„Couchsurfen“- Eine Innovation. Die Analyse einer Reisepraktik.

Das Internet hat unsere komplexe Welt noch vielschichtiger gemacht und sie dem Individuum an die Seite gestellt. Ein Phänomen bei dem die Grenzen beider Welten verschwimmen ist Couchsurfing.com. Dieses ist ein internetbasiertes Gastgebernetzwerk und man kreiert dabei man auf der Internetplattform Couchsurfing.org ein Profil um zum einen bei anderen übernachten zu können (surfen) und zum anderen selbst eine Übernachtungsmöglichkeit anzubieten (hosten). Diese besondere Reiseform wurde mit Hilfe der Praxistheorie Schatzkis auf ihre Innovativität hin untersucht. Dabei wurden bekannte Reisepraktiken, wie Pilgern, und die Hotelreisepraktik als Vergleichsebene herangezogen. Bei der Untersuchung des Couchsurfens spielte weiterhin die Reziprozität zwischen Host und Surfer eine gesonderte Rolle.

von Carolin Thiem

Das Internet als Technologie hat unsere Gesellschaft nachhaltig beeinflusst und die bereits komplexe Welt, noch vielschichtiger gemacht. Die Virtuelle Welt wird der realen Welt an die Seite gestellt und das Individuum ist mit dieser konfrontiert. Bereits seit einigen Jahren beschäftigt sich deswegen die Soziologie mit Phänomenen, die das Internet betreffen. Zwar hat sich eine „Soziologie des Internets“ bislang nicht etabliert, aber es gibt unterschiedliche interdisziplinäre Bemühungen auf dem Wege dorthin. Diesen Ansätzen zu folgen, heißt grundlegendes soziologisches Wissen in Bezug auf das „Phänomen Internet“ hin zu reflektieren und das soll auch im Folgenden eine Rolle spielen.
Neben Themen, wie „Globalität“, „Identitätsherstellung im Internet“ und „virtuelle Kommunikation“ und stellt sich auch für Innovationstheoretiker oft die Frage, inwiefern das Internet und die Technik, die damit verbunden ist, selbst eine radikale Innovation darstellt sowie innovative Praktiken hervorbringt. Vor allem der letztgenannte Aspekt hat in meiner Diplomarbeit einen wichtigen Stellenwert eingenommen. Das Phänomen, welches auf seine Innovativität hin untersucht wurde, ist Couchsurfing.org, ein internetbasiertes Gastgebernetzwerk. Dabei kreiert man auf der Internetplattform Couchsurfing.org ein Profil um zum einen bei anderen übernachten zu können (surfen) und zum anderen selbst eine Übernachtungsmöglichkeit anzubieten (hosten).
Couchsurfing.org wurde als exemplarisches Beispiel ausgewählt, weil es in den letzten zwei Jahren einen enormen Mitgliederzuwachs erfahren hat und es als weltweites Netzwerk fungiert. Couchsurfing bietet verschiedene soziologische Anknüpfungspunkte(1). Untersucht wurde aber nicht das Portal, sondern die Praktik des Couchsurfens. Der interessante Aspekt auf der soziologischen Ebene ist zunächst die Verbindung zwischen virtueller und realer Welt und das damit im Zusammenhang stehende Vertrauen, das man als Übernachtungsgast aber auch als Gastgeber einer fremden Person entgegenbringt. Außerdem ist die Intimität, die eine solche Situation hervorbringt, von Bedeutung. Ich habe mich aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen der Reiziprozität zwischen den Nutzern und in diesem Zusammenhang auch mit der Innovativität dieser Reisepraktik näher auseinandergesetzt. Viele Nutzer sowie die Medien beschreiben es bereits als Innovation. Da diese Bezeichnung aber mittlerweile in der Gesellschaft geradezu inflationär gebraucht wird (vgl. Rammert 2010: 35), habe ich mir nun die wissenschaftliche Frage gestellt ob Couchsurfing.org eine Innovation darstellt. Dabei steht nicht die technische Innovation des Internetportals im Mittelpunkt, sondern die Praktik des Couchsurfens, da bisher soziale Innovationen in der Innovationsforschung eher weniger fokussiert worden (Rammert 2010: 25). Die soziale Innovation und somit die soziale Praxis wurde mit Hilfe der Praxistheorie Theodor Schatzkis (1996, 2002) analysiert. Soziale Praktiken werden auch als soziale Innovationen bezeichnet, was die Wahl einer Praxistheorie attraktiv gemacht hat. Ebenso konnte ich dadurch die Reziprozität zwischen dem Surfer und dem Host gut analysieren.
Um die Innovativität der Praktik besser untersuchen zu können habe ich mich mit schon bekannten Reisepraktiken, sowohl mit Pilgerfahrten, als auch mit dem Backpacken auseinandergesetzt. Das Hauptergebnis meiner Untersuchung mit leitfadengestützten Interviews ist, dass das Portal auf der technischen Ebene sowie die Praktik eine inkrementelle Innovation darstellt, da Komponenten der Technik sowie der Praktik bereits vorhanden waren und mit neuen Elementen kombiniert wurde. Dabei steht das Neue der Praktik im Vordergrund. Das Hauptergebnis meiner Untersuchung war, dass Couchsurfen generell eine neue Organisationsform des Reisens darstellt und die Form der Reziprozität zwischen den Surfern. Die Aufgaben, die vor und während der Reise vom Couchsurfer bewältigt werden, sind teils aus anderen Praktiken bekannt oder müssen neu erlernt werden. Die vertrauten Praktiken und Aufgabe sind aus anderen Bereichen transferiert und werden in die Praktik des Couchsurfens integriert. Das Übernachten bei nur virtuell bekannten Personen steht jedoch im Vordergrund. Couchsurfen verbindet verschiedene Praktiken, wie die des Übernachtens bei Fremden (Pilgerfahrten) sowie das Kennelernen übers Internet (Internet-Dating) und schafft somit etwas Neues. Schlussendlich ist die Praktik durch die verschiedenen neuen und abgeänderten Projekte als eine neue Praktik zu bezeichnen. Neue Praktiken stellen sind verantwortlich für den sozialen Wandeln, weshalb auch Couchsurfen als Praktik diesen und somit die Welt in ihrer Komplexität beeinflusst.

(1) Beispielsweise: die Untersuchung von virtuellen sowie die Transformation in realweltliche Gemeinschaften, Technikgenese (Entrepeneurship), die These der grassroots innovation sowie grassroots Bewegung, die Entwicklung eines neuen Lebensstils, Status bzw. Hierarchiefragen in der Organisation Couchsurfing, Herstellung von Vertrauen und Glaubwürdigkeit im Internet und weitere.


Quellen:
Rammert, Werner (2010): Die Innovation der Gesellschaft. In: Howaldt, Jürgen und Jacobsen, Heike (2010) Soziale Innovationen. Auf dem Weg zu einer postindustriellen Innovationsparadigma. Dortmunder Beiträge zur Sozialforschung. Wiesbaden: VS Verlag
Schatzki, Theodore R. (1996): Social Practices. A Wittgensteinian Approach to Human Activity and the Social. Cambridge: Cambridge University Press
Schatzki, Theodore R. (2002): The Site of the Social. A Philosophical Account of the Constitution of Social Life and Change. Pennsylvania State Universitiy Press

Dieser Beitrag ist ein eingereichter Abstract zum 3. Studentischen Soziologiekongress und steht unter dem Urheberrecht der Verfasserin/des Verfassers!

 

Carolin Thiem ist Absolventin der Soziologie technikwissenschaftlicher Richtung der TU Berlin und arbeitet im Moment im Non-Profit-Bereich zu den Themen Gender und Nachhaltigkeit.

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