reckwitz 2003, S. 288) sowie dem Begriff der Praktik, also „routinisierte Verhaltensweisen die kulturell, situativ angewendet werden“ (Shove/Panzer 2005, siehe auch Reckwitz oder Schatzki) zu leisten.

Zur Untersuchung der Fragestellung (Welche Praktiken existieren bei der Nutzung von Social Software in sozialen Initiativen) haben wir uns in der ersten Empiriephase für eine Embedded-Single-Case-Study entschieden und eine aktive Berliner Bürgerinitiative untersucht. Die erhobenen Daten und die weiteren Untersuchungseinheiten werden mit der Methode des Theoretical Sampling laufend erweitert und um Beobachtungsdaten sowie eine Analyse der Internetaktivitäten (“Netnographie”) ergänzt und validiert.

Anhand der bisherigen Ergebnisse zeigen sich für uns teils unerwartete Praktiken die zur Zielerreichung eingesetzt werden. Diese durch die neuen ubiquitären vernetzten Möglichkeiten in der raum-zeitlich überspannenden Dimension des Web 2.0 bieten sowohl neue, komplexe Ausdrucksmöglichkeiten für kooperierende Individuen in einer Initiative, als auch komplett neue,  ergänzende oder ersetzende Strategien. Viele der in den sozialen Initiativen aktiven Partizipierenden zeigen eine stark ausgeprägte Kompetenz im Umgang mit Social Software, setzen diese Praktiken intensiv in den Initiativen ein und stoßen damit nicht selten auf Widerstand innerhalb der eigenen Gruppierung. Häufig bildet sich gerade entlang der verschiedenen Nutzungspraktiken eine Konfliktlinie, die über Zielstrategien und öffentliche Resonanz entscheidet.
Die Praktiken diffundieren auch über die Internetaktivisten über die Grenzen der Initiative hinaus und schaffen so ein Innovationspotenzial für zivilgesellschaftliches Engagement.
Eines der Ziele des Projekts soll neben der Ausbildung einer Theorie mittlerer Reichweite für Soziale Initiativen der “nächsten Generation” auch die konkrete Gestaltung und Verbreitung von katalysierenden Praktiken zur Erleichterung der Partizipation in der komplexen neuen Welt sein.

Auf dem 3. Studentischen Soziologiekongress werden wir einen Ausschnitt unserer vorläufigen Ergebnisse präsentieren und freuen uns auf kritisches Feedback und eine konstruktive Diskussion im Anschluss.

Der Kongress soll dabei als Kick-Off für einen längerfristigen offenen Austausch in Form eines (Jung-)ForscherInnen-Netzwerkes fungieren und die Beschäftigung im deutschsprachigen Raum mit dem Thema Internet und Gesellschaft, sowie Partizipation, Zivilgesellschaft und Ehrenamt im Internet untereinander vernetzen.

Die sieben Teilnehmer/innen des Forschungsprojekts sind (alphabetisch):
Richard Bretzger, Julia von Buxhoeveden, Sebastian Gabbert, Martin Görendt, Alex Hänel, Marc Schmieder, Kai Theuer


Richard Bretzger studiert seit 2006 Soziologie technikwissenschaftlicher Richtung auf Diplom an der TU Berlin. Seine Neben- und Vertiefungsfächer sind Informatik und Organisationssoziologie. Bereits seit seiner Schülerzeit beschäftigt er sich mit gesellschaftlichen Partizipationsprozessen und zivilgesellschaftlichem Engagement. Um dieses Interesse zu vertiefen und empirisch zu erforschen, startete Richard Bretzger im Sommer 2010 zusammen mit Martin Görendt ein Projekt- und Forschungsseminar zum Thema “Soziale Initiativen und Web 2.0″, dessen Zwischenergebnisse beim 3. Studentischen Soziologiekongress vorgestellt werden sollen. Sein besonderes Interesse liegt dabei an der Erforschung von innovativen Praktiken, die sich bei der Nutzung des Internet durch soziale Initiativen herausbilden.

Julia von Buxhoeveden studiert seit 2006 Soziologie technikwissenschaftlicher Richtung auf Diplom an der TU Berlin. Sie ist seit 2011 Mitglied des Forschungsprojektes “Soziale Initiativen und Web 2.0″

Sebastian Gabbert studiert seit 2009 Soziologie technikwissenschaftlicher Richtung auf Bachelor an der TU Berlin mit dem Nebenfach Informatik. Er ist seit Wintersemester 2010/2011 Mitglied im Forschungsprojekt “Soziale Initiativen und Web 2.0″.

Martin Görendt studiert seit 2006 Soziologie technikwissenschaftlicher Richtung auf Diplom an der TU Berlin. Seine Neben- und Vertiefungsfächer sind Bauingenieurwesen und Organisationssoziologie. Um sein Interesse an zivilgesellschaftlichem Engagement zu vertiefen, startete er im Sommer 2010 zusammen mit Richard Bretzger ein Projekt- und Forschungsseminar zum Thema “Soziale Initiativen und Web 2.0″, dessen Zwischenergebnisse beim 3. Studentischen Soziologiekongress vorgestellt werden sollen.

Alex Hänel studiert seit 2006 Soziologie technikwissenschaftlicher Richtung auf Diplom mit den Nebenfächern Verkehrswesen und Organisationssoziologie an der TU Berlin. Er erachtet sich als theorieaffin, derzeit beschäftigt er sich zum Beispiel mit der Aktor-Netzwerk-Theorie. Alex Hänel ist seit dem Sommersemester 2010 im studentischen Forschungsprojekt “Soziale Initiativen und Web 2.0″ aktiv und dort hauptsächlich interessiert an der Erforschung informeller Hierarchien.

Marc Schmieder studiert Soziologie technikwissenschaftlicher Richtung auf Bachelor mit dem Nebenfach Arbeitswissenschaften an der TU Berlin. Sein Interessenschwerpunkt liegt bei Organisationsmodellen von zivilgesellschaftlichem Engagement. Marc Schmieder ist seit dem Sommersemester 2010 im studentischen Forschungsprojekt “Soziale Initiativen und Web 2.0″ aktiv und dort hauptsächlich interessiert an der Erforschung des Phänomens sozialer Bewegungen.

Kai Theuer studiert seit 2009 Soziologie technikwissenschaftlicher Richtung an der TU Berlin auf Bachelor mit dem Nebenfach Technischer Umweltschutz. Gesetzte Schwerpunkte sind die Diskursanalyse und -theorie. Kai Theuer ist seit Sommer 2010 im studentischen Forschungsprojekt “Soziale Initiativen und Web 2.0″ aktiv und dort besonders an methodischen Erhebungsverfahren in der Soziologie, als auch an Fragen der Wissensverteilung innerhalb von Sozialen Initiativen interessiert.

Dieser Beitrag wurde eingereicht von Richy Bretzger.

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