Dein Avatar versteht mich nicht (Und Du?) – Das Problem der Qualifizierung von Sprechakten in digitalisierter Kommunikation

Wir kommunizieren ständig – verbal, nonverbal, digital, analog, bewusst, unbewusst und sogar drahtlos per Funk. So finden und behaupten wir uns einen Platz im sozialen Gefüge unserer Gesellschaft. Technische Errungenschaften erleichtern uns die Interaktion selbst und die Organisation unserer Kommunikationsakte. Dabei darf aber nicht außer Acht gelassen werden, dass diese Technologien Unzulänglichkeiten haben, die, verfahrensbedingt, auch unsere Interaktionen beeinflussen. In diesem Vortrag soll eine Entwicklung aufgezeigt werden, die von den Neuen Medien ausgeht mit einer ihnen inhärenten veränderten Sprachverwendung; aus diesen linguistischen Einsichten wird eine Projektion gewagt, gestützt auf Studien der Kommunikationswissenschaft und der Soziolinguistik, die mögliche Veränderungen gesellschaftlicher Interaktion beschreibt.

von Hannes Rueskamp

Sozialer Wandel wird immer auch begleitet von einem Wandel der Kommunikation. Allerdings wird gestritten, ob der soziale Wandel neue Medien an die Oberfläche bringt oder Gesellschaft in den Sog neuer Technologien gerät.

Ich möchte die Situation differenzierter begutachten und löse diese Diskussion als Kohärenzproblem der wechselseitigen Beeinflussung sozio-technischer Systeme auf: Einerseits wird Technologie nur gesellschaftlich assimiliert, wenn auch ein relevanter Bedarf besteht, andererseits verlangt jede Technologie die Anpassung gesellschaftlicher Kompetenzen.

Kommunikation in den Neuen Medien ist eine schriftbasierte, „emulierte Mündlichkeit“ (Haase 1997), der die Fähigkeit fehlt, über die sozialen Beziehungen implizit Auskunft zu geben. Tatsächlich formt erst diese analoge Kommunikation (Watzlawick, 2007) soziale Beziehungen (auch über Rituale, vgl. Goffman, 1973) und stellt deren Wandel über die Zeit dar. Denn genau analoge Kommunikation ist der, vorwiegend nonverbale, Informationsaustausch über die jeweilige Vorstellung der Individuen über die soziale Beziehung zueinander.

Dabei interessiert mich die Rolle der Jugendlichen, deren Sozialisation (in die Gesellschaft) heute verstärkt über Neue Medien stattfindet (Soziale Netzwerke, Chat, SMS, E-Mail). Ich berücksichtige den statistischen Befund, dass Kinder immer weniger der Sprache ihrer Eltern ausgesetzt sind und zweitens setzte ich voraus, dass die Sozialisation stattfindet durch sprach-basierte Kommunikation (Bernstein, 1972; Habermas, 1988).

Im geplanten Vortrag möchte ich zwei Aspekte aufzeigen: Zunächst die in Chatrooms, In-stant-Messaging-Systemen (IM) und im SMS-Verkehr erfolgte Beobachtung, dass durch die vorgegebenen technischen Beschränkungen dieser Medien neue funktionale Sprachvarianten entstehen (Santillan, 2010). Dabei sind „Selbstbeschreibungen und Ersatz-Anzeichen [z.B. Emoticons und Inflexive] des Chats nicht nur Kompensationsmaßnahme für fehlende non-verbale Information […], sondern haben Kommentarcharakter“ (Wirth in Schlobinski 2006: a.a.O. 123). Dabei möchte ich sogar noch weiter gehen und in Anlehnung an Bernstein dies als einen restringierten Code kennzeichnen, da grundlegende sprachliche Möglichkeiten emo-tionaler Qualifizierung fehlen. Der Code schließt also bestimmte Themen aus, die in ihm we-der explizit durch Sprache noch implizit durch nonverbale Signale kommunizierbar sind.

Und zweitens meint Kompensation nie gleichwertigen Ersatz; also muss man davon ausge-hen, dass vieles der nonverbalen Information verloren geht, die nach Watzlawick einen Großteil (nämlich 80%) menschlicher Kommunikation ausmacht und die benötigt wird für eine beziehungsbasierte Qualifizierung der erhaltenen Mitteilung. In dem Kommunikationsmodell von Schulz von Thun entsprechen diesem Verständnis die Selbstoffenbarungs- und die Beziehungsebene menschlicher Kommunikation (die Appellebene fällt in der vorliegenden Betrach-tung unter das soziale Handeln).

Basierend auf den kommunikationstheoretischen Arbeiten von Bernstein, Watzlawick, Schulz von Thun, Goffman und Austin entwickele ich eine Vorstellung digitalisierter Kommunikation. Dabei berücksichtige ich aktuelle Forschungen der Germanistik (C. Dürscheid in Zürich), der Linguistik (M. Chun in Duisburg) und der Sprachwissenschaft (E. Santillan in Wien). Repräsentative Beispiele aus SMS- und Chat-Datenbanken, historischen Briefwechseln gegenüber gestellt, werden die theoretischen Überlegungen veranschaulichen.

Ich erwarte einen zunehmenden Einfluss dieser öffentlichen Sprache (Bernstein) auf die for-male Sprache. Das hat Auswirkungen auf jedwede sprachbasierte Kommunikation: Pädago-gen verstehen sich mit ihren Schüler nicht mehr, Werbebotschaften kommen nicht an und die Trennung der durch Codes und sozioökonomische Umstände separierten Milieus wird schär-fer und soziale Mobilität erschwert.

Luhmann (2005) folgend gehe ich davon aus, dass Interaktionen soziale Beziehungen und damit Gesellschaft konstituieren; dieser Vorgang wird unmöglich, wenn die Kommunikation (interpersonal oder digitalisiert) auf der Beziehungsebene unzureichend ist. Das liegt einmal daran, dass Beziehungen expliziert werden müssen, jedoch der Code zu eingeschränkt und der Wechsel in den elaborierten Code schwer oder unmöglich ist. Zweitens werden Jugendliche, die in der beschriebenen Medienlandschaft sozialisiert sind, weder mit impliziten noch expliziten Beziehungsaussagen zurechtkommen, da diese von der Elterngeneration und umgeben-den Milieus eben nicht in Kommentarform dargeboten werden, sondern semiotisch und vorallem nonverbal (in Tonfall, Gestik, Mimik) verschlüsselt sind.

 

Literatur:

Aitchinson, J. (Hrsg.): New Media Language. London, 2003

Austin, J.: Zur Theorie der Sprechakte. Stuttgart, 1994

Bernstein, B.: Studien zur sprachlichen Sozialisation. Düsseldorf, 1972

Bernstein, B. (Hrsg.): Sprachliche Codes und soziale Kontrolle. Düsseldorf, 1975

Bernstein, B. / Brandis, W. / Henderson, D.: Soziale Schicht, Sprache und Kommunikation. Düsseldorf, 1973

Habermas, J.: Theorie des kommunikativen Handelns. Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung. Frankfurt/Main, 1988

Goffman, E.: Interaktion. Spaß am Spiel – Rollendistanz. München, 1973

Kolbe, C.: Digitale Öffentlichkeit. Berlin, 2008

Luhmann, N.: Interaktion, Organisation, Gesellschaft in: ders..: Soziologische Aufklärung 2. Wiesbaden, 2005

Santillan, E.: Digitale Jugendkommunikation in der Informationsgesellschaft. Wien, 2010

Schlobinski, P. (Hrsg.): Von hdl bis cu l8r. Mannheim-Leipzig-Wien-Zürich, 2006

Schulz von Thun, F.: Miteinander reden: Störungen und Klärungen. Allg. Psychologie der Komm.. Hamburg, 1997

Watzlawick, P. / Beavin, J. / Johnson, D.: Menschliche Kommunikation, Formen, Störungen, Paradoxien. Bern, 2007

Dieser Beitrag ist ein eingereichter Abstract zum 3. Studentischen Soziologiekongress und steht unter dem Urheberrecht der Verfasserin/des Verfassers!

Hannes Rüskamp, geboren 1986, machte 2006 Abitur in Freiburg, seit 2008 Studium des Maschinenbaus und der Sozialwissenschaften an der TU Kaiserslautern; ab dem Wintersemester 2011 Studium der Soziologie an der Universität Frankfurt.

Dieser Beitrag wurde eingereicht von Ecco21.

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